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Wrangelkiez: Mehr Besucher, höhere Mietkosten

Berlin -

Vor den Cafés an der Falckensteinstraße sitzen Besucher in der Sonne, in den kleinen Läden der Schlesischen Straße drapieren junge Leute Selbstgeschneidertes und Kunst. Jung sind auch die meisten Touristen, die das Bild vom Wrangelkiez im Südosten Kreuzbergs prägen. Das etwa 46 Hektar große Altbauquartier zwischen Schlesischem Tor, Spree und Görlitzer Park ist das, was man in Hauptstadt-Reiseführern einen Hotspot nennt – ein außerordentlich beliebtes Ausgeh-Ziel.

Es ist sogar so beliebt, dass sich die als alternativ und liberal geltenden Kreuzberger von dem bunten Treiben vor ihren Türen gestört fühlen. Die Anwohnerveranstaltung „Hilfe, die Touris kommen“ sowie Aufkleber mit Touristen-feindlichen Slogans sorgten im Frühjahr 2011 von New York bis München für Verwunderung. Den Grünen, die sich demonstrativ auf die Seite der Bewohner stellten, weil die nicht nur den Lärm beklagen, sondern auch die Verdrängung durch Mietsteigerung fürchten, bescherte sie ein gutes Wahlergebnis.

Extrem schnelle und hohe Mietsteigerungen

Dass der Wrangelkiez mal eine Touristenhochburg wird, hätte noch vor ein paar Jahren kaum jemand geglaubt, sagt der Stadtsoziologe Sigmar Gude vom Forschungsinstitut Topos. Seit 1985 untersucht er die Sozialstruktur im Quartier. „Es ist eine traditionell arme Gegend“, sagt Gude, gekennzeichnet sei sie durch viele Arbeiter-Unterkünfte und wenige Bel-Etage-Wohnungen. „Noch Ende der 1980er-Jahre waren Familien mit zehn Personen in einer Stube mit Küche und Außentoilette keine Seltenheit“, sagt er. Studenten, türkische Zuwanderer und Kreative mit vielen Ideen und wenig Geld machten lange Jahre den Großteil der Bewohner aus. Daran hat sich nun einiges geändert.

Das Einkommensniveau steigt, ähnlich wie im Graefekiez und entlang der Bergmannstraße in Kreuzberg. Aktuelle Statistiken gebe es nicht, wohl aber viele Belege, sagt der Stadtsoziologe. Als Beispiel führt er die Entwicklung der Mieten an, die im Wrangelkiez um bis zu 27 Prozent gestiegen sind – das ist ein Spitzenwert in Berlin. Betrug die Durchschnittsmiete im Jahr 2011 noch 4,90 Euro pro Quadratmeter, liegt sie laut Mietspiegel bei Neuvermietungen aktuell bei 6,60 Euro. Das ist im Berlinvergleich zwar immer noch gemäßigt, dennoch eine extrem schnelle und hohe Steigerung. Aus Sicht der Bewohner, die meist kein hohes Einkommen haben, sind die Mieten jetzt hoch.

Auch die Zusammensetzung der Bewohnerschaft hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Zwar hat im Wrangelkiez noch immer fast jeder Zweite einen Migrationshintergrund, aber die Herkunftsländer sind andere. Der Anteil türkischer Migranten ist von 70 auf 50 Prozent gesunken. Dafür stieg der Anteil von EU-Ausländern, vor allen von Spaniern, Italienern und Briten. Jeder vierte Ausländer, der im Wrangelkiez wohnt, stammt aus EU-Ländern.