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Berliner Zeitung | Willy Brandt wird 100 Jahre alt: Willy Brandt inkognito in Berlin
28. November 2013
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Willy Brandt wird 100 Jahre alt: Willy Brandt inkognito in Berlin

Mutig und entschlossen: Lorris André Blazejewski spielt Willy Brandt.

Mutig und entschlossen: Lorris André Blazejewski spielt Willy Brandt.

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Berliner Zeitung/Matthias Günther

Die Olympischen Spiele sind gerade vorbei, es ist das Jahr 1936. Ein junger Mann, 22 Jahre alt, kommt nach Berlin. Er will den Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisieren. Er hat einen falschen Pass, gibt sich als Gunnar Gaasland aus Norwegen aus. In Deutschland ist er als Willy Brandt bekannt, geboren 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm. Zwei Monate lang bleibt er in Berlin, sein Pass wird von der Polizei eingezogen. Doch seine wahre Identität fliegt nicht auf. Von dieser Episode aus dem Leben des späteren Bundeskanzlers ist wenig bekannt.

Autor und Regisseur Johann Jakob Wurster hat aus diesem Stoff ein Theaterstück geschrieben. Es wird anlässlich des 100. Geburtstags von Brandt, der am am 18. Dezember gewesen wäre, aufgeführt. Die Inszenierung ist vor allem für Jugendliche gedacht: „Sie handelt von einem 22-Jährigen, sie soll junge Menschen ansprechen.“ Zivilcourage sei wichtig für diese Generation: „Man fragt sich: Was tue ich, wenn in der S-Bahn jemand anfängt, zu pöbeln?“

Unter Lebensgefahr für seine Ideale eingetreten

Willy-Brandt-Darsteller Lorris André Blazejewski hat zur Thematik des Stücks eine eigene Verbindung. Mit ruhiger Stimme und vielen Gesten erklärt der 27-Jährige bei einer Diskussion am Donnerstag: „Ich kenne die Persönlichkeit Willy Brandt aus dem Schulunterricht und aus der Vorbereitung zum Stück. Einen persönlichen Bezug zum Widerstand habe ich aktuell eher durch Edward Snowden.“ Blazejewski blickt zu Hans-Christian Ströbele, der Snowden vor Kurzem in Moskau getroffen hat. „Zwischen Brandt und Snowden gibt es Parallelen. Snowden wird als Verräter denunziert, so ging es damals auch Brandt“, sagt Ströbele. Dessen Jahre im Exil hätten viele Deutsche als Verrat bezeichnet. Dabei habe Brandt früh erkannt, was die Nationalsozialisten vorhaben und versucht, sich dagegen zu wehren. Und Blazejewski ergänzt: „Ich finde es unglaublich mutig, dass Brandt damals unter Lebensgefahr versucht hat, für seine Ideale einzutreten.“

„Die Berliner Kulturverwaltung hat für das Theaterstück wenig Interesse gezeigt“, sagt Regisseur Wurster. „Wir haben keine finanzielle Förderung bekommen. Daran wäre das Stück auch fast gescheitert.“ Jetzt finanzieren zehn Sponsoren das Stück. Die Schauspieler gehören verschiedenen Ensembles an. „Brandt hat mit seinem Aufenthalt in Berlin damals das gemacht, was Schauspieler tun: Er spielte eine Rolle und gab vor, jemand anderes zu sein“, sagt Wurster.

„Willy 100“: Premiere am 12. Dezember, 19.30 Uhr im Neuen Stadthaus, Parochialstraße 1–3, www.willy100.de