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Wohnen in Berlin (13): Ein Königreich für eine Bude

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Im Doppelstockbett: Anna Hollerer wohnt im Hostel, bis sie ein Zimmer findet.
Im Doppelstockbett: Anna Hollerer wohnt im Hostel, bis sie ein Zimmer findet.
Foto: BerlinerZeitung/Paulus Ponizak

Studentisches Wohnen – Immer mehr Erstsemester strömen in die Stadt, doch Zimmer sind knapp. Wer keine Bleibe findet, wohnt erst einmal im Hostel. Studentenwohnheime führen wieder lange Wartelisten.

Die Lage stimmt. Kreuzberg 36, nahe am Görlitzer Bahnhof, jede Menge Kneipen und junge Leute. Ein Ort, um sich als Student, der neu in die Stadt kommt, wohlzufühlen. Auch Anna Hollerer, die vor zwei Monaten aus Wien hierher gezogen ist, findet ihre neue Wohnlage an der Hochbahn prima. „Genau so habe ich mir das Berliner Leben vorgestellt“, sagt die 23-Jährige. Ganz und gar nicht so vorgestellt hat sie sich allerdings den Rest ihrer Wohnsituation. Weil sie in Berlin kein WG-Zimmer findet, schläft Anna seit acht Wochen in einem Hostel.

Ihren Schlafraum teilt sie sich mit 15 anderen Leuten, Backpacker aus Spanien, England, Neuseeland. Sie hat einen Schlafplatz oben im Doppelstockbett, das war’s. Duschen, Toiletten und Küche gibt’s auf der Etage für alle.

Was für Berlin-Besucher mit schmalem Budget und für ein paar Tage das Richtige ist, wird für immer mehr Studenten zur unfreiwilligen Wohnoption. Die Zahl der Erstsemester steigt, und bezahlbarer Wohnraum in der City wird immer knapper. „Wir beobachten seit einem Jahr, dass immer mehr Studenten sich länger bei uns einquartieren“, sagt Sascha Leckscheid vom Baxpax Hostel an der Skalitzer Straße, wo auch Anna untergekommen ist. 60 angehende Studierende seien zu Beginn des Wintersemesters 2011/2012 im Hostel gewesen. Den Rekord hält eine Wirtschaftsstudentin. Sie blieb drei Monate.

Die Situation ist schnell erklärt: Mit der Aussetzung der Wehrpflicht und den doppelten Abiturjahrgängen – in diesem Jahr sind Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und Bremen an der Reihe – strömen Tausende Erstsemester mehr in die Stadt. Den Ansturm müssen nicht nur die Hochschulen verkraften, auch der Wohnungsmarkt. Berlin ist als Unistadt begehrt, es gibt keine Studiengebühren, und das Leben gilt als vergleichsweise preiswert.

Anna fängt gerade ihr Fotografie-Studium an einer privaten Hochschule in Mitte an. Wohnen möchte sie möglichst zentral, wie viele andere Studenten auch. Doch WG-Zimmer in Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg sind heiß begehrt und längst nicht mehr billig. Unter 250 Euro ist es schwer, etwas zu bekommen. Viele WGs suchen neue Mitbewohner mittlerweile in einer Art Casting. Anna Hollerer hat schon Dutzende solcher Vorstellungsrunden hinter sich. Sie ist erschrocken über die Atmosphäre in einigen Wohngemeinschaften. „Da protzen Bewerber damit, wie viel Geld sie haben. Und die Bewohner wollen gleich Bürgschaften sehen. Ich frage mich, was die wollen. Eine Zweck-WG oder einen netten Mitbewohner?“

Studenten als Zielgruppe entdeckt

Bis sie die passende WG gefunden hat, bleibt Anna im Hostel. „Es gibt Schlimmeres“, sagt sie. Weil der Aufenthalt für Studenten auf Dauer ganz schön teuer wird, kommt der Hostelmanager den jungen Leuten entgegen und gibt Rabatte für Langzeit-Übernachter. Wer nicht genug Geld hat – die Zimmer kosten zwischen 12 und 24 Euro pro Nacht – kann auch an der Rezeption arbeiten und dafür günstiger wohnen.

Den Andrang merkt auch das Studentenwerk, das 35 Wohnheime mit 9500 Plätzen betreibt. Galten Heime lange als uncool und hatten mit Leerstand zu kämpfen, sind sie nun ausgebucht. Momentan stehen 880 Bewerber auf der Warteliste. Es wird erneut Leute geben, die zum Start des Wintersemesters nicht versorgt werden können. Das Studentenwerk wünscht sich mehr campusnahe Wohnheimplätze. Von tausend zusätzlichen Plätzen spricht Ricarda Heubach, Leiterin der Abteilung Wohnen. „Wenn Berlin sich als Bildungsstandort etablieren will, muss der Senat dafür Rechnung tragen, dass Studenten nicht auf der grünen Wiese leben müssen.“

In der Senatswissenschaftsverwaltung verweist man auf den Koalitionsvertrag, in dem die stärkere Versorgung von Studenten mit bezahlbarem Wohnraum festgehalten ist. „Das Thema brennt uns auf den Nägeln“, sagt Sprecher Ilja Koschembar. Man setzt in erster Linie auf die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, „denn die haben noch Kapazitäten“. Viele Gesellschaften bieten Aktionen zum Semesteranfang an. „Zwei Semester wohnen, eins zahlen“, heißt es bei der Degewo, die Gewobag wirbt mit 444 Euro Mietgutschrift.

Auch private Investoren haben Studenten als Zielgruppe entdeckt. Die Firma Gädeke & Sons will an der Köpenicker Straße in Mitte bis Oktober 2013 ein Luxuswohnheim mit Concierge-Service bauen. In Adlershof soll ab Frühjahr 2013 ein Studentendorf mit 380 Plätzen entstehen.

Anna Hollerer hofft, dass sie bald in ein eigenes Zimmer ziehen kann. Gerade hat sie sich eine WG in Neukölln angeschaut. Alle fanden sie nett. Jetzt wartet sie auf die Zusage.

Morgen lesen Sie: Luxuswohnen in Berlin.

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