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Berliner Zeitung | Wohnungsmangel in der Hauptstadt: Berlin baut 15.000 Wohnungen in Leichtbauweise
30. September 2015
http://www.berliner-zeitung.de/22385970
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Wohnungsmangel in der Hauptstadt: Berlin baut 15.000 Wohnungen in Leichtbauweise

Bezahlbarer Wohnraum in Berlin wird immer knapper.

Bezahlbarer Wohnraum in Berlin wird immer knapper.

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imago/Jochen Tack

Die Aufgabe ist gigantisch: Der Senat will im nächsten Jahr an 60 Standorten in Berlin 15.000 Wohnungen für 30.000 Menschen errichten. Das entspricht etwa der Größe des Märkischen Viertels. Die Unterkünfte sollen nach den Worten von Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) in Leichtbauweise entstehen – schnell und preiswert, nach dem Vorbild der modularen Ergänzungsbauten für Schulen. Diese entstanden aus vorgefertigten Bauelementen. Flüchtlinge, aber auch andere Wohnungssuchende sollen in die neuen Quartiere einziehen. Zu Mieten von 6,50 Euro je Quadratmeter (kalt).

Wie die neuen Unterkünfte aussehen, ist noch unklar. Plattenbauten sollen es nicht werden, versichert Stadtentwicklungssenator Geisel. Ein Modellprojekt der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2013 in Hamburg zeigt, was im Fertigbau technisch möglich ist. Die Firma Schwörerhaus errichtete dort nach Plänen des Hamburger Architekturbüros Fusi & Ammann in Beton-Holz-Konstruktion ein viergeschossiges Stadthaus mit sechs Wohnungen, die zwischen 45 und 150 Quadratmetern groß sind. Bauzeit des Gebäudes: gut ein Jahr, inklusive Kellerbau. Wird auf ein Untergeschoss verzichtet, geht es schneller.

Für Schwörerhaus war das Modellprojekt in Hamburg der Einstieg in den Bau von Mehrfamilienhäusern in Modulbauweise. In Pfullingen bei Reutlingen wurde bereits ein weiteres Wohnhaus errichtet – und als Eigentum verkauft. Momentan kalkuliere man mit einem Preis von 2500 Euro pro Quadratmeter, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Damit bewegt sich der Fertighaushersteller weit über dem Preisniveau, das Stadtentwicklungssenator Geisel für die geplanten Wohnungen in Berlin vorschwebt. Er will weniger als 1000 Euro pro Quadratmeter ausgeben.

Kollatz-Ahnen sieht keine Gefahr von sozialen Brennpunkten

Die Senatsverwaltungen für Finanzen und Stadtentwicklung erarbeiten zurzeit die europaweite Ausschreibung für den lukrativen Bauauftrag. „Wir legen uns in der Ausschreibung nicht auf eine Bauweise fest“, sagte Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) am Mittwoch. „Es können Gebäude aus Beton oder in Holztafelbauweise entstehen.“ Klar sei: Die Bauzeit solle unter einem Jahr liegen. „Im Oktober oder November soll die Ausschreibung veröffentlicht werden“, so der Finanzsenator. „Wir erhoffen uns einen Wettbewerb der Ideen.“

Mit der Ausschreibung sollen die ersten der insgesamt 60 Standorte benannt werden. Die übrigen würden dann folgen. „Dass soziale Brennpunkte entstehen können, befürchte ich nicht“, sagte Kollatz-Ahnen. „Soziale Brennpunkte entstehen, wenn 20.000 Menschen in Zelten leben. Aber das wollen wir gerade verhindern.“ Als Standorte sind unter anderem Flächen am Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Steglitz und an der ehemaligen Lungenklinik Heckeshorn in Wannsee im Gespräch.

Das Problem besteht darin, landeseigene Flächen möglichst optimal zu nutzen. Denn der Senat geht eigentlich davon aus, dass die Häuser, die in Leichtbauweise entstehen, nur drei Geschosse haben und eine Lebensdauer von lediglich 30 bis 40 Jahren erreichen. Würden attraktive Grundstücke in der Innenstadt so bebaut, wäre das eine Verschwendung. Denn sie können auch mit höheren Häusern bebaut werden.

Bundesverband Deutscher Fertigbau warnt vor falschen Erwartungen

Die Präsidentin der Berliner Architektenkammer, Christine Edmaier, steht dem Bau von Wohnungen in Leichtbauweise offen gegenüber. Dies sei jedoch besser oder schlechter zu machen, sagt sie. Um zu guten Ergebnissen zu kommen, sollten Planer und Architekten rechtzeitig einbezogen werden. Jedes Grundstück habe seine Besonderheiten. Das müsse beachtet werden.

Der Bundesverband Deutscher Fertigbau warnt vor falschen Erwartungen an seine Mitgliedsunternehmen. „Wenn die 15.000 Wohnungen in Berlin auf klassische Fertigbauweise errichtet werden sollen, ist das realitätsfremd“, sagte Achim Hannott, Sprecher des Verbandes. „Das ist weder bezahlbar, weil auf diese Weise keine preiswerten Wohnungen errichtet werden können, noch ist der Bau in dieser Menge leistbar.“ Durch die Errichtung von Fertighäusern sei das Problem nicht zu lösen. Fertighäuser seien heute nicht mehr billige Häuser. Hannott: „Die Branche ist auf den Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern spezialisiert, aber nicht auf den Bau von Massenunterkünften.“