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Berliner Zeitung | Wrangelkiez: Wie Investoren die Kiezkultur in Kreuzberg verdrängen
03. June 2015
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Wrangelkiez: Wie Investoren die Kiezkultur in Kreuzberg verdrängen

Mit 14 kam er nach Kreuzberg: Der 55-jährige Ahmet Caliskan.

Mit 14 kam er nach Kreuzberg: Der 55-jährige Ahmet Caliskan.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

"Ich gebe jetzt nicht auf“, sagt Ahmet Caliskan. Er hebt dabei seine Hände, schüttelt langsam den Kopf, als würde er sagen wollen, einfach so mit erhobenen Händen wolle er das alles hier nicht verlassen. Der Gemüseladen von Ahmet Caliskan, 55 Jahre alt, in der Wrangelstraße in Kreuzberg steht vor dem Aus. Nach 28 Jahre Familienbetrieb. Nicht weil Ahmet Caliskan pleite ist. Bei Bizim Bakkal kaufen viele Stammkunden ein. Mehrere Sorten Schafskäse, eingelegt in Salzlake, gibt es. Oliven, Tomaten, Pilze, Äpfel, Auberginen, eben alles, was ein türkischer Gemüseladen so hat.

Caliskans unbefristeter Gewerbemietvertrag wurde gekündigt. „Namens und Vollmacht des Vermieters kündigen wir das Mietverhältnis … fristgemäß zum 30. 9. 2015“, steht in dem Schreiben der Hausverwaltung. Und es steht auch darin, dass die Rückgabe „in geräumtem, renoviertem und besenreinem Zustand“ zu erfolgen habe.

Mit 14 kam er nach Berlin

Aber Ahmet Caliskan will nicht weg aus der Wrangelstraße. „Ich wäre sogar bereit gewesen, ein wenig mehr Miete zu zahlen“ sagt er. Mehrere Male habe er mit der Verwaltung gesprochen. Er habe auch vorgeschlagen, dass sein Sohn den Laden übernimmt, einem neuen Vertrag. Abgelehnt. Dann hat er einen möglichen Nachmieter genannt. Abgelehnt. „Die wollen den Laden leer haben“, sagt Ahmet Caliskan.

Ahmet Caliskan steht in seinem Laden, die Haare grau, die Augenbrauen buschig, Stoffhose, Hemd, Pullover. Er zeigt auf die Kühlschränke in der Ecke. Erst vor einem Jahr im Juni, sagt er, habe er sie neu gekauft und auch den Raum renoviert. Mehr als 14.000 Euro habe ihn das gekostet. „Viel Geld für mich“, sagt er.

Obst, Gemüse, Schafskäse: Jahrelang prägten türkische Gemüsehändler die Kieze in Kreuzberg. In der Wrangelstraße erhielt jetzt ein Händler eine Kündigung.
Nach 28 Jahren.

Obst, Gemüse, Schafskäse: Jahrelang prägten türkische Gemüsehändler die Kieze in Kreuzberg. In der Wrangelstraße erhielt jetzt ein Händler eine Kündigung.

Nach 28 Jahren.

Bereits vor knapp zwei Jahren haben in dieser Straße zwei türkische Gemüseläden schließen müssen, Posof und der Gözde Süper Market. Zu groß war vermutlich die Konkurrenz, weil nur ein paar Meter weiter ein großer türkischer Supermarkt aufgemacht hat, Eurogida. Aber bei Bizim Bakkal – was übersetzt so viel heißt wie Unser Kiezhändler – läuft es trotzdem immer noch gut. Die Kunden schätzen Ahmet Caliskan, immer liebenswürdig und freundlich sei er, sagt einer von ihnen.

Dass er den Laden aufgeben muss, sei „eine Katastrophe für die ganze Familie,“ sagt Ahmet Caliskan. 1974 ist er mit seinen Eltern und seiner Schwester aus der Türkei nach Kreuzberg gezogen, in den Wrangelkiez, da war er vierzehn Jahre alt. Noch immer ist sein Deutsch holprig. 1987 hat sein Vater Bizim Bakkal in der Wrangelstraße eröffnet. Ahmet Caliskan und seine Schwester halfen im Laden. Kisten auspacken, Obst und Gemüse sortieren, verkaufen. Irgendwann hatte die Schwester genug, sie machte einen Zeitungsladen auf. Ahmet Caliskan aber ist beim Obst und Gemüse geblieben.

Harte Arbeit, um die Familie zu unterstützen

Bisher konnte er mit dem Laden alle unterstützen, seine Eltern, die inzwischen in die Türkei zurückgekehrt sind und dort wenig Rente bekommen. Seinen erwachsenen Sohn und die Tochter, die noch studiert und im nächsten Jahr ihren Masterabschluss in Biochemie machen will.

Sie haben hart dafür gearbeitet in den letzten Jahren, Ahmet Caliskan und seine Frau, die ihm im Laden hilft. Um 1 Uhr aufstehen in der Nacht, um 2 Uhr los zum Großmarkt in die Beusselstraße, wo er jeden Tag frische Ware kauft. Ab 7 Uhr ist er im Laden, auspacken, sortieren, in die Regale räumen. Dann ausruhen, hinlegen, schlafen bis 14 Uhr. Ab 15 Uhr steht er wieder im Laden und verkauft bis zum Schluss. Gegen 20.30 Uhr wird zusammengeräumt und abgeschlossen.

Am heutigen Mittwoch gegen 19 Uhr wollen sich die Nachbarn aus der Wrangelstraße treffen und beraten, wie sie Ahmet Caliskan helfen können. Bereits in der vergangenen Woche kamen 70 Menschen zusammen, vor dem Café gleich neben dem Gemüseladen. Der Bürgersteig war voll. „Eine Unterschriftenliste könnten wir machen“, schlug jemand vor. „Ich habe eine Idee für ein Plakat“, sagte ein anderer. „Kann jemand eine Webseite basteln? Wir brauchen einen E-Mail-Verteiler“, sagte der nächste. Weil das in der Wrangelstraße nicht so weitergehen könne mit den Spekulanten. Alle klatschten.

Einer kam auch auf den neuen Eigentümer zu sprechen, einen Immobilienkonzern. Auf der Webseite der Firma kann man das Haus in der Wrangelstraße 77 sehen, „11 Exklusive Altbau-Eigentumswohnungen und 1 Gewerbeeinheit, Sanierungsstart: März 2015, Verkaufsstart: 2015“, steht dort unter „aktuelle Projekte“.

Kreuzbergs Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) hat mit Ahmet Caliskan gesprochen. „Wir haben der Verwaltung des Hauses einen Brief geschickt,“ sagt Panhoff der Berliner Zeitung. Darin soll der Bezirk klar gemacht haben, dass man gar nichts davon halte, einen alteingesessenen Kiezladen zu vertreiben. Mehr als eine solche Unterstützung sei aber nicht möglich, sagt Panhoff. „Rein rechtlich ist dagegen nichts zu machen.“

Der für die Vermarktung der Gewerbefläche zuständige Immobilienmakler bestätigte die Kündigung, außerdem habe der Eigentümer Ahmet Caliskan angeboten, noch sechs Monate mietfrei im Laden bleiben zu können.

Banner im Baum

Die Anwohner hoffen, dass sie doch noch einiges bewegen können im Fall Ahmet Caliskan. Ende letzten Jahres zum Beispiel konnte die Schließung einer Wäscherei am Schlesischen Tor verhindert werden, ein Bio-Supermarkt wollte dort ein Café und eine Bäckerei einrichten. Anwohner hatten Unterschriften gesammelt und Protestaktionen organisiert. Die Wäscherei konnte schließlich bleiben.

Gegenüber von Bizim Bakkal in der Wrangelstraße hängt jetzt ein großes Banner zwischen zwei Bäumen. Darauf steht geschrieben: „Bizim Bakkal bleibt“. Es klingt trotzig. „Glücklich bin ich“, sagt Ahmet Caliskan. „Mit so viel Unterstützung habe ich nicht gerechnet.“