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Berliner Zeitung | Zentraler Gedenkort: Die Neue Wache als Denkmal für DDR-Opfer?
13. March 2013
http://www.berliner-zeitung.de/5825960
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Zentraler Gedenkort: Die Neue Wache als Denkmal für DDR-Opfer?

Hindernis für die Umwidmung der Neuen Wache zum Denkmal für die Opfer des DDR-Regimes? Die Piëta der sozialistischen Bildhauerin Käthe Kollwitz.

Hindernis für die Umwidmung der Neuen Wache zum Denkmal für die Opfer des DDR-Regimes? Die Piëta der sozialistischen Bildhauerin Käthe Kollwitz.

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dpa/wolfgang kumm

Die Idee ist so verwegen wie einleuchtend, so unausgegoren wie naheliegend. Warum sollte nicht die Neue Wache Unter den Linden, die nur einmal jährlich am Volkstrauertag als Kranzabwurfstelle wahrgenommen wird, an die Opfer politischer Verfolgung in der DDR erinnern?

Diese Idee brachte am Montag Markus Meckel, letzter Außenminister der DDR, in die Debatte um ein solches geplantes zentrales Denkmal ein. „Die Neue Wache ist bisher diffus“, sagte Meckel am Abend auf einer Podiumsdiskussion der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in der Kronenstraße in Mitte, deren Stiftungsrat er seit vielen Jahren ist. Natürlich müsste man die Neue Wache umgestalten, danach könnte sie umgewidmet werden. Aus der jetzigen „Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ würde eine für die Opfer des SED-Regimes werden.

Es wäre tatsächlich nicht die erste Umwidmung der Neue Wache. Das Gebäude, das 1816 bis 1818 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbaut wurde, hat schon unter vielen Vorzeichen gestanden, je nach gerade aktueller Geschichtsschreibung. Zunächst war sie Standort für die Wache des Königs Friedrich Wilhelm III. und Gedenkstätte für die Gefallenen der Napoleonischen Kriege. Bis 1918 diente sie als „Haupt- und Königswache“. 1931 wurde sie Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, das spätere „Ehrenmal der Preußischen Staatsregierung“. Die DDR weihte die Neue Wache nach dem Wiederaufbau 1960 als „Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus“ ein, Soldaten des Regiments Friedrich Engels paradierten davor.

Das Wesen der Denkmal-Debatten

Völlig losgelöst von der Suche nach einem möglichen Ort stehen die Initiatoren eines Zentraldenkmals noch am Anfang. Wenigstens war man sich am Montagabend einig, dass es neben den etwa 700 Denkmälern in Städten der ehemaligen DDR noch einen zentralen Ort des Gedenkens brauche. Unterstützung dazu kam von dem Historiker Hubertus Knabe. Der Direktor der Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen sagte bei anderer Gelegenheit am Montag: „Man gedenkt in Berlin so vielen Opfergruppen, aber ausgerechnet den Opfern des Unrechtssystems, dem weltweit die meisten Menschen zum Opfer fielen, gedenkt man nicht.“

Ansonsten aber ist noch viel offen. Etwa die Frage, wer „Opfer der DDR“ sei. Rainer Wagner, als Chef der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) einer der Initiatoren, tendiert zum großen Wurf. Wie er bei der Diskussion sagte, zähle er nicht nur Mauertote, Inhaftierte oder aus dem Land Geflohene dazu, sondern etwa auch diejenigen, die unter der SED-Herrschaft berufliche Nachteile erlitten haben. Am Ende müsse eine Mahnung stehen: „Diesen Weg, den Kommunismus nämlich, darf man nie wieder einschlagen.“

Der Historiker Bernd Faulenbach, stellvertretender Vorstandschef der Bundesstiftung Aufarbeitung, mahnte zur Beschränkung. Je größer der Opferkreis werde, desto unkonkreter die Mahnung. Und auch historische Zusammenhänge müssten bedacht werden, etwa die Tatsache, dass die sowjetische Gewaltherrschaft auf deutschem Boden erst eine Folge der NS-Zeit war.

All dies und nicht zuletzt die Finanzierung sollte Gegenstand einer gesellschaftlichen Debatte auch und vor allem in den Parlamenten sein, hoffen die Initiatoren. Vorbild ist das Denkmal für die ermordeten Juden Europas an der Ebertstraße. Es war 2005 nach fast 20-jährigem öffentlichen Diskurs eröffnet worden. Längst gelten diese Debatten als mindestens ebenso wichtig wie das Denkmal selbst.