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Wie entstanden die Millionenschäden im Horst-Korber-Zentrum?

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Provisorisch und mit wenig Privatsphäre: Die Schlafstätten in der Notunterkunft.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Es ist 9.30 Uhr. Im Horst-Korber-Zentrum in Charlottenburg herrscht Trubel: Familien, teils mit kleinen Kindern, frühstücken in Schichten, andere schlafen noch. Ein Stockwerk tiefer bildet sich schon eine Schlange vor dem improvisierten Ärzteraum in einer der größten Notunterkünfte für Flüchtlinge. Sie besteht aus zwei großen Sporthallen, dem Horst-Korber-Zentrum.

Bis September vorigen Jahres waren die Hallen dem Spitzensport vorbehalten. Nur die besten Leichtathleten, Hockey- und Volleyballspieler durften hier trainieren. Geht es nach dem Landessportbund (LSB), soll das am besten sofort wieder so sein. In einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) fordert der LSB den Senat auf, die Hallen unverzüglich dem Spitzensport zurückzugeben.

Untermauert wird die Forderung mit dem Gutachten eines Architekturbüros aus Tempelhof. Dieses hat für den LSB die Schäden geschätzt, die durch die „derzeitige Nutzung“ – also durch die Belegung mit Flüchtlingen – entstehen. Es sind demnach 4,3 Millionen Euro.

Saubermachen im Foyer des Horst-Korber-Sportzentrums

Saubermachen im Foyer des Horst-Korber-Sportzentrums

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Gravierende Posten in der langen Mängelliste sind die Fußböden. Für die größere Horst-Korber-Halle werden 460.000 Euro Sanierungskosten veranschlagt, für die kleinere Harbig-Halle 360.000 Euro. Aber auch neue Wandfliesen (Korber-Halle: 295.000 Euro, Harbig-Halle: 118.000 Euro), Tischlerarbeiten (Korber-Halle: 180.000 Euro, Harbig: 35.000) und Malerarbeiten inklusive neuer Außenfassade (Korber-Halle: 195.000 Euro, Harbig: 140.000) werden fällig. Das sei nur der derzeitige Stand, sagt LSB-Direktor Heiner Brandi. Er fürchtet, dass die Schäden und somit die Kosten weiter anwachsen.

„Deshalb und vor allem, weil auch der Leistungssport leidet, wäre es wichtig, dass der Senat jetzt handelt“, so Brandi. „Warum nutzt man nicht ein paar Hallen von der Messe. Nach der ITB und vor der Funkausstellung stehen viele leer“, sagt Brandi und gibt damit den Vorschlag des LSB wider, den man auch Müller per Brief unterbreitet hat. In diesem Brief ist auch zu lesen, dass das Sportzentrum aus Sicht der Sportfunktionäre als Notunterkunft nur noch gering ausgelastet sei. Man habe nur 80 belegte Betten gezählt.

Unterstützung durch die Sportler

Beim Besuch zeigt sich ein anderes Bild: Überall stehen Feldbetten herum, Laken dienen als improvisierter Sichtschutz. „In dieser Nacht haben 843 Menschen hier geschlafen“, bestätigt Sina Carla Chikar (28) am Montag. Die Sozialarbeiterin und stellvertretende Leiterin der Notunterkunft führt herum. Die Fußbodenschäden kann man nicht sehen, die Böden wurden mit Platten abgedeckt, ehe die ersten Flüchtlinge kamen. Das war im September. Seitdem waren insgesamt 30.000 Menschen hier untergebracht.

„Die Sportler und die Vereine unterstützen uns“, so Chikar. Sie ist stolz auf die geschaffene Infrastruktur. „Wir haben eine eigene Kita, die Charité sichert die ärztliche Versorgung, Ehrenamtliche helfen bei der Kinderbetreuung“, so die Sozialarbeiterin über den Alltag in der Notunterkunft. Dieser Alltag besteht vor allem aus Flexibilität. Chikar: „Wir wissen jetzt noch nicht, ob heute Abend wieder 100 Leute kommen.“ Schließlich landen dort alle Flüchtlinge, die noch nicht registriert sind und einen Schlafplatz brauchen.

Regina Kneiding, Sprecherin von Sozialsenator Mario Czaja (CDU), lässt keinen Zweifel daran, dass das Korber-Zentrum bis auf weiteres Notunterkunft bleibt. „Wir brauchen die Hallen noch – als Reserve und weil wir davon ausgehen, dass der Zustrom an Flüchtlingen wieder stärker wird“, sagt sie. Im Übrigen seien die Spitzensportler nicht die einzigen, die noch auf ihre Trainingsflächen warten müssten. Derzeit strebe man an, das Korber-Zentrum am 9. August wieder freizugeben, so Kneiding. Anschließend würden „alle Hallen in ordnungsgemäßem Zustand zurückgegeben“. Die Sanierungskosten will der Senat dann noch selbst schätzen lassen. Das sei erst sinnvoll, wenn die Flüchtlinge ausgezogen seien.

„Das Horst-Korber-Sportzentrum stand ohnehin schon in der Sanierungsliste. Im Landeshaushalt waren allein für 2016 und 2017 insgesamt eine Million Euro vorgesehen. Dieses Geld hätten wir nicht eingeplant, wenn die Halle vorher tipptopp gewesen wäre“, so Anja Schillhaneck, sportpolitische Sprecherin der Grünen. Natürlich entstünden jetzt noch zusätzliche Schäden, natürlich wisse jeder, dass Sporthallen nicht zum dauerhaften Wohnen gebaut würden. Aber: „Wir haben einen riesigen Investitionsbedarf im Bereich der Sportstätten insgesamt. Der war schon vor den Flüchtlingen da. Wer etwas anderes behauptet und den Flüchtlingen die Schuld daran geben will, dass die Hallen saniert werden müssen, der betreibt Foulplay!“