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Wohnungsverkauf in Schöneberg: Mieter bieten gegen Spekulanten

Graffiti in der Katzlerstraße: Wem gehört die Stadt?

Graffiti in der Katzlerstraße: Wem gehört die Stadt?

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imago/Schöning

Aus Angst vor Spekulanten, die aus ihren Wohnungen Luxusquartiere machen, gehen Mieter an der Großgörschen- und der Katzlerstraße in Schöneberg in die Offensive: Sie wollen ihre drei Häuser für 4,8 Millionen Euro selbst kaufen. Gemeinsam mit der Wohnungsbaugenossenschaft Bremer Höhe haben sie ein Angebot beim Eigentümer, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), abgegeben. Die Bima will die Wohnungen veräußern, am Donnerstag lief die Angebotsfrist für Interessenten ab.

„Wir haben lange überlegt, wie wir der Gefahr einer Vertreibung durch Mieterhöhungen entgehen können“, sagt Thomas Hölker von der IG Großgörschen & Katzler (Groka). Der Architekt wohnt seit zwölf Jahren da, einige seiner Nachbarn sind schon seit 55 Jahren dort zu Hause. Von den 4,8 Millionen Euro wollen die Bewohner 550.000 Euro selbst aufbringen. Hölker: „Als künftige Genossenschaftsmitglieder wollen wir uns eine einmalige Mieterhöhung um durchschnittlich 25 Prozent verordnen.“

Einladung für Spekulanten

Auch die Genossenschaft, die vor 14 Jahren in Prenzlauer Berg aus einer Mieterinitiative heraus entstand und heute rund 650 Wohnungen verwaltet, fügt einen Anteil zum Kaufpreis hinzu. Der größte Brocken soll aber durch Kredite abgedeckt werden. Dass die 4,8 Millionen Euro ausreichen werden, darf zum jetzigen Zeitpunkt bezweifelt werden. Denn die Bundesanstalt will zum Höchstpreis verkaufen, als Richtwert gelten laut Verkaufsprospekt 7,1 Millionen Euro. Das wäre das 30,6-fache der aktuellen Jahresnettokaltmiete.

Was eindeutig die Spekulation anheizen würde, sagt Hölker: „Eine solche Investition lässt sich nur wieder reinholen, wenn man Mietwohnungen in teures Eigentum umwandelt oder die Wohnungen luxussaniert.“ Beides würde für die jetzigen Mieter Vertreibung bedeuten. Zum Vergleich: Die landeseigenen Wohnungsunternehmen dürfen bei einem Wohnungskauf nur maximal das 14-Fache der Jahresnettokaltmiete ausgeben. Auch an dieser Differenz seien die Kaufverhandlungen zwischen Bima und der landeseigenen Gewobag gescheitert, heißt es.

Fußböden selbst saniert

48 Wohnungen gibt es in den drei Häusern, die um die Jahrhundertwende gebaut wurden. Die Mieten sind vergleichsweise niedrig, sie liegen zwischen 2,71 und 4,71 Euro je Quadratmeter (kalt). Entsprechend ist auch der Standard. Die Bima, so Hölker, habe nur wenig investiert. Eine Wohnung wird sogar noch mit Kohle geheizt, die meisten Mieter haben sich Gasthermen eingebaut und Fußböden selbst saniert.

Wann die Entscheidung über den neuen Eigentümer fällt, ist unklar. Bei Kaufpreisen über fünf Millionen Euro muss der Haushaltsausschuss des Bundestags befragt werden, was frühestens im September passieren kann. Die Linkspartei hat bereits ihr Veto angekündigt. Denn der Verkauf zu Höchstpreisen ist umstritten. Während die Bundesregierung offiziell von Mietpreisbremse und bezahlbarem Wohnraum spricht, heizt sie durch ihre Verkaufspraxis die Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt selbst an. Die Grünen-Abgeordnete Lisa Paus sagt: „Der Bund verhält sich wie ein ganz normaler Immobilienspekulant.“

Protest auch in Kreuzberg

Bis 2018 will die Bima in Berlin rund 1700 Wohnungen verkaufen. Der Senat hat jetzt angekündigt, mit anderen Ländern im Bundesrat darauf hinzuwirken, dass kommunale Interessen beim Verkauf stärker zum Zuge kommen.

Auch in Kreuzberg wächst der Widerstand gegen die Höchstpreis-Politik der Bima. Dort will die Bundesanstalt das fünf Hektar große ehemalige Dragonerareal, ein Gelände zwischen Mehringdamm, Yorck- und Obentrautstraße, teuer verkaufen. Ein Bündnis „Stadt von unten“ lädt für diesen Sonnabend um 15 Uhr am Mehringdamm zur Protestkundgebung dagegen ein.