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Youtube-Hit von Firas al-Shater: Wie ein Syrer in Berlin anderen Flüchtlingen Deutschland erklärt

Er will die Deutschen gern kennenlernen.

Er will die Deutschen gern kennenlernen.

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Paulus Ponizak

Firas al-Shater legt los wie der Animateur in einem Ferienklub. Er redet schnell, laut und mit leicht nervender Fröhlichkeit. Aber um Urlauberbespaßung geht es nicht, dieses Überschäumen ist Lebenslust. Der Syrer kann nicht anders, das merkt man, wenn man neben ihm auf dem Sofa sitzt. Dem Sofa, das alle kennen, die ihn auf Youtube angeklickt haben. Und das sind seit letzter Woche mehr als eine Million Menschen. Al-Shater ist ein Star.

Al-Shater, vor fast 25 Jahren in Choms geboren, erzählt in dem Video, er lebe seit zweieinhalb Jahren in Berlin. Er sei einer dieser Flüchtlinge. Zu Hause habe er Filme gemacht – wenn er nicht gerade im Gefängnis saß, weil er Filme gemacht habe. Al-Shater war unter den Aktivisten, die 2011 die Proteste gegen Staatschef Assad initiierten. Neun Monate verbrachte er hinter Gittern. Spuren im Gesicht und Narben an seinen Unterarmen bezeugen, dass er gefoltert wurde. Die zeigt er in seinen Videos nicht vor.

Dafür hat der Video-Journalist Bilder wie Schlaglichter gegeneinander geschnitten: Die Stadt Aleppo von früher, mit einer wunderschönen orientalischen Architektur. Dann erscheint der Alexanderplatz mit der Weltzeituhr. Danach wieder Aleppo. Grauenhaft zugerichtet nach fünf Jahren Krieg. Nun wieder der Alexanderplatz, unverändert friedlich. „Deshalb“, sagt al-Shater einfach, „bin ich in Berlin.“

Er will die Deutschen kennenlernen. Dafür hat al-Shater 2014 lange vor seinem Youtube-Auftritt an der Weltzeituhr ein Experiment gemacht. Mit verbundenen Augen und ausgebreiteten Armen stellte er sich in den Weg, neben sich ein Schild mit der Aufschrift: „Ich bin Muslim. Wenn ihr mir vertraut, dann umarmt mich.“ Lange Zeit reagierte niemand, dann machten Touristen Selfies und dann umarmten ihn Berliner, zuletzt ganz oft. „Es scheint, wenn die Deutschen etwas anfangen, dann hören sie nicht mehr auf“, sagt al-Shater. Das mache ihm Hoffnung, dass die Integration doch gelinge. „Irgendwann.“

Gerade hat Kanzlerin Merkel gesagt, dass die Flüchtlinge nach Hause gehen, wenn der Krieg in Syrien vorbei sei. Das werde nicht funktionieren, sagt al-Shater im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Die meisten haben nichts mehr dort. Sie mussten alles verkaufen, um die Schlepper zu bezahlen“, sagt er. „Warum sollen wir zurück in dieses Nichts?“ Zudem wisse niemand, wann dieser Krieg tatsächlich zu Ende sei. „In fünf oder in zehn Jahren – egal. Bis dahin müssen wir leben und das geht nur, wenn wir uns dieses Leben hier aufbauen.“

Gewagte Leichtigkeit

Der Berliner Produzent Jan Heilig hatte die Idee zu dem Video. Er lernte al-Shater in der Türkei kennen, als er das Filmprojekt „Syria Inside“ realisierte. „Da erklärte Firas den Krieg in Syrien“, sagt Heilig. In einer Serie will al-Shater nun beschreiben, was ihm an den Deutschen auffällt. Die Finanzierung sei zur Hälfte gesichert, sagt Heilig. Er will Filmförderung beim Medienboard Berlin Brandenburg beantragen, der auch Web-Projekte fördert.

Auch die Caritas will das Projekt unterstützen. „Interessant, wie al-Shater in einer sehr ernsten Diskussion den Blickwinkel verändert“, sagt Sprecher Thomas Gleißner. Seine Leichtigkeit sei gewagt, aber vielleicht hilfreich. Firas al-Shater hat kein Problem damit, über das Flüchtlingsproblem mit einem Lachen zu reden. „Es mag schwarzer Humor sein“, sagt er. Sein Erfolg beweist, dass die Leute einem anderen Ton in dieser Diskussion wünschen.


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