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Wo ist Clemens Depping?: Verschollen am Nordkap

Alex Boese hat das Auto seines Freundes mehr als 3000 Kilometer zurück nach Berlin gefahren.

Alex Boese hat das Auto seines Freundes mehr als 3000 Kilometer zurück nach Berlin gefahren.

Foto:

Berliner Zeitung/Engelsmann

Er wischt mit der Hand ein paar welke Blätter von der Motorhaube auf die Straße, zupft eines hinter dem Scheibenwischer hervor. Dann stützt sich Alex Boese auf die Motorhaube, prüft vorsichtig die Stoßdämpfer des himmelblauen Oldtimers. Der 43 Jahre alte Opel gehört seinem besten Freund Clemens, der ihn wegen seiner Farbe und seines Kennzeichens B-LU liebevoll Blu getauft hatte. Alex hütet Blu für ihn, so lange er weg ist.

Doch es ist unwahrscheinlich, dass Clemens Depping Blu je wieder bei seinem Freund abholen wird. Denn Clemens ist seit fast einem halbem Jahr verschollen. Ende Juni war er von Lichtenrade aus mit seinem Oldtimer zu einer zweimonatigen Reise aufgebrochen, das nördlichste Ziel war das Nordkap an der Nordspitze Norwegens.

Von dort kam am 11. Juli das letzte Lebenszeichen per SMS. Einige Tage später wurde Blu auf dem Parkplatz eines Infocenters, den Nordkaphallen, von der norwegischen Polizei sichergestellt. Im August reiste Alex seinem Freund hinterher in der Hoffnung, ihn selber oder zumindest eine Spur von ihm zu finden (die Berliner Zeitung berichtete). Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Bis heute ist ungeklärt, wie und wohin Clemens verschwand. Die norwegische Polizei vermutet, dass er von den dreihundert Meter hohen Steilklippen des Nordkaps zu Tode stürzte und hat die Suche in dem äußerst schwierigen zerklüfteten Gelände inzwischen eingestellt.

Alex Boese fuhr nach seiner Suche Clemens Oldtimer zurück nach Berlin. Er hat den Wagen vor dem Haus seiner Eltern in einem ruhigen Wohngebiet in Lichtenrade abgestellt. „Blu hat den Status eines Freundes, er war bei unseren Fahrten eben der Dritte im Bunde“, sagt Alex, „er ist eine echte Charaktermaschine.“

Blu ist in seine alte Nachbarschaft zurückgekommen, denn Clemens hat auch in dieser Straße gewohnt schräg gegenüber von Alex Eltern. Das macht Alex besonders heute am Heiligen Abend zu schaffen. „Ich denke die ganze Zeit, dass er da drüben ist und heute Abend irgendwann auf einen Weihnachtsumtrunk zu uns rüberkommen müsste.“

Clemens Wohnung ist inzwischen aufgelöst und neu vermietet. Seine Mutter hat die Sachen ihres Sohnes mit zu sich genommen. Alex versucht gemeinsam mit Clemens Bruder Thomas weiter von Berlin aus, Clemens zu finden oder zumindest Klarheit darüber zu bekommen, was dort oben hoch im Norden passiert ist.

Hinweisssuche via Facebook

Sie haben eine Internet- und eine Facebookseite eingerichtet, um doch noch jemanden zu finden, der Clemens am 10. oder 11. Juli rund um das Nordkap-Plateau gesehen oder sogar mit ihm gesprochen hat. „Clemens hat immer mit allen gequatscht, vielleicht könnte man so noch etwas darüber erfahren, was er als nächstes vorhatte.“

Ein Berliner hat den beiden ein selbst aufgenommenes Foto gegeben, das Clemens Auto auf dem Nordkap-Parkplatz zeigt, dort wo er später sichergestellt wurde. Thomas Depping hat sich von Wissenschaftlern berechnen lassen, wohin die Meeresströmung seinen Bruder getragen haben könnte, falls er von den Felsen ins Wasser gestürzt ist. Daher halten er und Alex es für möglich, dass er in Russland gefunden werden könnte. Sie haben Suchflyer angefertigt, die ein Bekannter zum Verteilen mit nach St. Petersburg genommen hat.

Jeden Tag hat Thomas in den letzten Monaten an seinen Bruder gedacht. Die Vorstellung, Weihnachten ohne ihn in Berlin zu feiern, ist ihm unerträglich. Zusammen mit seiner Freundin hat er sich deswegen Urlaub genommen und ist Mitte Dezember aufgebrochen zu einer mehrwöchigen Auszeit in Brasilien.

Dass auch Clemens sich einfach eine Auszeit genommen hat, wünscht sich seine Mutter. Immer wieder hat sie in den vergangenen Wochen dessen Sachen durchsucht, um etwas zu finden, was Aufschluss geben könnte über Ausstiegspläne oder Lebensmüdigkeit – sie hat nichts gefunden.

Hoffnung, Trauer und Wut

Bisher hat Alex, damit der Motor keinen Schaden nimmt, alle zwei Wochen eine Spritztour mit Blu durch die Stadt gemacht. Die vielen Erinnerungen an gemeinsame Fahrten haben ihn in ein Wechselbad der Gefühle geworfen. „Man hat all diese Phasen: Hoffnung, Trauer und Wut, aber man muss auch sehen, dass das Leben weitergeht“, sagt er und fügt hinzu, „mich tröstet das Gefühl, dass ich auf der einen Seite die Welt jetzt für ihn mit sehe und auf der anderen Seite auch ein bisschen mit seinen Augen.“

Was auch immer Clemens am Nordkap passiert ist, der Ort wird Alex Boese ein Leben lang begleiten – er hat sich die Koordinaten auf das Handgelenk tätowieren lassen.