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Zimmer im Tunnel: Geniale Guerillakunst im U-Bahn-Schacht

Sogar mit Beleuchtung: Das Zimmer unter der Berliner U-Bahn U9.

Sogar mit Beleuchtung: Das Zimmer unter der Berliner U-Bahn U9.

Foto:

zVg

Die Hinweise verdichten sich, dass es sich bei dem bislang nur aus einem Foto bekannten Zimmer in der Berliner U-Bahn nicht um eine Aktion von abenteuer- und höhlenbegeisterten Jugendlichen handelt. Wir sehen nicht Vandalismus, sondern eine technisch und intellektuell überaus aufwendige Inszenierung, die mehr sein soll als nur ein medialer Aufreger oder gar eine Provokation der BVG.

Inzwischen sind drei Fotografien der Installation bekannt. Das eine wirkt wie ein etwas angegilbtes Foto aus einem Album der 1980er-Jahre. Es wurde an den Berliner Kurier, die BZ und die Bild geschickt, also an die großen Boulevardzeitungen Berlins. Schon das ist ein Kennzeichen sogenannter Guerillakunst. Sie zielt ab auf möglichst breite Wirkung, die durch ästhetische Irritation, Ironie und Humor erreicht werden soll.

Boulevard-Redakteure nun sind, jedenfalls wird das oft behauptet, etwas offener für das Skurrile in der Welt als die anderer Medien. Hier war am ehesten zu vermuten, dass eine maximale Wirkung mit einem Jugendzimmer zwischen bunkerartigen Wänden erreicht werden konnte. Haben die Initiatoren der Aktion auch damit gerechnet, dass die Onlineredaktionen ihr Bild, um es ins Internetformat zu passen, oben und unten beschneiden würden? Zu vermuten ist das. Jedenfalls wurde erst dadurch der atemberaubende Effekt hergestellt, dass sich da wirklich eine Zimmer in einem Versorgungsschacht befindet.

Die beiden anderen Fotografien wurden von einem ominösen „Bauarbeiter“ dem Berliner Kurier zur Verfügung gestellt. Auch sie sind hervorragend aufgenommen, präzise ausgezirkelt und ausgeleuchtet. Offenkundig also keine Schnelldokumentation vor dem Beseitigen der „Brandlast“. Die Vermutung liegt nahe, dass der „Bauarbeiter“ zu den Initiatoren der Aktion gehört.

Sorgfältig abgestimmte Details

Die Onlinerredaktion der Berliner Zeitung konnte inzwischen rekonstruieren, dass diese Fotografien am 17.?Januar aufgenommen wurden. Das würde mit der BVG-Angabe, ihre Mitarbeiter hätten die Installation „vor einigen Wochen“ gefunden, übereinstimmen.

Sorgfältig wurden ihre Details aufeinander abgestimmt. Solche streifenkarierten Tapeten, diesen fiesflauschigen Teppich aufzutreiben ist eine ganz eigene Leistung, genauso die Kombination des halb hinter dem Pfosten versteckten Matisse-Plakat mit dem sexistisch aufgeladenen Kaufhauskunst-Bild des Mädchens mit der schnurrenden Katze und der Marienikone über dem Bett. Genau stimmt das Knallblau des Bettlakens, der sorgfältig gerade gezogenen Bettbezug mit rosa Blümchen und dem kanariengelben Sessel zur Ästhetik um etwa 1985. Gebrochen wird dieser mädchenzimmerhafte Eindruck aber durch das kriegerische Buch „Starwars“ auf dem Boden, das Rehgeweih und die harten Gartenhandschuhe auf der Bettdecke.

Zuerst hatten die BVG-Arbeiter angenommen, dass es sich um eine Filmkulisse handelte. Die Pressesprecherin der BVG, Petra Reetz, bestätigte der Berliner Zeitung, dass man gerne auch unterirdische Anlagen für Filmaufnahmen vermiete. Erst als klar wurde, dass derzeit gar kein Film gedreht wird, wurden das Bett, die Tapeten und der Sessel entsorgt. Die Brandgefahr sei zu groß, die ganze Aktion hochgradig riskant gewesen. Hier liegen überall Starkstromkabel herum, die Leitern sind steil, man kann tief fallen. Die Aufregung in der BVG über das Bekanntwerden der Aktion und ihre Drohung mit einer Anzeige sind also durchaus gerechtfertigt.

Provokation als Prinzip

Andererseits gehört gerade diese Provokation der Mächtigen und der Institutionen zur Guerillakunst, wie sie sich in den 1980er-Jahren zunächst im von Margret Thatcher heimgesuchten Großbritannien und in Ronald Reagans USA entwickelt hat. Es geht ihr genau so wie der Street-Art oder den besseren Graffiti-Künstlern darum, mit Untergründigkeit – hier sogar wortwörtlich genommen – Ironie und Humor auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen oder neue Perspektiven auf scheinbar Altbekanntes deutlich zu machen.

Dazu gehört die Kritik an Konsumgesellschaften, Sexismus und Rassismus. All das findet sich in dieser Rekonstruktion eines Jugendzimmers aus den Jahren, als die alte Bundesrepublik und die DDR den ersten von aller historischen Notwendigkeit befreiten Konsumrausch der deutschen Geschichte erlebten. Man musste keinen Krieg, keine Nazizeit und keine Inflation mehr vergessen, konnte einfach losshoppen. Andererseits gab es Häuserkämpfe, große Wohnungsnot und die ersten, damals noch schamlos vereinfachenden deutschen Privatsender – präzis ist die Fernbedienung Richtung Röhrenfernseher ausgerichtet. Soll hier also auf die aktuelle Mediendebatte oder auf die über die neue Wohnungsfrage verwiesen werden, darauf, dass inzwischen sogar Kellerwohnungen wieder vermietet werden?

Neben „Starwars“ liegt das Buch „Afrikanische Saiteninstrumente“, ein Katalog der Musikabteilung des Ethnologischen Museums. Ein Verweis darauf, dass afrikanische Kulturen auch in unseren Museen immer nur als traditionelle betrachtet werden, statt ihre Modernität zu zeigen? Oder geht es um die Lebensumstände von Flüchtlingen und Einwanderern in Deutschland – man erinnere sich, der Senat zwingt Familien mit Kindern, im fast fensterlosen ICC zu leben?

Kurz: Alles weist darauf hin, das wir es hier mit einem Kunstwerk zu tun haben. Einem vorzüglichen sogar. Preisverdächtig. Das ist nämlich der Unterschied zwischen Propaganda und Kunst: Erstere hat eine eindeutige Botschaft, die andere ist vieldeutig, lässt Spielräume. Sie kann es wagen, lachen zu machen. Deswegen wird Kunst so gehasst von allen Populisten und Vereinfachern. Wo ist übrigens die Yucca-Palme geblieben?