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Windkraft in Brandenburg: Starker Gegenwind

Neue Idee: Windräder sollen künftig auch in Wäldern gebaut werden.

Neue Idee: Windräder sollen künftig auch in Wäldern gebaut werden.

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dpa/Patrick Pleul

POTSDAM -

Wenn die Bevölkerung mehrheitlich keine Atomkraft mehr will, muss sie Windräder und andere Formen der alternativen Energiegewinnung akzeptieren. Das ist die Kernthese der Energiewende. Das klingt logisch, wird aber im konkreten Fall oft anders gesehen. Vielerorts regt sich Protest gegen immer mehr Windräder. Die einen halten sie nur für hässlich, andere sprechen von einer echten Gesundheitsgefahr. Jedenfalls sorgt die Windkraft für hochemotionale Debatten.

Im Land Brandenburg – immerhin seit Jahren bundesweit auf Platz Zwei bei der Produktion von Windenergie – wird gerade wieder hart gestritten über die Zukunft dieser Branche. Fast 70 lokale Bürgerinitiativen haben sich zu einer Volksinitiative unter dem recht dramatisch klingenden Namen „Rettet Brandenburg“ zusammengeschlossen. Sie macht mobil gegen neue Windräder und will, dass diese nicht so nah an den Dörfern gebaut werden und auch nicht mitten im Wald. Das ist die neue Idee der Windkraft-Branche, die so auf Flächen ausweichen will, die nicht bewohnt sind.

Nach der Hälfte der Zeit geschafft

Die Volksinitiative hatte ein Jahr lang Zeit, um 20.000 Unterschriften für ihre Forderungen zu sammeln, dann muss sich das Landesparlament mit den Problemen befassen. „Nach nur fünf Monaten hatten wir fast 34.000 Unterschriften zusammen“, sagt der Sprecher der Initiative Thomas Jacob. An diesem Dienstag nun werden fünf Mitglieder der Initiative vom Wirtschaftsausschuss des Landtages angehört.

„Derzeit gibt es fast 3400 Windräder im Land“, sagt Jacob. „Bis 2030 sollen es doppelt so viele sein.“ Viele der Anlagen würden nur 500 oder 600 Meter von den nächsten Häusern entfernt stehen. „Das ist viel zu nah“, sagt der 72-Jährige.

Die Gegner fordern, dass zumindest die bayerische „10 H“-Regelung übernommen wird. „Das bedeutet, dass der Mindestabstand des Windrades zum nächsten Haus zehnmal so groß ist, wie das Windrad hoch ist.“ Bei einem 150-Meter-Windrad wären es 1500 Meter.

Nach Angaben der Agentur für erneuerbare Energien, einer Art Lobby für Windkraft, ist die bayerische „10 H“-Regelung die bundesweit restriktivste. „In fast allen Ländern gibt es Einzelfallprüfungen für jede Anlage“, sagt Sprecher Sven Kirrmann. „Aber in Bayern gibt es die Pauschalregelung zum Mindestabstand, auch wenn dort nur ein einziger Hof in der Nähe ist.“ Das sorgt dort für weniger Anlagen. „In Brandenburg gibt es keine generelle Regelung.“ Wie in den meisten Ländern werde sich an jenen 1000 Metern Abstand orientiert, die das Bundesbaugesetz empfehle.

„Uns wären mindestens 2000 oder 3000 Meter natürlich lieber“, sagt Thomas Jacob von der Brandenburger Volksinitiative. „Aber das ist nicht durchsetzbar. Denn diese Landesregierung stellt die wirtschaftlichen Interessen der Investoren über die Gesundheit der Bürger.“ Für gefährlich hält er vor allem den sogenannten Infraschall. „Das ist ein tieffrequenter, nicht hörbarer Schall, der durch die Rotoren entsteht, der durch Hauswände dringt und für Bluthochdruck, Schlaflosigkeit und sogar Herzinfarkte sorgen kann“, behauptet Jacob.

Er sagt, wenn man schon auf die Atomkraft verzichte, müssten die Windräder wenigsten gleichmäßig in der gesamten Bundesrepublik verteilt werden und nicht nur im Norden und Osten. „Für Brandenburg fordern wir, dass keine weiteren Anlagen mehr gebaut werden.“

Gegen Windräder im Wald

In einem Dilemma stecken Umweltverbände wie der Nabu. Sie sind für die Windkraft, lehnen aber Windräder im Wald ab. „Dort ginge nicht nur viel Wald verloren, sondern Fledermäuse und viele Vogelarten wären durch die sich drehenden Rotoren stark bedroht“, sagt Nabu-Chef Friedhelm Schmitz-Jersch. „Wir befürworten die Energiewende, sehen aber auch, dass Windräder immer mehr in der Nähe sensibler Naturräume gebaut werden.“

Das Land Brandenburg ist seit Jahrzehnten Energie-Exporteur. Da gibt es zum einen die Kohlegruben in der Lausitz, aber das Land hat sich auch schon früh an die Spitze der Bewegung bei den erneuerbaren Energien gestellt. „Brandenburg ist ein Energieland und will ein Energieland bleiben“, sagt Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD). „Unser Ziel ist, dass die erneuerbaren Energien bis 2030 in Brandenburg einen Anteil von mehr als 30 Prozent am Primärenergieverbrauch haben.“ Das wären nach den aktuellen Plänen etwa 10500 Megawatt, also fast eine Verdopplung dessen, was derzeit die Windräder leisten. Der Minister hebt hervor, dass der „Strom aus den effizienten Braunkohlekraftwerken der Lausitz aber noch für einen längeren Zeitraum“ gebraucht wird – bis die erneuerbaren Energien eine zu jeder Zeit sichere und bezahlbare Stromversorgung gewährleisten können.

Die Befürworter setzen in Brandenburg vor allem drauf, dass es keinen Wildwuchs mehr geben soll, sondern dass in den fünf Planungsregionen landesweit geeignete Standorte gefunden werden. Vor allem wird auf neue Technik gesetzt. Die Anlagen werden immer effizienter. Moderne Windräder sind heute 16 Mal leistungsfähiger wie jene, die im Jahr 1990 gebaut wurden.