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Wohnen in Berlin (15): Schillernde reiche Promis sind eher die Ausnahme

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Berlin –  

Zweitwohnsitz Berlin – 114.000 Menschen leben nicht ständig in der Stadt. Sie sind Berufspendler, Künstler, Studenten. Große Steuereinnahmen bringt das der Landeskasse allerdings nicht.

Reinhard Grindel muss kurz überlegen. Wie groß ist seine Wohnung noch mal? „Ich habe eine sehr große Einzimmerwohnung, ich glaube, es sind 45 Quadratmeter.“ Grindel ist CDU-Politiker und vertritt den niedersächsischen Wahlkreis Rotenburg und Heidekreis im Bundestag. Sieben Jahre lang ist er immer ins Hotel gegangen, wenn er zu den Sitzungswochen des Bundestags in Berlin war. Vor drei Jahren zog er in ein möbliertes Apartment in der Nähe vom Zoo, damit auch die Familie mal zu Besuch kommen kann.

Viel mehr Zeit als zum Schlafen verbringt er aber auch heute nicht in seiner Wohnung. „Ich gehe morgens allerspätestens um halb acht aus dem Haus und komme nachts wieder. Es ist praktisch immer noch nur eine Übernachtungsstätte“, erzählt er.
Wie 114 000 andere Männer und Frauen in Berlin ist auch Reinhard Grindel hier mit einem zweiten Wohnsitz gemeldet. Was ein bisschen nach Luxus und mondänem Leben klingt – wer kann sich schon zwei Wohnsitze leisten? – ist bei näherer Betrachtung allerdings nicht wirklich glamourös.

Grindels Appartement ist nur ein bisschen größer als die durchschnittliche Zweitwohnung. Gerade mal 38 Quadratmeter hat die Nebenwohnung im bundesweiten Schnitt, meist wird sie aus beruflichen Gründen gebraucht. Einer Studie der Landesbausparkassen zufolge sind Zweitwohnungen zu fast 80 Prozent Mietwohnungen, der typische Zweitwohnungsbesitzer ist ein Berufstätiger aus einer kleineren bis mittleren Stadt, der zwischen Wohnort mit Familie und dem Arbeitsplatz pendelt. Im Grunde so einer wie Grindel. Auch wenn der als Abgeordneter finanziell sicherlich etwas privilegierter als viele andere Berufspendler ist.

Berufspendler und Studenten

In keiner anderen deutschen Stadt sind so viele Menschen mit einer Nebenwohnung gemeldet wie in Berlin. Das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich ist Berlin mit knapp 3,5 Millionen Einwohnern auch die mit Abstand größte deutsche Stadt. Aber auch prozentual gesehen leisten sich mehr Menschen einen Zweitwohnsitz in Berlin (3,2 Prozent) als zum Beispiel in Hamburg (2,4 Prozent). Das sind die Berufspendler, Studenten oder das Seniorenpaar, das die Eigentumswohnung des Sohnes vom Studium behalten hat und ab und zu für ein Kulturwochenende in die Hauptstadt kommt.

Prominente Ausländer mit Zweitwohnsitz sucht man in Berlin dagegen eher vergebens. „Der schillernde prominente Reiche mit dem Zweitwohnsitz in Berlin ist die große Ausnahme“, sagt Jürgen Michael Schick, Vizepräsident des Immobilienverbandes Deutschland (VID). Wenn, dann sind es vor allem Künstler, die sich von der Stadt angezogen fühlen und sich hier eine Nebenwohnung eingerichtet haben; Künstler wie der Däne Olafur Eliasson, der Turner-Preisträger und in London lebende Fotograf Wolfgang Tillmans oder die Palästinenserin Mona Hatoum.

Das große Geld hat keiner von ihnen, oft waren es Stipendien oder Lehraufträge, die sie nach Berlin brachten. Die Stadt ist trotz ihrer inzwischen angezogenen Mieten und Immobilienpreise immer noch günstiger als andere deutsche Städte und erst recht als andere europäische Metropolen. Die Erkenntnis, dass es sich lohnen kann, in Berlin eine Wohnung zu kaufen, hat sich vor allem in den vergangenen drei Jahren durchgesetzt.

Der Makler Jürgen Michael Schick beobachtet seit Ausbruch der Finanzkrise, dass vor allem Ausländer verstärkt auf den Markt drängen, die in unsicheren Zeiten eine sichere Anlage für ihr Geld suchen. „20 Prozent der Käufer auf dem Berliner Immobilienmarkt kommen aus dem Ausland“, so Schick. Und nicht wenige davon wollen die Wohnung selbst nutzen. „Da ist zum Beispiel der Däne, der vielleicht fünf, sechs Mal im Jahr nach Berlin kommt, weil er die Stadt so schön findet und sich irgendwann sagt, hier sind die Preise so günstig im Vergleich zu meiner Heimatstadt, ich gebe mein Geld nicht für ein teures Hotel aus, sondern kaufe mir eine Wohnung.“

Von Glamour keine Spur

Die hat typischerweise ein bis zwei Zimmer, kostet zwischen 40.000 und 80 000 Euro und liegt schön zentral im Innenstadtbereich mit guter Anbindung an S- und U-Bahn. Von Glamour keine Spur. „Dieser Däne aus dem Mittelklasse-Haushalt ist mit Sicherheit beispielhafter für das, was gerade am Markt passiert, als der reiche Ausländer, der sich ein Luxuspenthouse am Gendarmenmarkt kauft“, sagt Schick.

Von unangenehmen Abgaben wie der Zweitwohnungssteuer bleibt der Ausländer, der hier seine „second residence“ hat, sogar verschont. Alle anderen müssen zahlen, ausgenommen ist nur der verheiratete Berufspendler. Nach gesetzlicher Logik kann nur der einen offiziellen Nebenwohnsitz anmelden, der auch seine Hauptwohnung in Deutschland hat. Viel bringt die Steuer allerdings nicht ein. Von den 114 000 mit Zweitwohnsitz in Berlin Gemeldeten, waren nach Angaben der Finanzverwaltung im Vorjahr gerade mal 17 000 steuerpflichtig.

Die Einnahmen betrugen 2,66 Millionen. Ihren eigentlichen Zweck, Leute dazu zu bewegen, ihren Erstwohnsitz in Berlin anzumelden, hat die Steuer damit verfehlt. Dabei würde sich das für Berlin richtig lohnen, denn jeder zusätzliche Einwohner beschert der Hauptstadt im Länderfinanzausgleich rund 3 900 Euro.

Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Reinhard Grindel wird wohl kein Berliner mehr werden. „Wenn ich irgendwann nicht mehr in den Bundestag gewählt werden sollte, gehe ich zurück in meine Heimat“, sagt Grindel. Immerhin, ein Stück Berlin würde er behalten. Grindel plant, sich hier eine Wohnung zu kaufen. Die dürfte dann auch größer als 45 Quadratmeter sein.

Morgen lesen Sie in dieser Serie: Hotelboom in Berlin.

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