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Wohnen in Berlin (17): Zittern vor dem Wohnungstango

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Wilder Wein an schöner Fassade. Das früher besetzte Haus in der Manteuffelstraße ist ein ökologisches Musterprojekt.
Wilder Wein an schöner Fassade. Das früher besetzte Haus in der Manteuffelstraße ist ein ökologisches Musterprojekt.
Foto: Paulus Ponizak
Berlin –  

Instandbesetzer– Die hohe Zeit der Hausbesetzungen ist schon lange vorbei. Das hat viele Gründe. Die Tatsache, dass die Besetzer von einst älter geworden sind, ist nur einer davon. Doch es ist etwas übriggeblieben.

Und wir schreien’s laut: Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus! Schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus.“ Die Zeilen sind legendär. Es ist der Refrain des berühmtesten Hausbesetzerliedes der deutschen Musikgeschichte – und die Herren Schmidt, Press und Mosch waren Immobilienunternehmer, die das Neue Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor bauten.

Die Band Ton Steine Scherben schrieb den „Rauch-Haus-Song“ unter dem Eindruck der Besetzung des ehemaligen Krankenhauses Bethanien in Kreuzberg im Oktober 1971, dem späteren Georg-von-Rauch-Haus.

Termine

In der Browse Gallery in der Marheineke-Markthalle in Kreuzberg ist bis zum 22. September die Ausstellung „Ton, Steine, Scherben – 40 Jahre ,Keine Macht für Niemand’“ zu sehen. Gezeigt werden unter anderem historische Fotos aus der Scherben-Kommune am Tempelhofer Ufer. Am Montag um 19 Uhr findet in der Galerie eine Podiumsdiskussion zum Thema „Der Soundtrack einer Generation“ statt. Um 21 Uhr beginnt ein Konzert mit der Band.

Das Rauchhaus am Mariannenplatz feiert an diesem Sonnabend ab 15 Uhr ein Sommerfest mit Punk-, Hip-Hop- und Dub-Bands.

Doch erst ein Jahrzehnt später bewegten Hausbesetzungen wirklich die ganze (Halb)-Stadt. 1980/81 waren zeitweise rund 170 Häuser besetzt; sei es aus Wohnungsnot nach dem Abriss ganzer Altbauquartiere; sei es, um Luxussanierungen zu verhindern. Doch mindestens so wichtig war das gemeinsame Wohnen, das Experiment eines selbstbestimmten Lebens – Auswüchse inklusive.

Instandbesetzung

Eines der wichtigsten Häuser in dieser Zeit war das in der Manteuffelstraße 40/41 in Kreuzberg, kurz: die Manko. Am 7. Februar 1981 „zogen“ 20 Leute in die Bruchbude – und seitdem nicht wieder aus. Die Manko war etwas Besonderes im besonders bewegten Block 103, dem Quartier zwischen Naunyn-, Manteuffel-, Oranien- und Mariannenstraße. Es waren Handwerker und Architekten dabei, die das Haus vor dem endgültigen Verfall retten wollten. Instandbesetzen, hieß das. Die Manko blieb lange Baustelle, diente als Bauhof für die übrigen Häuser im Block 103. Schon 1982 erhielten die meisten dieser Hausprojekte Verträge über einen öffentlichen Entwicklungsträger, die Stattbau. Die Vorgabe: Die Restaurierung und der Erhalt der Häuser.

Wer sich heute dem früheren Epizentrum der Bewegung nähert, trifft auf eine von wildem Wein überwucherte, aber picobello hergerichtete Hausfassade. Dahinter befinden sich ein Schuhmacher, Designerbüros, Anwaltskanzleien, eine Tischlerei, Architektenbüros. Es gibt eine Grauwasseranlage, die Duschwasser aufbereitet, wobei ein vertikaler Sumpf als Filter dient. Ökologische Vorzeigeprojekte. 40 Leute wohnen in dem Haus.

Fragt man Maria Hütten, ob die Manteuffelstraße 40/41 inzwischen ein ganz normales Berliner Wohnhaus ist, verneint sie vehement. Die freischaffende Fotografin wohnt seit zehn Jahren dort, gehört also zur zweiten Generation. Die Zeit der Besetzung kennt sie nur vom Hörensagen, freut sich aber jedes Jahr auf die gemeinsame Erbsensuppe am 7. Februar, dem Tag der Besetzung. Sie schwärmt vom Kochen in der Gemeinschaftsküche und berichtet von der oft lähmenden Konsenssuche beim monatlichen Plenum und von so manchem Langzeitbewohner, der sich partout nicht mehr an der gefühlt 400. Diskussion über die Farbe fürs Treppenhaus beteiligen mag. Oder von einem erfolgreichen Architekten, der mit Frau und drei Kinder noch immer in der Manko wohne, obwohl er sich längst eine Villa am Wannsee leisten könne.

Das Plenum entscheiet

Immerhin droht diese Familie nicht, Opfer eines mehr oder weniger erzwungenen Wohnungswechsel zu werden – etwas, was Maria Hütten den „Wohnungstango“ nennt. Wenn etwa eine Familie mit Kindern einzieht oder jemand aus anderen Gründen mehr Platz braucht, kann das Plenum entscheiden, dass ein Alteingesessener seine Räume eintauschen muss. Das geht nicht immer ohne Ärger, aber letztlich immer einstimmig. „Wir müssen eben miteinander reden. Immer wieder. Das ist wichtig für uns und für das Haus“, sagt sie.

Maria Hütten wohnt nicht nur in der Manko, sie ist auch Geschäftsführerin der Genossenschaft Luisenstadt. Die „Luise“ ist seit 1986 in der Nachfolge der Stattbau Dachorganisation von 20 Ex-besetzten Häusern rund um den Block 103. Sie verwaltet die Häuser und wacht auch darüber, dass überall nur Kostenmieten gezahlt werden (zur Zeit 3,50 Euro netto/kalt pro Quadratmeter). Geld verdienen darf die Genossenschaft nicht, doch kann man seit 2010 die öffentlichen Kredite zurückzahlen. Noch stehen sieben Millionen Euro aus. Klingt alles wenig nach hippieeskem Aussteigertum und sehr nach verantwortungsbewusstem Arbeiten.

So kommt es, dass eine Posse in Pankow derzeit das aufregendste Besetzerprojekt der Stadt ist. Seit Juli halten Nutzer eines Rentnertreffs in der Stillen Straße den Club besetzt, um ihn vor dem Aus zu retten. Presse aus aller Welt berichtete.

Und Tone, Steine, Scherben? Der charismatische Frontmann Rio Reiser ist schon lange tot. Seine damaligen Mitstreiter machen inzwischen weiter. So sind sie etwa am Montag bei einem Konzert in einer Galerie in der Marheinekehalle zu hören. Und mit ein bisschen Glück findet man vielleicht irgendwo an einer Brandmauer noch den alten Slogan: „Schreibt die Parole an jede Wand: Keine Macht für Niemand!“

Am Montag lesen Sie in dieser Serie: Die Verdrängung aus dem Kiez.

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