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Wohnen in Berlin (9): Die Urlauber kommen!

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Ein ganzes Haus voller Fußballstars? Dieses Klingelschild in der Lottumstraße 28 in Prenzlauer Berg ist gefakt. Hier wohnen mit Sicherheit keine Berliner, sondern Berlin-Besucher.
Ein ganzes Haus voller Fußballstars? Dieses Klingelschild in der Lottumstraße 28 in Prenzlauer Berg ist gefakt. Hier wohnen mit Sicherheit keine Berliner, sondern Berlin-Besucher.
Foto: Katalin Ziegler

Die Vermietung an Touristen ist ein lukratives Geschäft. Bis zu vier Millionen Übernachtungen werden pro Jahr gebucht. Die gestresste Nachbarschaft leidet.

Ihre Wohnungsnachbarn kennen Souna und Fouad Khamis nicht mehr, obwohl das Ehepaar schon seit Jahren in der Schöneberger Straße in Kreuzberg lebt. Und selbst wenn sie darauf Wert legen würden, dürfte es ihnen inzwischen schwerfallen. Denn der 47-jährige Fouad und seine ein Jahr ältere Frau Souna leben in einem Haus, dass mit Ausnahme ihrer eigenen nur noch aus Ferienwohnungen besteht. Seit eineinhalb Jahren ist das so, und für die Khamis’ und ihre vier Kinder hat seitdem ein Leidensweg begonnen. Das klingt dramatisch, ist es aber auch.

Die Wohnungen im Aufgang der Schöneberger Straße 5 sind groß. Exakt 111,77 Quadratmeter, bestehend aus jeweils vier Zimmern. Da kann man ordentlich Touristen unterbringen. Als Apartment mit vier Schlafzimmern für jeweils eine bis acht Personen, werden die Wohnungen im Internet angeboten.

Und bei fünf Ferienwohnungen kommen so rund 40 Urlauber zusammen, die sich jeweils für einige Tage in der Schöneberger Straße einrichten. Meist sind es sogar mehr, hat Herr Khamis gezählt. Bis zu zehn Gäste in einer Wohnung seien nicht ungewöhnlich, sagt er.

Großverbände von Briten, Holländern, Japanern

Die Khamis’ haben schon Großverbände von Briten, Holländern, Japanern in ihrem Haus erlebt. Das bringt Stress. Auch weil die Berlin-Fans zu allen Tages- und Nachtzeiten anreisen. Und wie sich 40 aufgekratzte junge Briten früh um fünf bei der Belegung ihrer Quartiere anhören, kann sich sicher jeder vorstellen. Für die Familie Khamis ist dann die Nacht vorbei. „Natürlich wollen die Leute hier was erleben, wollen feiern“, sagt Fouad Khamis.

Das setzt sich dann auch in der Schöneberger Straße fort. Da segeln schon mal Glasscherben, Kippen, Müll, Essenreste auf ihren Balkon im Erdgeschoss. Deshalb verzichtet die libanesische Familie inzwischen auch darauf, die Sommerabende auf dem Balkon zu verbringen. Besonders schade ist das für eine der Töchter. Die 25-Jährige ist auf den Rollstuhl angewiesen und hat immer gerne auf dem Balkon gesessen.

Die Tochter ist es auch, wegen der die Khamis’ nicht ausziehen wollen und können. Denn die Wohnung ist weitgehend rollstuhlgerecht, und sie ist als Sozialwohnung ausgewiesen, wie übrigens alle Wohnungen in dem Haus im Fanny-Hensel-Kiez. Die Miete der Khamis’ – 1440 Euro – wird zum größten Teil vom Sozialamt getragen.

Für Sebastian Jung, Mitbegründer vom Berliner Bündnis Sozialmieter.de ist das Ganze ein Skandal. „Wie kann es sein, dass Sozialwohnungen einfach in Ferienapartments umgewandelt werden?“, fragt der 38-Jährige. Jung regt auf, dass die Vermieter mit den Ferienwohnungen heftige Gewinne machen – angeboten werden die Wohnungen von der Firma Go-Apartments jeweils für 6600 Euro für eine Mietdauer von 29 Tagen. „Das wird vom Senat hingenommen, während in der City die Wohnungen knapp werden.“ Letztendlich laufe das auf eine Verschwendung von Steuermitteln hinaus, sagt Jung.

Konkurrenz für Hotels

Ferienwohnungen sind zu einem Problem in Berlin geworden. Rund 12.000 Wohnungen sind inzwischen auf diese Weise dem regulären Wohnungsmarkt entzogen worden – vor allem in Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg. Dort liegt der Anteil der frei verfügbaren Wohnungen unter einem Prozent, dies hat eine Studie im Auftrag des Senats festgestellt. Nötig für einen einigermaßen funktionierenden Wohnungsmarkt wären aber drei Prozent. Erinnert sei an die Häuser in der Wilhelmstraße unweit des Brandenburger Tores. Dort sind 257 von 930 Wohnungen als Ferienwohnungen für Touristen im Angebot.

Drei bis vier Millionen Übernachtungen werden pro Jahr in den Ferienwohnungen gebucht, schätzen Experten. Und das ist durchaus auch eine Bedrohung für die Berliner Hotelbranche, die deshalb neben Mietervereinen den Gesetzgeber drängt, schnell aktiv zu werden und das Ferienwohnungsproblem auf gesetzlichem Wege zu lösen.

Auf der anderen Seite sind die Gäste in den Ferienwohnungen zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Geschätzte rund 150 Millionen Euro sollen sie jährlich in die Stadt bringen.

Morgen lesen Sie: Zur Geschichte des Wohnungsbaus in Berlin

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