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Wohnungssuche am Görli in Berlin-Kreuzberg: Am Görlitzer Park ist kein Platz für Durchschnittsfamilien

Begehrt trotz Drogenkriminalität, Partytourismus und exorbitanter Mieten: die Gegend rund um den Görlitzer Park in Kreuzberg.

Begehrt trotz Drogenkriminalität, Partytourismus und exorbitanter Mieten: die Gegend rund um den Görlitzer Park in Kreuzberg.

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Markus Wächter

Frau Arapovic, Sie haben ein halbes Jahr nach einer bezahlbaren Mietwohnung für eine dreiköpfige Familie am Görlitzer Park gesucht. War das tatsächlich Ihre persönliche Suche oder ist das für die Reportagereihe so präsentiert worden?

Seit wir ein Kind bekommen haben, geht es uns wie vielen Familien: Es fehlt ein Zimmer, die Wohnung ist nicht so gut geschnitten. Wir haben schon länger geguckt, idealerweise im Kiez, wir wohnen rund 500 Meter vom Görlitzer Park entfernt. Hier sind unsere Freunde, wir gehen hier aus. Als es dann um das Projekt ging, die Entwicklung rund um den Park zu erzählen, haben wir im Sender gesagt: Wir schicken mich auf Wohnungssuche.

Sie haben wöchentlich auf Radio Eins von Ihren Erlebnissen berichtet. Hat Ihnen diese öffentliche Aufmerksamkeit Vorteile gebracht?

Das wäre schön gewesen, davon hätte ich gerne erzählt.

Die Reihe auf Radio Eins hieß „Auf der Jagd nach einer Wohnung“. Auf der Jagd ist sich jeder selbst der nächste. Mit wem konkurriert man?

Überwiegend Neuberlinern, die hier studieren oder einen Job anfangen: ein Arzt, zwei Mädels, die Online-Marketing bei einem Start-up machen, internationale Pärchen. Und Wohngemeinschaften! Ein Makler erzählte, dass Eigentümer gerne an WGs vermieten, denn wenn es Studenten sind, stehen dahinter zahlungskräftige Eltern. Oder sie kommen aus Städten, wo sie andere Preise gewohnt sind. Eine gut geschnittene 3-Zimmer-Wohnung, die für eine Familie ideal ist, kannst du natürlich auch lukrativ als WG vermieten und dreimal 500 Euro kalt verlangen.

Warum wollen die Neuberliner genau in diesen Kiez?

Die meisten kennen Berlin schon von Besuchen. Und wenn sie hier ausgehen, dann in Kreuzberg und Neukölln. Es ist ein cooler Bezirk: Graffiti an den Wänden, kaputte Leute auf der Straße, ein Görli, in dem gekifft wird.

Es geht um den Mythos?

Ja, es ist der Mythos, der immer noch zieht: Hausbesetzer, 1. Mai. Manche meinen, dass es noch so rough ist wie früher. Ich habe ein typisches Hipster-Pärchen aus Oslo gesprochen, das innerhalb eines Jahres dreimal in Berlin war und sich immer mit Airbnb in Kreuzberg einmietet. Es sei hier so offen und liberal und der Tourismus eine Win-Win-Situation für alle. Sie denken nicht daran, dass sie in Ferienwohnungen wohnen, die normale Mietwohnungen sein könnten.

Massenbesichtigungen, steigende Mieten, Verdrängung – all das ist nicht neu. Stand die Antwort auf die Ausgangsfrage – gibt es bezahlbaren Wohnraum in SO36? – nicht von vornherein fest?

Ja, vielleicht. Es gibt Leute, die suchen seit zwei Jahren. Aber ehrlich gesagt hab ich gedacht, es ist möglich. Es war wichtig, auf die Reise zu gehen und zu gucken, was das für Ursachen hat und wie es den Leuten geht, die Teil des Prozesses sind – sei es auf Seiten der Verdrängten oder derer, die verdrängen.

Was hat Sie dabei überrascht?

Es war überraschend, wie viel sich von globalen Entwicklungen hier auf diese Gegend auswirkt: der Immobilienboom, die Touristen, die vor zehn Jahren mit den Billigfliegern kamen und jetzt hierher ziehen. Und natürlich die Flüchtlingskrise. Das alles hängt irgendwie miteinander zusammen, und die Gegend erscheint hilflos.

Haben Sie eine Antwort auf die Schuldfrage gefunden?

Ich glaube, es gibt keinen Schuldigen, weil jeder Gründe für seine persönlichen Interessen hat. Es gibt aber Dinge, die etwas regulieren könnten: das Zweckentfremdungsverbot für Wohnungen zum Beispiel. Die Wohnungsämter können den Fällen nicht nachgehen, weil sie völlig überlastet sind. Auch der Milieuschutz und das Umwandlungsverbot sind Maßnahmen, die zu spät kamen oder mit Ausnahmen gar nicht richtig durchgezogen werden können. Und die Auswirkung ist, dass in einer Straße 50 Ferienwohnungen sind.

Sie haben keine passende Wohnung gefunden. Wie lautet das Fazit Ihrer Suche?

Vielleicht war es naiv zu denken, wir bleiben für immer hier, meine Tochter wächst hier auf. Eine Durchschnittsfamilie scheint keinen Platz mehr zu haben in dieser Gegend, und diejenigen, die da sind, krallen sich fest an dem, was sie haben. Das werden wir jetzt auch machen: anders einrichten, ein Hochbett bauen. Es ist schade, dass es keinen Plan gibt, wohin sich das Ganze entwickeln wird, keine Idee davon, was mit Berlin in 20 Jahren ist. Außer, dass es darauf zusteuert, wie Barcelona oder Paris zu werden. Am Schluss bleiben die Jungen, die Reichen und Kreativen, und alle Alten und die Familien werden an den Rand gedrängt.

Das Gespräch führte Torsten Landsberg.