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Wohnen in Berlin (11): Aus dem Leben katapultiert

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Obdachlose in Berlin – Etwa 10.000 Menschen haben in Berlin keine eigene Wohnung. Sie leben auf der Straße, bei Freunden, in Notunterkünften. Die Zahlen steigen, sagen die Wohlfahrtsverbände

Siggi Schindler kann von seinem Balkon aus die Tankstelle überblicken. Nachmittags sieht er oft seine Mitbewohner hinüberlaufen, einen nach dem anderen. Die besorgen sich dann Sprit. Zum Trinken, versteht sich, nicht fürs Auto – Schnaps, kein Benzin. Die Tankstelle hat ihr Sortiment auf Siggis Mitbewohner zugeschnitten.

„Wahrscheinlich leben die hauptsächlich von uns“, sagt Werner Neske. Er leitet das Haus an der Nostizstraße in Kreuzberg. Und damit tut er definitiv ein gutes Werk, denn die 45 älteren Männer, die dort leben, hätten sonst keinen Ort, an dem sie bleiben können.

Das Wohnheim für Obdachlose an der Nostizstraße ist eine nasse Einrichtung. So heißt das, wenn Alkohol erlaubt ist. Und der fließt reichlich. Die Männer leben hier dauerhaft. Streng genommen sind sie also nicht mehr wohnungslos, aber das ist eine Definition, die nur Behörden so vornehmen.

Die letzte Etappe

10.000 Menschen in Berlin haben Schätzungen der Wohlfahrtsverbände zufolge keine eigene Wohnung. Sie leben mal auf der Straße, mal bei Freunden oder in Notübernachtungen. Es gibt ein großes Hilfsangebot für Obdachlose in der Stadt, darunter Beratungsstellen, Arztpraxen und betreute Wohnprojekte wie das an der Nostizstraße. Die evangelische Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion betreibt das Wohnheim schon seit 18 Jahren. „Damals starben Obdachlose in Kreuzberg wie die Fliegen. Sie schliefen in Waschsalons oder in der Wärmestube der Kirche. Die Kirche hat sich dann entschlossen, ihr Gemeindehaus für Wohnzwecke umzubauen. Damit sie nicht krepieren auf der Straße“, sagt Werner Neske. Sie schaltete eine Anzeige: Sozialarbeiter gesucht. Neske bewarb sich. Er ist wohl der Richtige für diesen Job. Er achtet die Bewohner. „Ich möchte so nicht leben, aber die Leute haben eine Berechtigung, gut zu leben. Sie sind keine Parasiten“, sagt er.

Siggi Schindler kennt Neske schon sehr lange. Schindler ist seit zehn Jahren da. Die meisten der Bewohner hat der Alkohol hergebracht. Der ständige Suff katapultierte sie aus dem Job, aus Beziehungen, aus dem normalen Leben und zuletzt aus der Wohnung. Jetzt sind sie alt und krank, und niemand will sie mehr am Weitertrinken hindern. Werner Neske jedenfalls will seine Jungs nicht mehr umerziehen. „Es ist die letzte Etappe“, sagt er.

In Siggi Schindlers Zimmer sieht es aber gar nicht trübe aus, sondern ganz gemütlich. An der Wand hängt eine Decke mit einem großen Hundemotiv, in einer Ecke sitzt ein riesiger Plüschhund mit Sepplmütze. Schindler ist 76 Jahre alt. Er mag Tiere. Und sie mögen ihn – Mecki jedenfalls. Der grüne Wellensittich ist ihm zugeflogen – auch ein Obdachloser, sagt Schindler und guckt verschmitzt. Dann kommt der Vogel angeflogen und setzt sich auf Schindlers Schulter. Zärtlich pustet der ihm ins Gefieder, und Mecki pickt ihm in die Bartstoppeln. „Tiere dürfen sie mitbringen“, sagt Werner Neske. Tiere sind wichtig, sie sind ein sozialer Kontakt und davon haben die Männer hier nicht allzu viele. Dann holt sich Siggi Schindler einen alten Topf vom Kleiderschrank. Da soll sein Essen rein. Um 11.30 Uhr wird es im Erdgeschoss geliefert.

Zwei Männer tragen dort eine große gelbe Kiste herein. An diesem Tag sind Kartoffeln, Sauerkraut und Blutwurst drin. Dann kommt Peter – Hausmeister, Kümmerer für alles und Herr über die Fische im Aquarium. Er teilt auch das Essen aus.

Wasser gibt es kostenlos

„Nicht ordentlich gewürzt“, nörgelt Volker Landgrebe. Er ist erst 50 Jahre alt, aber das sieht man ihm nicht an. Er könnte auch 40 oder schon 60 sein. Das Essen bezahlen die Männer von ihrem eigenen Geld, was bei den meisten der übliche Hartz IV-Satz ist. Das Geld der meisten verwalten Werner Neske und seine Mitarbeiter. Häppchenweise bekommen sie einmal am Tag etwas Taschengeld zugeteilt.

Der Raum füllt sich. Einer stellt seine Bierflaschen auf den Tisch, die anderen holen sich lieber Wasser. Das gibt es kostenlos. Volker Landgrebe nimmt seinen Teller mit vor die Tür. Mit den meisten kommt er ja gut klar, aber heute ist es ihm zu laut. Der Fernseher läuft, und der Ton ist auch etwas rau. Landgrebe ist jetzt eineinhalb Jahre hier. Er träumt noch immer von einer eigenen Wohnung. „Die könnte man selbst gestalten“, sagt er, „aber ich glaube nicht, dass sie mir noch mal eine Wohnung zuteilen werden.“ Sie, das sind die Behörden.

        

Peter Besch (55) hätte gern einen elektrischen Rollstuhl.
Peter Besch (55) hätte gern einen elektrischen Rollstuhl.
Foto: Engelsmann

Peter Besch, ein Stockwerk unter Siggi Schindler, verzichtet an diesem Tag auf warmes Essen. Er hat sich eine Stulle geschmiert. Sein Zimmer ist mit 20 Quadratmetern verhältnismäßig groß. Er hat einen Balkon, aber er kann ihn nicht benutzen. Da ist eine hohe Schwelle. Peter Besch sitzt im Rollstuhl. Im vergangenen Dezember wurde ihm ein Fuß abgenommen, und nach einem Schlaganfall ist sein rechter Arm gelähmt. Er kann nicht auf Krücken gehen. Besch ist 55 Jahre alt und Quartalssäufer. Er hat trockene Phasen, dann trinkt er wieder. „Die Krankenkasse will mir keinen elektrischen Rollstuhl genehmigen. Zu gefährlich, weil ich trinke, sagen die“, sagt er. Das findet Werner Neske gemein: „Ich mach da was, ich besorgt dir einen gebrauchten“.

Mit 17 Jahren hat Peter Besch angefangen mit dem Trinken. Damals hat er in einer Großküche gearbeitet. Bier gab’s da umsonst. Sieben Jahre hat Besch im Gefängnis gesessen, immer wegen Diebstahl von Alkohol und Zigaretten. „In der Zelle haben wir Brotwein gemacht aus Brot, Marmelade und Hefe“, sagt er. „Schmecken tut’s nicht, aber uns war’s egal – Hauptsache wir war’n besoffen“. Besch und seine Zellengenossen haben auch Matratze geraucht und Zahnpasta auf Zeitung aufgestrichen, getrocknet und zusammengerollt.

Schlimmer als im Knast

Insgesamt hat Besch vielleicht sechs Jahre in seinem Leben gearbeitet. Aber er kann gut mit Geld umgehen. Jedenfalls jetzt im Heim. Er bekommt sein Geld einmal im Monat ausgezahlt – den ganzen Batzen auf einmal. Vom Ersparten hat er sich einen großen Flachbildschirm gekauft.

Peter Besch war zehn Jahre in der Psychiatrie. „Da war es schlimmer als im Knast“, sagt er. Danach hat er zwei Jahre bei seiner Schwester gewohnt, aber die trinkt auch. Dann bei einem Saufkumpan, bis kurz vor dem Schlaganfall. Er kann sich an den Moment erinnern. Da hatte er acht Flaschen Schnaps vor dem Bett stehen. „Die musste ich erst noch austrinken.“ 5,6 Promille, so war das. Jetzt freut er sich auf den Herbst. Wenn es nicht so heiß ist, geht es Trinkern besser, sagt er.

        

Siggi Schindler (76) liebt Mecki, und der Wellensittich liebt ihn.
Siggi Schindler (76) liebt Mecki, und der Wellensittich liebt ihn.
Foto: Engelsmann

Werner Neske geht regelmäßig durch die Zimmer seiner Bewohner und spricht mit ihnen. Von den 45 Männern wechseln pro Jahr etwa zehn. Dann wenn jemand stirbt oder wenn die Demenz zu stark wird. Die Plätze werden vom Bezirksamt belegt – für 32 Euro pro Tag. Neske hat immer etwa zehn Männer auf der Warteliste. Junge nimmt er nicht, die passen nicht rein, Gewalttäter auch nicht und Vergewaltiger schon wegen der Mitarbeiterinnen nicht, die nachts allein im Dienst sind.

Einmal in der Woche bietet er einen Ausflug an, zum Beispiel in die Gitschiner Straße 15, wo die Gemeinde ein alkoholfreies Café mit angeschlossener Kreativ-Etage und Sozialberatung für wohnungslose und arme Menschen betreibt. Es gibt auch Duschen hier, eine Kleiderkammer, Computer mit Internetanschluss, Musikinstrumente.

Auf der Wiese

Eckhard Werner betrachtet diese Einrichtung als sein Wohnzimmer. An diesem Tag sitzt er draußen im Garten an einem Tisch mit seinen Freunden, die auch keine Wohnung haben. Er hat seinen Schlafsack zum Trocknen über einen Zaun gehängt. Nachts rollt er ihn unter einem Vordach am Blücherplatz aus. „Ein toller Schlafplatz“, sagt er, „da wohnen auch Mäuschen, denen werf’ ich Brotstücke hin“. Eckhard Werner sagt, er sei im rüstigen Rentenalter. Seine Freunde behaupten, er sei 70 Jahre alt. Und er lebt draußen – fast immer. „Ich bin nicht auf der Straße, ich bin auf der Wiese“, sagt er und dann erzählt der Mann mit den wuscheligen Haaren begeistert von Spatzen, die ihm an seinem Schlafplatz vorsingen, „so dass man sich selbst vergisst“. Dabei verschweigt er, dass es keinesfalls immer schön ist. Dass nicht immer die Sonne scheint. Dass es manchmal bitterkalt ist. Dass Menschen krank werden. Dass es Ärger gibt.

Jeden Morgen um acht rollt Eckhard Werner seine Matte zusammen und geht zur Heilig-Kreuz-Kirche Kaffee trinken. Um 10 Uhr schließt er in einer Bibliothek seine Sachen in ein Schließfach, dann geht er zum Bäcker und bleibt da eineinhalb Stunden sitzen, bis Zeit ist für die Gitschiner Straße.

Werner kommt aus Bremerhaven. Er hat auf einer Werft gearbeitet, aber nicht lange. Mit 30 Jahren ist er weggezogen. Ein bürgerliches Leben hat er nie geführt. Flüchtlingswohnheim, möbliertes Zimmer, Notübernachtung – das ist seine Geschichte. Etwa 500 Euro hat er im Monat an Rente. Davon kann er leben. Den Winter überbrückt er in Notübernachtungen in Düsseldorf, München, Neubrandenburg. Dafür zahlt er fünf Euro pro Nacht.

Und dann muss er aufstehen. Er hält die Enge nicht aus zwischen seinen Freunden am Tisch. So geht es ihm wohl auch in einer Wohnung.

Am Montag lesen Sie: Energetische Sanierung kann teuer werden.

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