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Wohnen in Berlin (12): Klima gerettet, Bewohner in Not

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Früher hat es gezogen wie Hechtsuppe, jetzt ist es hinter den Fenstern der Marienhof-Siedlung am Gerdsmeyerweg in Tempelhof warm. Die „Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG“ hat saniert, sozialverträglich. Sie verzichtet auf einen erheblichen Teil der möglichen Modernisierungsumlage.
Früher hat es gezogen wie Hechtsuppe, jetzt ist es hinter den Fenstern der Marienhof-Siedlung am Gerdsmeyerweg in Tempelhof warm. Die „Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG“ hat saniert, sozialverträglich. Sie verzichtet auf einen erheblichen Teil der möglichen Modernisierungsumlage.
Foto: Bau- und Wohnungsgenossenschaft 1892

Teures Energiesparen – Immer mehr Eigentümer wollen ihre Miethäuser energetisch sanieren. Das ist unverzichtbar für den Klimaschutz, treibt aber oft die Mieten in die Höhe. Nichtstun ist aber keine Alternative.

Die ersten Seiten der Moderni-sierungsankündigung, die Hauseigentümer Dr. Georg Kofler an Gerda Fischer und die anderen Mieter des Hauses Koppenplatz 9 geschickt hat, lesen sich gut. Das Haus, ein hübsches Jugendstilgebäude an dem angenehmen, baumbestandenen Platz in Mitte solle saniert werden, und großer Wert werde dabei auf die Energieeinsparung gelegt. Neben neuen Bädern und Fußböden im Hinterhaus sollen unter anderem ein hocheffizienter Heizkessel, Isolierfenster, Wärmedämmung in Dach und Keller und eine Fußbodenheizung eingebaut werden, im Hinterhaus auch eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Nach seinen Hochrechnungen, so Kofler, könne der Energieverbrauch in der rund 110 Quadratmeter großen Wohnung der 78-jährigen Frau Fischer um 62 Prozent sinken.

Doch dem „nachhaltigen“ Ein-sparpotenzial steht auf der letzten Seite des Schreibens allerdings eine ebenso nachhaltige Mieterhöhung gegenüber. Statt derzeit rund 666 Euro warm soll Gerda Fischer künftig 1 063 Euro zahlen. „Das könnte ich mir von meiner Rente nicht leisten“, sagt die frühere Ballettmeisterin an der Deutschen Staatsoper. Die Vorstellung, nach 34 Jahren ihre vertrauten vier Wände verlassen zu müssen, macht der sonst resolut und agil wirkenden alten Dame sichtlich zu schaffen.

Etliche Nachbarn fürchten ebenfalls umziehen zu müssen, weg aus Mitte, „denn hier kriegen wir keine bezahlbare Wohnung mehr“. Wohl keiner will der Mieterhöhung zustimmen, obwohl es sich bei etlichen Bewohnern des Hauses offenbar um recht gut situierte Menschen handelt, viele mit Kindern, und viele durchaus mit Sympathie für Umwelt- und Klimaschutz.

Aber auch solche Klientel steckt einen solchen Mietanstieg nicht einfach weg. „Die Kosten für die energetische Sanierung zwingen nicht mehr nur Fürsorgeempfänger, sondern zunehmend auch die Mittelschicht, ihre Quartiere zu verlassen“, sagt Rainer Wild, Chef des Berliner Mietervereins. Ähnliches stellt die Kreuzberger Mietrechtsanwältin Karoline Gutöhrlein seit zwei Jahren fest: Verdoppelung oder gar Verdreifachung der Miete, während die theoretisch berechneten Einsparungen beim Energieverbrauch, „so gut wie nie eintreffen“, sagt sie

Kaltmiete steigt von 469 auf 816 Euro

So ist es offenbar auch am Koppenplatz, wie Fachberater Peter Riehl vom Mieterverein ausgerechnet hat. Nach den Daten von 2009 zahlt Gerda Fischer für Heizung und Warmwasser monatlich 62 Euro. Bei der angegebenen Energie-Einsparung würde sie zwar nur noch rund 23,50 Euro zahlen. Dem gegenüber stünde aber eine Erhöhung der Nettokaltmiete von jetzt 469 auf 816 Euro. Selbst nach Abzug der Energieeinsparung müsste die Mieterin pro Monat rund 309 Euro mehr bezahlen als jetzt – davon allein 185 Euro für eine Fußbodenheizung, die sie nicht will, weil ihr Heizkörper völlig reichen.

In gewisser Weise hat Gerda Fischer noch Glück, weil das Haus unter Denkmalschutz steht und eine Wärmedämmung der Fassade untersagt ist. Die würde monatlich voraussichtlich mit einem weiteren dreistelligen Euro-Betrag in der Miethöhe zu Buche schlagen.

Für Eigentümer Georg Kofler, früher prominenter Privat-TV-Manager (ProSieben, Premiere), ist das Projekt Koppenplatz nicht irgendein Haus. Er will dort in einem neuen Dachgeschoss selbst einziehen. Und es geht dabei sozusagen auch um seine Berufsehre. Denn mit seiner Firma Kofler Energies ist er seit einigen Jahren im Energiesparbusiness für Firmen tätig, die seine Ingenieure in Sachen Energieeffizienz beraten. Er wolle zwar nicht „mit der Brechstange“ sanieren und es solle auch niemand ausziehen müssen, sagt Kofler.

Allerdings sei Energieeffizienz heute angesichts steigender Energiepreise gesellschaftlicher Konsens. Und ein denkmalgeschütztes Haus auf zeitgemäßen Stand zu bringen, „das geht nur hochprofessionell und nicht mit Flickschusterei. Immerhin investiere ich dort für die nächsten 30 oder 40 Jahre“. Im Übrigen wohnten die Mieter am Koppenplatz „privilegiert“ in begehrter Lage, und das werde auch nach der Sanierung bei erhöhter Miete noch der Fall sein. Er verlange dann nämlich nur 40 bis 50 Prozent der in dieser Lage am Markt heute erzielbaren Miete.

Morgen lesen Sie: Studentisches Wohnen in Berlin.

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