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Wohnung im Berliner U-Bahntunnel: U-Bahn-Zimmer unter der U9 war nicht das erste

Aufnahme aus dem Video "the mole"

Aufnahme aus dem Video "the mole"

Foto:

Screenshot Youtube

Was für ein Rätsel! Im Januar fanden Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe in einem abgelegenen Teil des U-Bahntunnels unter der Linie U9 einen seltsamen Raum. Unbekannte hatten am Fuße eines U-Bahnschachts ein komplettes Zimmer mit Tapeten, Bett, Teppich und Fernseher aufgebaut. Die BVG ließ nichts von dem Fund verlauten, bis vor einigen Tagen Fotos davon in Zeitungsredaktionen auftauchten und Journalisten nachhakten.

Kinderzimmer im Wiener U-Bahntunnel

Seitdem fragen sich viele: Was hat es mit dem rätselhaften U-Bahnzimmer auf sich? Eins ist klar: Hier hatte sich kein Obdachloser ein Zuhause gebaut. Dafür wirkt das Ensemble zu steril, zu unbelebt und ein bisschen zu sehr arrangiert. War es also eine Kulisse für geheime Fotoshootings oder Filmaufnahmen? Oder war es Kunst, die ein Statement setzen wollte?

Die Antwort könnte irgendwo dazwischen liegen. Denn vor zwei Jahren wurde eine ganz ähnliche Installation bekannt gemacht. Das Wiener Kunstmagazin „thegap“ berichtete im August 2014 über ein Kinderzimmer, das offenbar zwei Jahre zuvor im Tunnelsystem unterhalb eines Wiener U-Bahnhofes eingerichtet wurde. Bei Youtube wurde kurz zuvor ein Video veröffentlicht, das die Aktion zeigen soll.

Bruch mit einem vertrauten Ort

Im Interview mit dem Magazin erklärt eine Person, die anonym bleiben wollte, die Vorgehensweise und was mit der Aktion beabsichtigt war. So habe man vor der Installation drei Monate lang immer wieder Exkursionen in die Wiener Untergrundsysteme unternommen und sich dann bewusst für eine Installation im Bereich der U-Bahn anstatt in der Kanalisation entschieden.

Die U-Bahn sei „ein vertrauter Ort“, den man zu kennen meine. „Das Projekt hinterfragt diese Vertrautheit, indem es die Betrachter und Betrachterinnen mit einer Situation konfrontiert, die man dort so nicht erwarten würde.“

Warum ein Kinderzimmer in Wien

Dieser Effekt wurde in Berlin auf jeden Fall erreicht, was wohl auch das große öffentliche Interesse an der Aktion erklärt. In Berlin war es ein Single-Apartment im Stil der 1980er Jahre, in Wien hatten die Macher ein Kinderzimmer aufgebaut. Warum? „Die Ambiguität eines unterirdischen Kinderzimmers reizte mich“, so die Antwort.

„Es ging neben der Frage nach prekärer Nutzung von Räumen und der Verschiebung der Grenzen des öffentlichen Raums auch darum, Geschehnisse zu bearbeiten, die in Österreich in den vergangenen Jahren aufgedeckt wurden. Das war damals sehr schockierend und hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.“

Kampusch und Fritzl

Gemeint sind damit der Fall der Wienerin Natascha Kampusch, die als Zehnjährige entführt und über acht Jahre von dem Nachrichtentechniker Wolfgang P?iklopil gefangen gehalten und missbraucht wurde bis sie schließlich fliehen konnte.

Und auch der Fall Josef Fritzl, der in Niederösterreich seine Tochter rund 24 Jahre lang in einer unterirdischen Wohnung gefangen hielt. Während dieser Zeit vergewaltigte er sie unzählige Male und zeugte mit ihr insgesamt sieben Kinder. Drei dieser Kinder hielt er ebenfalls jahrelang unterirdisch gefangen bis im April 2008 alles aufflog.

Wir sind neugierig!

Was die Macher in Berlin mit der künstlerischen Aktion aussagen wollten, wissen wir noch nicht. Geht es um Obdachlosigkeit? Geht es um Verdrängung durch Gentrifizierung? Warum war das Zimmer im Stil der 1980er gestaltet? Prägen diese Jahre aus Sicht der Künstler das Unterbewusstsein der Stadt?

Unser Kulturredakteur Nikolaus Bernau hat die künstlerische Aktion erkannt und sich kluge Gedanken dazu gemacht. Trotzdem bleiben wir neugierig. Künstler meldet euch, schickt mehr Fotos, oder veröffentlicht ein Video! Erklärt Berlin doch etwas genauer, was ihr sagen wolltet!