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Wilde Tiere in Berlin: „In der Stadt fühlen sich Wildschweine sicherer“

Süß, diese Frischlinge! Aber bitte nicht nähern, sonst greift womöglich die Bache an.

Süß, diese Frischlinge! Aber bitte nicht nähern, sonst greift womöglich die Bache an.

Foto:

AFP

Berlin -

Ist ihnen kürzlich ein Wildschwein oder ein Igel über den Weg gelaufen? Dann melden Sie sich beim Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Die Einrichtung hat ein Projekt zur Erforschung wilder Tiere in der Stadt gestartet. Um genaue Daten zu erhalten, sei jede Nachricht über eine Beobachtung dieser Tiere wertvoll, sagt die Biologin Karoline Weißhuhn.

Kommt nun nach dem Zensus die Zählung der Berliner Wildschweine?

Uns geht es nicht um die absoluten Zahlen. Wir wollen wissen, wo Wildschweine in Berlin auftauchen, wie sie in die Stadt kommen, wie der Mensch ihre Lebensweise beeinflusst. Man hört immer wieder, dass mitten in der Stadt Wildschweine gesehen wurden, aber es gibt keine wissenschaftliche Erhebung dazu. Wenn wir aber wissen, wo Wildschweine sind, können wir herausfinden, warum sie sich dort wohlfühlen.

Was wissen Sie schon über die Anziehungskraft der Stadt?

Nahrungsressourcen könnten eine Rolle spielen. Wildschweine können sich auch in der Stadt ernähren, nur etwas anders. Hier können sie zum Beispiel im Park die Mülltonnen plündern und sich an den Resten von Grillfesten laben. Aber genau wissen wir das nicht, deshalb machen wir unser Projekt.

Der Mensch ist also vom Jäger zum Ernährer geworden.

Möglicherweise. Und weil in der Stadt nicht gejagt wird, fühlen sich Wildschweine hier sicherer.

Ist es eine neue Entwicklung, dass Wildtiere in die Stadt kommen?

Früher waren Städte etwas Kompaktes. In der klassischen Stadt mit einer Stadtmauer drum herum war nicht viel Platz für Wildtiere. Die Städte haben sich in den vergangenen hundert Jahren gewandelt. Berlin ist grün, hat unbebaute Flächen. Das wird von den Tieren genutzt.

Ich habe noch nie im Wald ein Wildschwein gesehen, in der Stadt aber schon. Verhalten sich Tiere in der Stadt anders?

Das Leben in der Stadt erfordert Flexibilität. Wildschweine sind hier weniger scheu. In den Wäldern, auf dem Land sind sie fast komplett nachtaktiv, weil der Jagddruck groß ist, und sie sich nachts sicherer fühlen. Dieser Druck fällt weg. In der Stadt werden Wildschweine oder auch Füchse tagaktiv.

Haben die Tiere in der Stadt keine Feinde?

Das kommt darauf an. Ein Wildschwein eher nicht. Aber Igel schon. Füchse oder Hunde zum Beispiel.

Was ist mit Verkehr oder Lärm?

Der Verkehr ist zwar dicht, aber er ist nicht schnell. Deshalb ist er für die Tiere besser einzuschätzen. Wildschweine sind intelligent genug zu lernen, dass man die Straße überqueren sollte, wenn gerade kein Auto kommt. Was den Lärm angeht, da sind viele Tiere erstaunlich resistent. Nachtigallen, das hat eine Untersuchung ergeben, singen an Verkehrsstraßen einfach lauter.

Das klingt alles so, als ob Menschen und Tiere in der Stadt gut miteinander auskommen. Aber man hört auch immer wieder, dass etwa Wildschweine Gärten durchpflügen.

Bei Wildschweinen kommt es auf ein geschicktes Management an und auf Aufklärung der Bevölkerung. Man sollte zum Beispiel wissen, dass man sich einem Wildschwein mit Jungen nicht nähern darf, und man überhaupt zu diesen Tieren einen gewissen Abstand halten sollte. Das ist bei den meisten Wildtieren nicht verkehrt. Natürlich gibt es manchmal unliebsame Begegnungen. Aber um sich Maßnahmen zu überlegen, muss man erst einmal systematisch sammeln, wo diese Konflikte entstehen.

Das tun Sie nun unter dem Stichwort bürgerbeteiligte Forschung, oder „citizen science“. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Er kommt aus Großbritannien. Dort haben viele Menschen die Natur zu ihrem Hobby gemacht, sie beobachten Vögel oder sammeln Insekten. In Deutschland hat das eine nicht ganz so intensive Tradition. Aber auch hier gibt es zum Beispiel ornithologische Vereine, die mit ihren Mitgliedern Daten erheben. Und nun hat die Wissenschaft entdeckt, dass in der Bevölkerung sehr viel Wissen existiert. Wir wissen nicht, wo die Schweine sich aufhalten, aber die Berliner schon. Deshalb bitten wir um ihre Mithilfe.

Das Gespräch führte Susanne Lenz.

Wer Beobachtungen zu Igeln oder Wildschweinen melden möchte, kann dies unterwww.izw-berlin.detun.