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Zentral- und Landesbibliothek auf Tempelhofer Feld: Klar unentschieden

Miebach Oberholzer aus Zürich wollen foyerweite Durchblicke (links). Das Pathos Oscar Niemeyers steht Pate bei Kohlmeyer Oberst aus Stuttgart (rechts)-

Miebach Oberholzer aus Zürich wollen foyerweite Durchblicke (links). Das Pathos Oscar Niemeyers steht Pate bei Kohlmeyer Oberst aus Stuttgart (rechts)-

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Miebach Oberholzer Zürich/Kohlmeyer Oberst Architekten Stuttgart

Die Überraschung war groß, als am Mittwochnachmittag zwei Preisträger im Wettbewerb für eine neue Zentral- und Landesbibliothek bekannt gegeben wurden. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher konstatierte, erst im Frühjahr 2014 werde man endgültig wissen, wer das „wichtigste Bauprojekt dieser Legislaturperiode“ (Kulturstaatssekretär Andre Schmitz) auf dem „wichtigsten Platz Deutschlands“ (Lüscher) bauen werde.

War die Jury zu feige für ein eindeutiges Votum in diesem politisch hochbrisanten Umfeld – Stichwort Volksabstimmung Tempelhofer Feld? Oder hat sie die Entscheidung, welche Art von öffentlicher Bibliothek sich Berlin wünscht, der Politik und vielleicht sogar den Bibliotheksnutzern zurückgegeben?

Für diese These spricht vor allem, dass die Jury unter der Leitung der isländischen Architektin Jórunn Ragnarsdóttir mit den Arbeiten des Zürcher Büros Miebach Oberholzer und des Stuttgarter Büros Kohlmeyer Oberst zwei denkbar gegensätzliche Projekte ausgezeichnet hat. Die Zürcher schlagen einen achtgeschossigen, rechteckig-gläsernen Bücherturm vor. Innen prägen auf ihren Zeichnungen weite, fließende Etagen die Wirkung, zusammen gehalten durch zehn kräftige Säulen, in denen WCs, Fahrstühle oder Treppen untergebracht sind.

Flutende Foyers

Im Grundriss erinnert das an Louis Kahns Umbauentwürfe für die amerikanische Stadt Philadelphia aus den 1950er-Jahren. In den Perspektiven kommt zwar auch die Erinnerung an die flutenden Foyers von Hans Scharouns Berliner Staatsbibliothek auf. Vor allem aber erscheint I.M. Peis Erweiterung der National Gallery in Washington vor dem inneren Auge.

Ähnlich wie diese wird der Entwurf von Sarah Miebach und Rico Oberholzer – beide Absolventen der Berliner Universität der Künste – davon leben, dass die Baumaterialien exquisit bearbeitet werden. Auch die Totalverglasung ist nicht unproblematisch. Papier und Licht vertragen sich schlecht. Das weiß man nicht erst seit dem Milliardendesaster der Pariser Bibliothèque Nationale mit ihren vier heute nicht – wie ursprünglich geplant – für Bücher, sondern für Büros und Lager genutzten Glastürmen. Andererseits: Ein solches Glashaus bietet auch die Möglichkeit, eine wirklich innovative Energie- und Klimatechnik auszuprobieren – die allerdings auch bezahlt sein will.

Regina Kohlmeyer und Jens Oberst, in Stuttgart wohl etabliert, schlagen dagegen einen geschlossenen, lang gestreckten, mit knapp 30 Metern vergleichsweise niedrigen Bau vor. Gewaltig und konstruktiv sehr aufwendig ragen seine Enden über die Eingänge. Nicht zuletzt das treibt ihre Kostenannahmen über die bisher genehmigten 270 Millionen Euro. Eine Summe, die ohnehin knapp erscheint, wenn man das auf etwa 85 000 Quadratmeter Gesamtfläche kalkulierte Projekt mit jüngeren Stadtbibliotheken etwa in Amsterdam, Turku oder Vancouver, mit der neuen Bibliothek in Birmingham oder den Projekten in Oslo und Helsinki vergleicht.

Verwandt sind sich die beiden Entwürfe in zweierlei: Die riesigen Hallen werfen die Frage auf, wie sie akustisch zu beherrschen sein werden – in der ähnlich offenen Berliner Volkswagenbibliothek kann bereits ein einzelnes Absatzklackern Leser im ganzen Haus zum Wahnsinn treiben. Zum anderen ähneln sich die Entwürfe in ihrer ästhetischen Haltung, also in dem, was sie und was offenbar auch die Jury charakteristisch für den Ort und für Berlin ansehen: eine industrielle Härte, Mut zur großen Form, zum kraftvollen Auftritt, die Lust am feinen Detail.

Noch kennen wir nicht alle Arbeiten des kompliziert in mehreren Stufen aufgebauten Wettbewerbs, Nur die fünf Preisträger- und sechs Anerkennungsarbeiten wurden vorgestellt. Der übergroße Rest wird erst ab 2. Februar ausgestellt werden. Teilgenommen haben schließlich 40 Büros, darunter acht, die in einem Vorwettbewerb unter jungen, nicht arrivierten Architekten ausgewählt worden waren. Die Förderungsstrategie von Regula Lüscher hatte Erfolg: Vier dieser Büros haben sich in die Preis- und Anerkennungsgruppe vorgekämpft.

Zu skulptural

Die Auswahl zeigt aber schon: Entwürfe, die zu skulptural daher kommen, haben in Berlin weiter keine Chance auf einen Realisierungspreis. Etwa Max Dudlers an sowjetischer Architektur der 1920er-Jahre orientiertes Projekt (3. Preis), das unter einer dekorativ diagonal eingestellten großen Treppenhalle leidet.

GMP, denen Berlin die Entwürfe etwa für den Flughafen Tegel, den Hauptbahnhof und den Flughafen BER verdankt, haben ein Oval vorgeschlagen. Dessen Wellenfassaden und schematische Grundrisse – Motto: verteilt mal die Nutzungen locker – erinnern doch sehr an Bauten, wie sie in vergangenen Jahren in China entstanden.

Es kamen von Motta-Stapenhorst aus Bergamo und aus Nürnberg von Bär Stadelmann Stöcker Reprisen der postmodernen Konstruktivismusbegeisterung. In Berlin hat Thomas Kröger Science-Fiction-Filme der späten 1960er für seine Riesenwabe verarbeitet.

Enttäuschend ist der 4. Preis von Wulff Architekten aus Stuttgart, dessen zunächst faszinierende, gestaffelte Terrassengeschosse sich innen als verschlossene Stapelung erweisen, die teilweise den Blick auf das Flughafenfeld verstellt. Auch der 5. Preis, den Cruz y Ortiz aus Sevilla erhielten, überzeugt vor allem durch die Effizienz der Riesenhallen.

Hingegen fragt man sich, warum das Berliner Büro MARS und seine Partner mit ihrem Glaskubus nicht weiter gekommen sind. Sie haben all jene Fröhlichkeit, Offenheit und Leichtigkeit, auch jenen Pop-Effekt und etwas ruppigen Berliner Esprit, der den so strengen, kargen Preisträgerarbeiten bisher noch abgeht.

In ihren Grundrissen kann man sich nicht nur loungende Erwachsene und ernst studierende Geistesarbeiter, sondern auch kreischende Kinder, lernende Jugendliche vorstellen – charakteristischer Weise haben MARS und seine Partner ihren Veranstaltungssaal demonstrativ auch an der Fassade herausgehoben. Vor allem aber ist bei ihnen das Flugfeld nicht nur Zulaufgebiet oder streng als Bild gerahmter Ausblick, sondern bis in die geschwungenen Loggien hinein Teil des Entwurfs.

Warum das nur eine Anerkennung wert war, möchte man im Februar debattiert sehen.