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Wohnen in Berlin (17): Im gallischen Dorf

        

Harte Arbeit: Selbsthelfer Uwe Kirsch 1984.
Harte Arbeit: Selbsthelfer Uwe Kirsch 1984.
Foto: privat

In Selbstausbeutung schuften, diskutieren bis zum frühen Morgen – aber schön war es irgendwie doch: Uwe Kirschs Blick zurück auf Jahre in einem ehemals besetzten Haus.

Zwei Kinder, Haus im Umland, eigener Garten – eine bürgerliche Existenz. Wie viele, die einst in Hausprojekten lebten, ist auch Uwe Kirsch (50) irgendwann ausgezogen und hat etwas Neues begonnen. Ein Blick zurück.

❖❖❖

Es waren starke Bilder, die im Herbst 1980 von Berlin aus zu mir in die niedersächsische Provinz ausstrahlten. Leerstehende Häuser, von Spekulanten dem Verfall preisgegeben, wurden von jungen Leuten in Beschlag genommen und besetzt. Sie probten alternative Lebens- und Wohnmodelle. Als ich ein halbes Jahr später in einem VW-Bus Richtung Berlin fuhr, waren zwar keine Häuser mehr zu besetzen. Es gab aber Gruppen, die mit den Eigentümern und dem Senat verhandelten und besetzte Häuser in geregelte Wohnprojekte überführen wollten. Ich wollte in so ein Hausprojekt.

Das klingt heute allerdings einfacher als es damals war. Mein Eintritt in ein erstes Projekt in Neukölln scheiterte an den vollständig konträren Vorstellungen von Hygiene und Sauberkeit zwischen mir und den Besetzern dieses bewohnten Müllhaufens. Der Besuch eines Projektes in Charlottenburg ließ bei mir Visionen einer zukünftigen Drogenabhängigkeit hochkommen. In einem Projekt in Tiergarten stellten meine Freundin, ein WG-Kollege und ich uns vor. Uns Männern wurde nach ausgiebiger Diskussion allerdings beschieden, dass leider kein Platz für uns wäre. Aber meine Freundin könne – zwecks Anhebung des Frauenanteils im Projekt – sofort einziehen. Das Rennen machte dann eine Frauenwohngemeinschaft, die allerdings sechs Monate später schon wieder ausgezogen war – zu verschieden waren die Auffassungen von einer Beteiligung an den anstehenden Bauarbeiten.

Zwischenzeitlich waren wir woanders fündig geworden. Ein Projekt im Wedding sollte es sein. Und es machte einen guten Eindruck auf uns: überwiegend Studenten, viele Umwelttechniker, ein großes Objekt, eine freundliche Gruppe. Nur das Auswahlverfahren war gewöhnungsbedürftig: Da es für nur eine Wohnung vier Bewerbergruppen gab, sollte deren innere Überzeugung und Motivation getestet werden. Vier Wochen lang und mit Hilfe – selbstverständlich unbezahltem – Probearbeiten. Die erste Gruppe war davon weder überzeugt noch konnte sie sich damit identifizieren und verschwand spurlos. Die anderen drei Gruppen ackerten um die Wette los, im fairen Wettkampf um die Beteiligung an einem selbstausbeuterischen sozialen Wohnprojekt. In der zweiten Woche waren es nur noch zwei Bewerberteams. Wir gingen am Ende als Sieger aus diesem Wettstreit hervor.

In den folgenden Jahren sanierten wir in Selbsthilfe die Wohnungen. Übrigens auch die der drei Altmieter, die schon vor der Besetzung dort wohnten – und auch bleiben durften. Wir bauten neue Bäder ein, legten den Keller trocken, pflasterten den Hof, deckten das Dach. Tausende Stunden harte körperliche Arbeit für jeden Einzelnen. Wir konnten allerdings auch viele unserer Vorstellungen realisieren: ein Garten anstelle eines zweiten Hinterhofs, Dachterrassen, Wohnungen über zwei Etagen, Fotolabor und Holzwerkstatt. Wir feierten und diskutierten ausdauernd und viel. Und dabei fühlten wir uns wie die Bewohner des kleinen unbeugsamen Dorfes in Gallien: umzingelt von Spekulanten, Parteien, der ganzen nicht-alternativen Welt außerhalb unseres Projektes. Und in der Mitte wir – ein kleines Haus voll aufrechter Selbsthelfer.

Aber auch nach der Bauphase musste das Haus weiter verwaltet werden. Wir mussten uns kümmern und trafen uns dazu einmal im Monat im Erdgeschoss, das wir ansonsten einer Kindergruppe und einem politischen Widerstandsladen überlassen hatten. Manchmal ging es bei diesem Plenum stundenlang um Fahrradständer, wie sie aussehen sollen, wo sie aufgestellt werden, wer sie besorgt. Da war jedes Fußballspiel im Fernsehen spannender. An anderen Tagen beschäftigten wir uns bis in die frühen Morgenstunden mit uns selbst. Ein Höhepunkt wurde erreicht, als öffentlich das Ende einer intimen Beziehung diskutiert wurde – aus feministischer Sicht war es wohl frauenfeindlich gewesen, dass der männliche Partner sich abgewendet hatte. Alle diskutierten mit. Man lebte eben anders zusammen, nicht so abgeschlossen und privat.

Das war mitunter etwas surreal: Einmal, als ich gerade telefonierte, klingelte es an der Tür, ich öffnete. Vor mir stand unser Hausinstallateur. Er murmelte etwas wie „nachschauen“ und verschwand in der Küche, während ich weiter telefonierte. Kurz darauf sah ich ihn mit einer Flasche Sekt verschwinden. Er hatte etwas zu feiern und wollte prüfen, ob sich in meinem Kühlschrank noch ein Sektvorrat befand. In einem normalen Mietshaus wäre so etwas sicherlich nicht passiert.

Mein Fazit nach vielen Jahren „Selbsthilfe“: Ich möchte es nicht aus meinem Leben streichen. Allein die Erfahrung, dass man große Ideen mit einer Gruppe Gleichgesinnter realisieren kann, war es wert. Mein Bedürfnis nach Privatsphäre, nach einem Wohnen ohne Gruppendynamik, trieb mich aber nach 17 Jahren Projektmitgliedschaft doch in das Umland Berlins.

Notiert von Julia Haak

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