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Wohnen in Berlin (7): „Der Plattenbau ist unsere Heimat“

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Berlin –  

Sie waren einst begehrt, dann verrufen, jetzt sind sie wieder im Kommen. Mit Milliardenaufwand wurden die Großsiedlungen saniert. Steigende Mieten in der Innenstadt sorgen für Zuzug.

Fast 200 Tomaten hat Gustav Müller geerntet. Die Pflanzen auf seinem Balkon sind etwa zwei Meter hoch gewachsen. Daneben stehen ein Tisch und zwei Stühle – in der warmen Jahreszeit sitzen Müller (85) und seine Frau Ursela (89) gern hier. Seit 50 Jahren wohnt das Ehepaar in dem Viergeschosser in der Erich-Kuttner-Straße in Lichtenberg.

Das Haus ist ein sogenannter Experimentalbau, der Vorläufer von rund einer Million DDR-Plattenbauten des Typs P2 und WBS 70. „Wir waren glücklich, hier eine Wohnung zu bekommen“, erzählt Ursela Müller. „Zweieinhalb Zimmer, Balkon. Es musste kein Ofen mehr geheizt werden, aus dem Wasserhahn kam auch warmes Wasser.“ Drei Jahre lang hatte die Familie mit zwei Kindern auf eine solche Wohnung gewartet. Kurz nach dem Einzug kam der dritte Sohn zur Welt.

An Auszug haben Ursela Müller, die in der Buchhaltung der Poliklinik am nahen Anton-Saefkow-Platz arbeitete, und ihr Mann, früher Lehrer an der Ingenieurschule Wartenberg, nie gedacht. „Das ist doch unsere Heimat“, sagt Gustav Müller. Auch wenn es im Alter mühselig ist, in den zweiten Stock hinaufzusteigen, denn einen Fahrstuhl gibt es nicht.

Ursela Müller, die sich im vergangenen Jahr einen Oberschenkelbruch zugezogen hat, braucht die Hilfe ihres Mannes, wenn sie das Haus verlässt. Oft geht das Ehepaar zum Anton-Saefkow-Platz zum Einkaufen – „da gibt es alles, was wir brauchen“. Oder sie spazieren im Park um den Fennpfuhl, der vom Bezirk saniert wurde: „Dort ist es einfach schön“, sagt Gustav Müller.

Bis heute kann er nicht verstehen, dass die Plattenbauten nach der Wende einen schlechten Ruf bekamen. „Wir haben uns dort immer wohlgefühlt“, sagt er. Zudem habe ihr Vermieter, die städtische Wohnungsbaugesellschaft Howoge, viel getan: Die Fassade des Blocks ist erneuert – sie leuchtet hellblau-weiß. Die Wohnungen sind modernisiert, haben neue Leitungen und Heizungen, Bad und Küche sind selbstverständlich gefliest. Leerstand gibt es im Haus nicht.

Das Image wandelt sich

Das die Platte in Berlin gezielt durch die Vermieter und durch Investitionen der öffentlichen Hand in die Infrastruktur aufgewertet wurde, hat zu einem besseren Image geführt, sagt David Eberhart, Sprecher vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen.

Nicht nur wegen der Knappheit bezahlbarer Wohnungen in der Innenstadt zögen junge Familien mit Kindern wieder in Plattenbau-Wohnungen, wo die Mieten billiger sind. Laut GSW-Wohnmarktreport liegt die Durchschnittsmiete in Marzahn-Hellersdorf bei 4,79 Euro netto kalt, in unsanierten Beständen bei 3,63 Euro.

„Großsiedlungen wie in Marzahn-Hellersdorf werden auch wegen des grünen Umfelds gewählt“, sagt er, weil es dort viele Spielplätze, Kitas und Schulen gebe. In einigen Gegenden sei die Platte sogar Kult. Die Wohnungsbaugesellschaft Mitte hat ein eigenes Internet-Plattenportal eingerichtet. „Vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen“, sagt Eberhart. Fernsehsendungen wie „Meine Platte“ bei RTL 2, wo Berliner Plattenbauviertel als Orte für Verlierer dargestellt werden, seien fern der Realität. „Das wird der heutigen Situation nicht mehr gerecht.“ Denn längst zieht auch der Mittelstand wieder dorthin – wenn die Wohnungen saniert sind und das Umfeld stimmt.

Kickern im Kinderzimmer: Matthias  und Mirjam Gibhardt und ihre vier Söhne Aaron, Josia, Jeremia  und Samuel sind im Juli in ihre Maisonette-Wohnung im Märkischen Viertel gezogen. Das Haus  war zuvor von der Gesobau umfangreich modernisiert worden.
Kickern im Kinderzimmer: Matthias und Mirjam Gibhardt und ihre vier Söhne Aaron, Josia, Jeremia und Samuel sind im Juli in ihre Maisonette-Wohnung im Märkischen Viertel gezogen. Das Haus war zuvor von der Gesobau umfangreich modernisiert worden.
Foto: AKUD/Lars Reimann

Es sind Leute wie Matthias (34) und Mirjam Gibhardt (31), die mit ihren vier Söhnen seit Anfang Juli in einer 113 Quadratmeter großen Maisonette-Wohnung am Wilhelmsruher Damm im Märkischen Viertel in Reinickendorf leben. Die Eltern sind gelernte Erzieher, Matthias Gibhardt schreibt gerade seine Magisterarbeit in Theologie. Er arbeitet in einem Familienzentrum im Märkischen Viertel, seine Frau in einer Kita. Jetzt ist sie in Elternzeit.

Es ist die dritte Wohnung der Familie im Märkischen Viertel. „Unsere Traumwohnung“, sagt die Mutter. In der obersten Etage eines Fünfgeschossers, der gerade erst von der städtischen Gesobau modernisiert worden ist, hat die Familie vier Zimmer, einen Balkon und eine große Dachterrasse. Im Wohnzimmer steht ein großer Holztisch mit zwölf Stühlen. „Wir sitzen oft hier mit Freunden aus dem Haus zusammen“, erzählt Matthias Gibhardt.

Ihn ärgert, dass viele Stereotype über Großsiedlungen in Umlauf sind. „Es passiert auch regelmäßig, dass man mit einer Adresse aus dem Märkischen Viertel auf Ämtern schlechter behandelt wird“, sagt er. Klar gebe es in einem Gebiet, so groß wie eine Kleinstadt, auch Menschen mit Problemen, Leute, die sich nicht gut integrierten. „Aber es gibt eben auch die ganz normalen Bewohner. Die sind in der Mehrzahl, sie gehen arbeiten und kümmern sich gut um ihre Kinder .“

Das kirchliche Familienzentrum, wo Gibhardt arbeitet, heißt Face. Der Name steht für „Gesicht zeigen“. Gelebte Nachbarschaft, sagt Gibhardt, die mit Straßenarbeit unterstützt wird, mit der Organisation von Kinderfesten, mit einem Laden, wo gespendete Kleidung billig gekauft werden kann. Es gibt Hausaufgabenhilfe, ein Begegnungscafé, Eltern-Integrationskurse. „Wir haben viele ehrenamtliche Helfer, die sich gern für unser Viertel engagieren.“

Am Dienstag lesen Sie in dieser Serie: Wohnungseinbrüche in Berlin

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