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Zentrum für politische Schönheit: Springen die Flüchtlinge wirklich in den Tigerkäfig?

Tiger im politischen Kampf in Berlin-Mitte. Manchmal fauchen sie sogar.

Tiger im politischen Kampf in Berlin-Mitte. Manchmal fauchen sie sogar.

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Paulus Ponizak

Die Tiger schlafen. Es ist Mittagszeit, draußen ist es ziemlich warm und Fressen ist erst gegen Abend zu erwarten. Es sind vier „libysche Tiger“, die für 13 Tage in einen Käfig, eine Art Manege, vor dem Maxim-Gorki-Theater gesperrt wurden. Sie sind die Hauptdarsteller einer künstlerisch-politischen Inszenierung des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) zusammen mit dem Gorki-Theater.

Das ZPS, eine Gruppe von etwa 70 Aktionskünstlern, macht regelmäßig provokant auf politische Missstände aufmerksam, und die Flüchtlingsfrage steht immer wieder im Mittelpunkt. Sie haben am Reichstag Kreuze für die Mauertoten abgeschraubt und an die Außengrenzen der EU gebracht. Im letzten Jahr sorgten sie mit „Die Toten kommen“ für Aufsehen: Hunderte Gräber wurden symbolisch für die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge vor dem Bundeskanzleramt ausgehoben und zwei ertrunkene Flüchtlinge auf einem Berliner Friedhof bestattet.

Der Berliner liebt das Spektakel und hält es fest. Gerade ist es der Auftritt eines Gorki-Schauspielers auf dem Tigerkäfig.

Der Berliner liebt das Spektakel und hält es fest. Gerade ist es der Auftritt eines Gorki-Schauspielers auf dem Tigerkäfig.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Diesmal haben die Künstler ihr Szenarium noch einmal verschärft. Mit „Flüchtlinge fressen. Not und Spiele“ wollen sie erzwingen, dass Flüchtlinge künftig auch ohne Visum mit dem Flugzeug nach Deutschland kommen können, das würde ihnen den unsicheren Seeweg ersparen. Bisher verhindert das ein Paragraf im Aufenthaltsgesetz, der Fluggesellschaften und Schiffsunternehmen mit hohen Strafen belegt, wenn sie Passagiere ohne Visum befördern. Die Linken haben den Antrag gestellt, die Sanktionen abzuschaffen; Freitag wird er im Bundestag behandelt. Passiert das nicht, womit zu rechnen ist, dann haben sieben Flüchtlinge im Rahmen der Aktion angekündigt, würden sie sich den Tigern zum Fraß vorwerfen. Durch die Gesellschaft müsse ein „Aufschrei“ gehen, sagt Cesy Leonard vom ZPS. Durch die Tiger könne dieser Aufschrei „öffentlichkeitswirksam dargestellt werden“. Vorn am Käfig laufen zwei Uhren, die signalisieren, wann der Fresstermin wäre: 28. Juni, nächsten Dienstag.

Alles Theater

Unter den Linden, nur ein paar Schritte vom Gorki-Theater entfernt, flanieren Touristen. Einige kommen spontan herüber zum Tigerkäfig, andere, weil sie von der Aktion gehört oder gelesen haben. Tiger am Gorki-Theater, das ist natürlich spektakulär. Aber jetzt ist Siesta, und die Raubtiere zeigen sich leider nicht. Kleine Gruppen bilden sich immer wieder vor dem Käfig, es wird diskutiert. „Libysche Tiger!“, sagt ein mit der Fauna vertrauter Mann aus dem Publikum – da gibt’s gar keine Tiger. Hinten lädt ein Mann mit Zopf und Axel-Prahl-Figur Fleisch für die Tiere aus einem Transporter. „Zwei Ochsen“, verrät er, „kommen aus Bayern.“ Und dass er der Tiertrainer sei. „Mehr darf ich laut Vertrag nicht sagen.“ So kursieren Gerüchte, sie seien früher Zirkustiger gewesen und kämen aus dem Saarland. „Hab ich selbst lanciert“, sagt der Axel Prahl grinsend. „Stimmt aber nicht.“

Alles ist hier inszeniert, Theater. So wurde auch den Raubtieren eine neue Identität verpasst, die zu dem Stück passt, das aufgeführt wird. An den schwarzen Außenwänden des Käfigs hängen vier Plakate, auf denen Tiger zu sehen sind und die passenden Steckbriefe der Bösen dazu. Tiger Otto tritt für Deutschland an, Franz-Joseph für Österreich, Aranka für Ungarn und Nico für Mazedonien. Ihre Nahrungsvorliebe: körperliche Unversehrtheit, Freiheit, die Genfer Flüchtlingskonvention, Würde. Ihr Produkt: Hinterhältigkeit, Feigheit, Niedertracht. Da kommt Otto, der für Deutschland steht, noch ganz gut weg. Sein Produkt: Not.

Oben am Tigerkäfig ist das rot-goldene Schild eines römischen Kämpfers angebracht, auch das gehört zur Inszenierung: Deutschland, die EU als Imperium, das – Daumen hoch, Daumen runter – über Leben und Tod der Flüchtlinge entscheidet. Ein Reich, das – siehe Rom – eines Tages an seiner Gnadenlosigkeit zu Grunde gehen wird.

Kritische Stimmen der Zuschauer

„Was für eine Asterix-und Obelix-Klamotte“, sagt ein Mann um die sechzig, der mit dem Fahrrad aus Kreuzberg gekommen ist. „Wenn ihr es ernst meint, dann macht es doch richtig deutsch“, fordert er die Leute vom Zentrum auf. „Sagt klipp und klar, wir haben recht und ihr von der Regierung seid dumm. Stellt totalitäre Forderungen, aber dann bitte schön, kippt, wen sie nicht erfüllt werden, einen Eimer Zyklon rein statt dieses Firlefanzes mit Gladiatoren und Tigern.“ Das wäre konsequent deutsch. Es sei die typische Art dieser kleinen Gruppierungen: Sich was ausdenken, andere vorschicken – in diesem Falle die Flüchtlinge –, wegdriften, wenn es ernst wird. Dieser Zirkus, der hier gerade passiere, sei nur Öl ins Feuer der Leute, die die Flüchtlingsfrage ohnehin kritisch sehen.

Eine Frau um die fünfzig, Künstlerin aus Berlin, reagiert lautstark und empört auf die Aktion. Bisher fand sie gut, was das Zentrum gemacht habe. Aber hier fände sie eine Grenze überschritten. Die Leute vom Zentrum für politische Schönheit sollten doch selbst in den Käfig gehen und sich zerfleischen lassen, statt traumatisierte Flüchtlinge für ihre Aktion zu missbrauchen. Sie erzählt von dem US-amerikanischen Künstler Chris Burden, der sich 1971 mit einem Gewehr in den Arm schießen ließ, als künstlerisches Statement gegen den Vietnam-Krieg. Kunst, sagt sie, spiele nicht mit dem Leben anderer. Politik schon.

Die Frau spricht von Selbsttötung und Aufruf zum Mord und Erpressung von Regierung und Parlament. Und was passiere denn, wenn sich die Regierung nicht erpressen lässt? Die Frist läuft ab. Gefressen wird auch keiner, weil das in jedem Falle verhindert wird. Und dann? Ende des Spektakels. Was würden wir eigentlich sagen, wenn die AfD oder der IS mit ähnlichen Aktionen Druck machen würden für ihre Interessen, sagt sie dann im Weggehen. Es sind wohlwollende Fragen an die Veranstalter, die Frau sympathisiert ja eigentlich.

„Wir sind die Guten“

„Wir sind die Guten“, sagt ein junger Mann, der Flugblätter des Zentrums verteilt und den Leuten, die vorbeikommen, erklärt, worum es hier geht. Er zeigt auf die Fahne, die über dem Käfig weht. „Mama, warum fliegen die Flüchtlinge eigentlich nicht zu uns?“, steht darauf. Eine hoch moralische Frage. Philip Ruch, der künstlerische Leiter des Zentrums für politische Schönheit, formuliert sie so: Er möchte nicht eines Tages von seinem Kind gefragt werden: „Ihr hattet doch jeden Tag all diese Bilder von Genozid, Krieg, Vertreibung, Flucht und Tod im Mittelmeer. Warum habt ihr das also sehr sicher gewusst – und trotzdem nichts getan?“ Als seine Aufgabe und die des Zentrums sieht er an, „die Gleichgültigkeit meiner Generation zu durchbrechen“.

Aber so gleichgültig sind die Leute lange nicht mehr, auch wenn sie in unterschiedliche Richtungen tendieren. Hier vor dem Käfig gibt es Statements – die meisten fallen positiv für das Anliegen der Aktion aus – und eine Menge Fragen.

„Springt sie wirklich in den Käfig, wenn es so weit ist“, fragt eine ältere Frau. Gemeint ist die syrische Schauspielerin May Skaf, die vor einigen Tagen unter Tränen angekündigt hatte, sich zerfleischen zu lassen, wenn das Parlament den Paragrafen nicht kippt. Die Frage ist ja berechtigt. „Wir meinen das sehr ernst“, sagt der Junge mit den Flugblättern. Verwirrung. Was soll das heißen? Dass sich am 28. Juni eine Frau aus Syrien in Berlin-Mitte von Tigern töten lässt? Natürlich nicht, niemand wird das zulassen. Was aber dann? „Die Absicht ist ernst“, sagt der Junge. „Nicht die Ausführung.“ Dann werde es belanglos, sagt die Künstlerin, die sich gerade so aufgeregt hat. Der Junge zuckt mit den Schultern. Ein großer bulliger Mann aus Wilmersdorf ist ganz anders drauf. Er sei ja extra gekommen, um zu sehen, ob „sie in den Käfig springt oder nicht“. Jetzt tut er ganz enttäuscht, dass es erst am Dienstag so weit sein soll, und man weiß nicht so recht, ob er das ernst meint oder nicht. Empörten Rufen entgegnet er: „Wenn ich dazu aufgerufen werde, das zu sehen, dann komme ich.“

The show must go on

Einen Moment stellt man sich vor, wie sie alle kommen würden und gaffen, wenn es wirklich blutig würde. Vielleicht ergreift uns das Spektakel ja viel mehr, als das Schicksal der Flüchtlinge weit weg in Syrien es vermag. Aber vielleicht ist auch diese entlarvende Vorstellung Teil der Inszenierung.

So geht es hin und her. Ein Flugzeug steht in Izmir bereit, das kommende Woche 100 syrische Flüchtlinge nach Deutschland bringen soll. Ohne Visa. Vorausgesetzt, der Paragraf ist gekippt. Dafür setzen sie hier auf den Bundespräsidenten Gauck, der das veranlassen kann. „Nur noch ein guter Gauck kann die todesmutigen Flüchtlinge vor den Tigern retten.“ Das Flugzeug heißt schon mal „Joachim 1“. Darf es nicht landen, geht es zum Vatikan, wo „noch Gnade vor Recht ergeht“. Aber werden die türkischen Behörden die Syrer überhaupt einsteigen lassen? Und wenn es nicht in Deutschland landen darf, ist das gesammelte Spendengeld, bis jetzt über 50.000 Euro, dann verloren? Vieles bleibt offen an diesem Nachmittag.

Am frühen Abend spricht hoch oben auf dem Käfig ein Schauspieler vom Gorki-Theater zum Publikum. Die Tiger werden munter, weil ihr Trainer mit Fleisch in die Arena kommt. Er hat sich als Römer verkleidet. The show must go on. Nur einen Aufschrei für die Flüchtlinge gibt es bisher nicht.