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Berliner Zeitung | Zehn-Punkte-Plan für Schulreform: Langschläfer haben bessere Noten
11. December 2013
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Zehn-Punkte-Plan für Schulreform: Langschläfer haben bessere Noten

Corinna Harfouch, Schauspielerin, hat auch unterschrieben.

Corinna Harfouch, Schauspielerin, hat auch unterschrieben.

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getty/Andreas Rentz

Aufruf: Der Zehn-Punkte-Plan, den der Lehrer Robert Rauh initiiert hat, nennt sich „Schul-Gerecht! Aufruf für eine notwendige und realisierbare Schulreform“. Mitformuliert haben Lehrer, Lehramtsstudenten, Elternvertreter sowie Karun Sakhiravi, Schülersprecher der Ernst-Reuter-Sekundarschule in Mitte. Als Erstunterzeichner firmieren die Schauspieler Corinna Harfouch und Björn Harras („GZSZ“) sowie Sportlerin Jenny Wolf und die Schriftstellerin Christine Eichel. Hier der 10-Punkte-Plan im Detail:

Bundesweit einheitliche Standards: Die Initiative fordert bundesweit gleiche Schulabschlüsse und einheitliche Kerninhalte für die Lehrpläne statt der großen Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern. „Zudem müssen parallel die Beschäftigungsverhältnisse der Lehrer vereinheitlicht werden“, heißt es.

Lehrpläne entschlacken, anders lernen: Alle Lehrplaninhalte müssen auf den Prüfstand, Unnötiges soll raus. Nach dem Motto: Weniger Inhalte, mehr Kompetenzen. „Das stupide Pauken von Stoffmengen für Tests produziert „Bulimie-Wissen“, heißt es. „Das Ziel von Schule sollte sein, unter Anleitung, selbstständig oder in Gruppen vielfältige Problemlösungsstrategien zu entwickeln. Schule sollte neben fachbezogenen Kompetenzen auch die sozialen Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Verantwortung oder Teamfähigkeit fördern.“

Kleine Klassen, längerer Unterricht: Maximal sollten 25 Schüler in einer Klasse sein, nur dann ist individuelle Förderung möglich. Deshalb sollte auch die Unterrichtsstunde von 45 auf 60 oder gar 90 Minuten umgestellt werden. Keine Schule sollte mehr zum 45-Minuten-Takt zurückkehren dürfen. Manche Bildungsforscher bestreiten einen Zusammenhang zwischen Klassengröße und Lernerfolg.

Gleiche Bildungschancen: Um Kindern aus sozial benachteiligten Elternhäusern möglichst gleiche Bildungschancen einzuräumen, fordert die Initiative kostenlose Angebote wie Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfeunterricht sowie zusätzlichen Sprachunterricht in der Schule. Dazu soll der Ganztagsbetrieb ausgebaut werden.

Mehr Schulmanager: Derzeit fehle Schulleitern häufig die Zeit, die Unterrichtsqualität an der Schule abzusichern, heißt es in Punkt 5 des Aufrufs. Zu viel Zeit gehe für das Management der Schule drauf. Um mehr Zeit für pädagogische Aufgaben zu haben, müsste es zusätzliche Stellen für einen Schulmanager und einen IT-Netzwerkbetreuer geben. Prinzipiell sollte eine Schule über Finanzen und Personal selbst entscheiden, heißt es im Aufruf.

Moderne Ausstattung: Die vielerorts bereits eingeleitete Gebäudesanierung muss ausgeweitet werden, heißt es in dem Aufruf. „Schulen sollten nicht nur über ausreichend Fach- und Klassenräume sowie eine Sporthalle verfügen, sondern auch über Pausenräume, eine Kantine, eine Aula und über einwandfreie Sanitäranlagen.“ Bei Um- und Neubauten dürfe auch architektonisch mal etwas gewagt werden. „Schulen sollten nicht Kasernen oder Krankenhäusern gleichen.“ Auch eine zeitgemäße IT-Infrastruktur sei wichtig, „mittelfristig auch bezahlbare Touchpads mit pädagogisch geprüfter Lern- und Unterrichtsoftware für jeden Schüler“.

Vernetzte Schulen: Die oft bereits vorhandenen Kooperationen von Schulen mit Sportvereinen, mittelständischen Unternehmen, Jugendklubs, Musikschulen, Museen oder Geschichtswerkstätten müssen ausgeweitet werden.

Zweigliedriges Schulsystem: Alle Bundesländer sollten das zweigliedrige Schulsystem einführen. Neben dem Gymnasium soll es dann nur noch eine weiterführende Schule geben, um den Schülern mehr Chancen zu geben und Umzüge von Bundesland zu Bundesland zu erleichtern, heißt es in dem Aufruf. In Berlin hat der damalige Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) diesen Schritt mit der Gründung von Sekundarschulen bereits vollzogen, aber Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Hessen haben noch immer Hauptschulen.

Kritik am Turbo-Abitur: Die Verfasser des Aufrufs sehen die Verkürzung der Gymnasialzeit auf 12 Jahre sehr kritisch. „Stofffülle, lange Schultage und viele Hausaufgaben“ sei die Folge. Entweder müsse man auch am Gymnasium zum Abitur nach 13 Jahren zurückkehren oder aber Lehrpläne entschlacken sowie Ganztagslernen verstärken. Prinzipiell sollten Gymnasien entscheiden können, ob sie das Abitur nach 12 oder 13 Jahren anbieten.

Ausschlafen können: Die Initiative beruft sich auf Hirnforscher und fordert einen späteren Schulbeginn, so zwischen 8.30 Uhr und 10 Uhr. Das fördere die Lernmotivation und sei gut für das seelische Gleichgewicht. Nach US-Studien seien Noten und auch Sozialverhalten von Langschläfern besser. Obendrein gebe es dann weniger Zuspätkommer und Schulschwänzer.