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Wissenschaft im Wasser: Klimaforschung im Stechlinsee

Was von oben aussieht wie Zuchtbecken für Fische, ist ein schwimmendes Labor. In den 25 Becken wird simuliert, wie sich die Bedingungen in Gewässern künftig verändern könnten.

Was von oben aussieht wie Zuchtbecken für Fische, ist ein schwimmendes Labor. In den 25 Becken wird simuliert, wie sich die Bedingungen in Gewässern künftig verändern könnten.

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dpa

Neuglobsow -

Der Himmel hängt sehr tief über dem Stechlinsee, aus dunklen Wolken prasselt unaufhörlich Regen. Ungerührt steuert Peter Kasprzak das kleine Motorboot namens Eiserner Gustav über den tiefsten See Brandenburgs. Der 59-Jährige trägt einen Regenmantel, eine Gummihose und Gummistiefel. Der Mann mit Vollbart sieht aus wie ein Fischer, aber er fährt nicht hinaus, um Fangnetze zu kontrollieren. Kasprzak ist Wissenschaftler – er fährt zu einem Labor. Das ist weltweit einmalig und schwimmt ein Stück vom Ufer entfernt auf dem See bei Neuglobsow (Oberhavel). Das riesige Gebilde aus Pontons sieht von oben aus wie eine achteckige Insel mitten im See, die aus 25 kleinen Seen besteht: In der Mitte der Plattform befindet sich ein großes Becken, drumherum sind 24 kleine Becken angeordnet.

Großes Experiment

„Hier wollen wir untersuchen, was dem Stechlin zustoßen könnte, wenn die Menschheit weiter so mit dem Klima verfährt wie bisher“, sagt Binnenwasserbiologe Kasprzak. Er ist Gruppenleiter am Leibniz-Institut für Gewässerökologie. Gemeinsam mit mehr als einem Dutzend Wissenschaftlern ist er beteiligt am großen Klimawandel-Experiment.

Dafür wurde für fünf Millionen Euro das schwimmende Labor errichtet, auf dem in den nächsten 20 Jahren geforscht werden soll. „Der See ist etwas Besonderes“, sagt Kasprzak. „Es ist ein tiefer, klarer, nährstoffarmer See.“ Deshalb gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der See besonders stark vom Klimawandel betroffen sein wird. Denn wenn die Temperaturen weiter steigen, erwärmt sich das Wasser, so dass immer mehr Algen und Mikroorganismen wachsen können. Die trüben das Wasser und verändern das Leben im See. „Manche Arten könnten aussterben“, sagt er. Etwa ein Krebs, der nur deshalb seit der letzten Eiszeit im See lebt, weil das Wasser so kalt ist.

Andere Arten könnten dazu kommen, etwa Algen, die eher in tropischeren Gebieten heimisch sind. „Theoretisch kann berechnet werden, wie sich die Wassertemperatur verändert“, sagt Kasprzak. Aber wie sich das auf die Lebewesen auswirkt, welche Arten sich wirklich durchsetzen, kann bislang niemand genau voraussagen.

Das soll sich nun ändern. Denn die möglichen Veränderungen, die sich ab dem Jahr 2050 im See vollziehen werden, wollen die Wissenschaftler schon jetzt durch Experimente erforschen. Ihnen reicht es nicht, ständig Wasserproben zu nehmen und mit den mathematischen Modellen abzugleichen. Sie wollen im schwimmenden Labor verschiedene Szenarien simulieren: Die 25 Becken sind wie riesige Reagenzgläser aus Kunststoff, die oben und unten offen sind. Sie reichen von der Wasseroberfläche 20 Meter tief bis in die Schlammschicht am Boden des Sees. Die 24 kleinen Becken haben neun Meter Durchmesser, das große in der Mitte 30 Meter. Für die Experimente werden die Bedingungen in einigen Behältern verändert, in anderen bleiben sie zum Vergleich unverändert.

Alles noch am Anfang

Der Stechlin ist so tief, dass die Temperaturen der verschiedenen Wasserschichten sehr unterschiedlich sind: oben warm, unten sehr kalt. Als Erstes wird untersucht, wie sich das Leben verändert, wenn das Wasser auch in der Tiefe wärmer ist. „In den letzten Jahrzehnten hat sich das Oberflächenwasser um 1,4 Grad erwärmt, die Temperatur unterhalb 20 Metern aber ist gleichgeblieben“, sagt Kasprzak. Im Mai wurde in drei Behältern wärmeres Wasser von oben in die Tiefe gepumpt, so dass es dort nicht mehr wie sonst vier Grad kalt ist, sondern zehn Grad. Die Wissenschaftler untersuchen nun, was in der Wassersäule passiert, wie die Lebewesen reagieren.

Über jedes der Becken spannt sich eine Brücke, und an jeder Brücke hängt ein Stahlseil mit je drei Sensoren. Diese werden automatisch alle 30 Minuten in die Becken abgesenkt. Dann wird die Temperatur gemessen, der pH-Wert, die Trübung des Wassers, die Menge des Chlorophylls, welche Algen vorhanden sind und wie groß die Menge der im Wasser gelösten Stoffe ist. Einmal im Monat kommen außerdem alle Wissenschaftler zusammen und nehmen noch einmal spezielle Proben für ihre jeweiligen Experimente.

Kasprzak fährt den Eisernen Gustav wieder an Land. Ein paar Wissenschaftler nehmen auf dem schwimmenden Labor weiter Proben. Kasprzak schaut hinüber: „Wir sind erst am Anfang. Es ist unser Jahr des Lernens. Wir schauen, wie sich die Anlage in Praxis verhält, denn wir brauchen vertrauenswürdige Ergebnisse.“