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Wilmersdorfer Straße: Berlins erster Reste-Supermarkt hat eröffnet

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Länger haltbar: Martin Schott, Alexander Piutti und Raphael Fellmer verkaufen in ihrem Laden, was andere Händler wegwerfen würden.

Foto:

Markus Wächter

Berlin -

Der Andrang ist groß, die Preise sind niedrig, der Laden einmalig: Am Freitag hat Berlins erster Supermarkt eröffnet, in dem die Kunden Lebensmittel kaufen können, die andere Ladenbesitzer und Discounter wegwerfen würden. Die Esswaren sind nicht mehr erste Wahl und nicht mehr ganz makellos und knackig.

Das Brot lag am Tag zuvor noch frisch beim Bäcker nebenan, am Abend blieb es übrig. Obst und Gemüse haben ein paar Druckstellen und andere Schönheitsfehler. Möhren sind krumm, Limetten und Äpfel nicht so rund und glatt. Bei den Getränken, Snacks und Süßigkeiten wird das Mindesthaltbarkeitsdatum bald ablaufen, oder der angegebene Termin ist schon vergangen. „Aber immer noch ist alles genießbar, was wir verkaufen“, sagt Raphael Fellmer. 70 verschiedene Artikel stehen in den Regalen, 140.000 Produkte lagern in einer Halle in Tempelhof.

Plan gegen Verschwendung

Mit seinen Freunden Alexander Piutti und Martin Schott hat der Umweltaktivist und Lebensmittelretter ein eigenes Unternehmen gegründet, um die massive Lebensmittelverschwendung in Deutschland zu verringern. Sir Plus ist ein Wortspiel mit dem englischen Wort Surplus, das im Deutschen Überfluss bedeutet. Etwas Konkretes dagegen zu tun, das ist der Plan.

In Berlin kooperieren die Männer mit einigen Firmen, dazu zählen Bio Company und der Großmarkt Metro, ebenso Bäckereien, Snack- und Müslihersteller. Die Betriebe geben ausrangierte Esswaren an Sir Plus ab. Sie werden im Laden weitaus günstiger als im regulären Handel verkauft. Grüner Salat kostet 15 Cent, Artischocken 30 Cent, ein Kilo Möhren, Paprika und Tomaten einen Euro.

„Mit Geld kann man sehr viel Positives erreichen.“

Brot, je nach Sorte 80 Cent bis 1,50 Euro, Brötchen 10 bis 15 Cent. Snacks und Früchtedrinks etwa einen Euro. Etliche Passanten nutzten am Freitag die erste Gelegenheit zum Einkauf dieser Lebensmittel. Viele staunten über die immer noch gute Qualität der Waren. Manche fragten, warum der Handel solche Waren nicht mehr verkauft.

Raphael Fellmer erklärt, manchmal reiche es schon, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum in wenigen Wochen ablaufe, schon könnten Produzenten ihre Waren nicht mehr an Handelsketten verkaufen – und würden sie entsorgen oder an Einrichtungen wie die Berliner Tafel abgeben. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist noch lange kein Grund, Lebensmittel wegzuwerfen“, sagt Fellmer, der einst bekannt wurde, weil er fünf Jahre lang ohne Geld gelebt hat. Heute sagt er: „Mit Geld kann man sehr viel Positives erreichen.“

Als Konkurrenz für Hilfeprojekte wie die Berliner Tafel sehen sich die Firmengründer aber nicht. Sie nehmen übrige Esswaren erst mit, wenn die Tafel schon da war. 20 Prozent der eingesammelten Lebensmittel gehen zudem an Sozialprojekte der Stadt.

1700 Unterstützer

Das Startkapital von 50.000 Euro sammelten die Firmengründer im Internet. Am Ende hatten 1700 Unterstützer fast das doppelte gespendet. Ein Hauseigentümer bot das etwa 100 Quadratmeter große Geschäft in der Wilmersdorfer Straße mietfrei an. Doch bei einem Geschäft wird es nicht bleiben. Wenn der Laden gut läuft, wird es bald weitere Filialen, einen Online-Shop und einen Lieferservice für Kunden geben, ebenso eine App. „Wir müssen die Verschwendung massiv reduzieren“, sagt Alexander Piutti, der früher als Digitalunternehmer große Firmen und Start-ups mitgegründet hat.

Fellmer und Schott kommen aus der Foodshare-Bewegung, die Esswaren sammelt und verteilt. Jetzt planen sie ein „nachhaltiges Wachsen ihres Unternehmens. „Lebensmittelrettung muss Mainstream werden“, sagen die Drei.


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