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Zirkus Roncalli: Eine Verschwörung gegen den Zirkus

Auch das ist Zirkus: Ein Artist zeigt, was man selbst niemals hinbekommt – mit Geduld Dinge jonglieren.

Auch das ist Zirkus: Ein Artist zeigt, was man selbst niemals hinbekommt – mit Geduld Dinge jonglieren.

Foto:

Roncalli

Zum 11. Mal gastiert der Roncalli Weihnachtscircus in Berlin. Immer mit dabei, wenn auch nicht in der Manege, ist Zirkusdirektor Bernhard Paul, dessen Leidenschaft für den Zirkus eine Triebfeder von Roncalli ist. Paul empfängt zum Interview in den Räumen seiner Presseagentur in Schöneberg. Der Cappuccino, den eine Mitarbeiterin vor ihn auf den Tisch gestellt hat, wird während des Gesprächs kalt.

Herr Paul, sind Sie eigentlich immer noch sauer auf Herrn Steinbrück?

Wer war denn das noch mal?

Das war der letzte Kanzlerkandidat der SPD, der nach der Wahl in Italien sagte, es sei schade, dass dort zwei Clowns gewonnen haben.

Ich weiß schon, wer das ist, aber ich weiß auch, dass ich als Clown schon viele Politiker überlebt habe.

Er hat Sie sehr erzürnt mit dieser Bemerkung.

Ja, ich finde, das war eine gedankenlose Bemerkung. In einer Zeit, in der ja gerade von Politikern jedes Wort auf die Waagschale gelegt wird, da kann man kann man doch nicht eine ganze ehrenwerte Berufsgruppe wie die Clowns verunglimpfen. Wir leben in einer gedankenlosen Zeit. Es gibt viele Dinge, über die ich mich heute wundere. Ich für mich sehne mich nach einem Biotop, wo es nur gescheite und nette Menschen gibt.

Sie meinen einen Rückzugsort?

Ja, der Zirkus zum Beispiel ist ein Biotop für mich. Wir haben uns aber auch im Süden ein Biotop für Künstler eingerichtet, wo man Gemüse und Obst anbauen kann und wo kein Gift gespritzt wird weder geistig noch biologisch und wo man hemmungslos kreativ sein kann.

Was stört Sie am meisten an der Welt, die außerhalb Ihrer Biotope liegt?

Dass sie so geld-geil und oberflächlich ist. Ich sage jetzt mal nur ein Beispiel. Wir sind der erste Zirkus, der dafür bekannt war, dass er ohne Tierschau durch die Lande zieht. Tiere sollten nur artgerechte Sachen machen, ansonsten Hände weg. Einmal ist uns etwas Aberwitziges passiert. Da haben sich 3 Tierschützer vor dem Circus Roncalli posiert, nicht wissend dass wir keine Wildtiere haben. Als wir sie aufgeklärt haben, haben sie nur gesagt dass sie dafür Geld bekommen aber sie das ansonsten überhaupt nicht interessiert.

Sie haben beim Weihnachtszirkus Pferde und Hunde dabei.

Ja, ich liebe Hunde und ich liebe Pferde. Der Zirkus ist aus dem Pferdetheater entstanden, dass die Manege rund, ist hat einen Grund, nämlich das Pferd. Philip Astley, der Begründer des modernen Zirkus in London, nach 1800, war Kavallerieoffizier der Queen. Wenn kein Krieg war, haben die nicht etwa Hartz IV gekriegt, sondern mussten sehen, wo sie bleiben. Dann standen sie mit ihren Pferden da und mussten weitertrainieren, sie mussten ja die Pferde bewegen. Danach haben sie gemerkt, dass ihnen die Leute neugierig zuschauen. Spontane Idee: dafür Geld nehmen. Das war der Anfang des Zirkus, der damals nur Pferdekunststücke bot. Und aus der bunten Kavallerieuniform der Soldaten entstanden die schönen Uniformen der Zirkusleute.

Im Vergleich zu anderen Zirkussen haben Sie aber noch wenig Probleme mit Tierschützern, oder?

Natürlich, wir haben ja auch kaum welche und schon gar nicht artengeschützte. Einmal haben wir eine „Circus meets Classic“ Veranstaltung im Musical Theater in Bremen gespielt. 60 Personen klassischen Orchester plus ausgefallene Artistenacts, da war natürlich noch nicht mal eine dressierte Maus auf der Bühne. Trotzdem haben uns ein paar nicht informierte, aber dafür umso blödere Tierschützer, einige Plakate überklebt. Text: „Veranstaltung abgesagt wegen Tierquälerei!“ Apropos blöd: PETA hat am Weltspartag eine große Kampagne gemacht, gegen das Schlachten von Sparschweinen.

Das ist ein Witz, oder?

Nein, das ist kein Witz. Allein schon das Wort „schlachten“ hat die gestört. Dabei ist das ein Verein, der tötet laut Internet herrenlose Tiere gegen Geld in Amerika. Aber PETA ist ja sowieso manchmal sehr gemein und oberflächlich. Sie haben einen Slogan „Circus ist gleich Tierquälerei!“ Das hat dieselbe Qualität, wie wenn man sagen würde „Ausländer ist gleich Kriminalität“. Diese Verallgemeinerung geht doch nicht!

Wie viele Clowns haben sie dieses Jahr dabei?

Zum Beispiel Eric Boo, der das Publikum einbezieht. Dann Sergi Buka, ein Katalane, der arbeitet mit Lasern. Auch das kann sehr romantisch sein. Dem habe ich eine Nummer gebaut, bei der er auf einem Fahrrad durch die Manege fährt, auf dem hinten eine Laterna magica steht, so dass er vorne auf einer Leinwand mit Schattenspielen eine Geschichte erzählen kann. Das sind Nummern, die ich liebe, die man selber produziert, in denen jeder etwas anderes findet.

Viele Menschen haben ja mittlerweile Angst vor Clowns …

Es ist schon wie eine Verschwörung gegen den Zirkus. Erst PETA mit ihrem Rundumschlag der auch unschuldigen schadet und jetzt irgendwelche Superschlauen in Frankreich, die meinen, im Clown Kostüm, mit Kettensägen hinter Menschen herrennen zu müssen. Vollidioten. Was der Zirkus und die Clowns alles aushalten müssen! Aber bei uns ist das Publikum schon nach ein paar Minuten versöhnt. Der Sergi Buka, der die Nummer mit dem Fahrrad macht, sieht auch ganz anders aus als die bösen Clowns im Film.

Der Clown hat ja nicht nur ein fröhliches Image, man spricht ja auch vom „traurigen Clown“.

Das ist ein Klischee. Das ist nicht wirklich so. Was es aber immer schon gab, sind gute und schlechte Clowns. Wenn ich in kleine Zirkusse gehe, da soll dann jemand den Clown machen, malt sich an und wirft mit Torten und Schaum. Das ist furchterregend – auch für mich. Das muss nicht sein, das hat mit Kunst nicht zu tun. Es muss einen Inhalt haben. Man hat ja auch vor Charlie Chaplin keine Angst. Es gibt nur gute und schlechte Clowns. Die guten werden geliebt.

Das Gespräch führten Robert Briest und Christine Dankbar.