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Zu Fuß unterwegs: So schön kann ein Spaziergang durch die Hauptstadt sein

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Zwischen den Plattenbauten Marzahns finden sich überraschend schöne grüne Pätzchen.

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WildUrb

Wann bin ich eigentlich das letzte Mal entspannt spazierengegangen und habe meine Umgebung tatsächlich wahrgenommen? Also weiter als nur bis zum nächsten Späti oder zur nächsten U-Bahnstation? Diese Frage stellt man sich beim Lesen von Melanie Knies' Buch „Berlin geht“ unweigerlich selbst.

Berlin geht Buch
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Rittberger + Knapp

Es ist ein Stadtführer für Berlin, allerdings abseits touristischer Trampelpfade und eigentlich für Berliner geschrieben. Die Autorin lebt seit 2008 in der Hauptstadt und ist Mitglied einer Community namens „WildUrbs“ - abenteuerliche Umgebungserkunder, die ausschließlich zu Fuß unterwegs sind und viel Wert auf Entschleunigung legen. Denn nur so kann die Umgebung „gespürt und inhaliert“ werden, so lautet ihr Grundsatz.

Knies macht aufmerksam auf unauffällige, aber überraschend schöne Naturphänomene mitten in der Stadt, mystisch wirkende verlassene Gegenden oder Architektur, die faszinierend anders aussieht. Wer Lust darauf hat, seinen eigenen Kiez oder zur Abwechslung auch mal Randbezirke Berlins besser kennen zu lernen, dem sei dieses Buch empfohlen. Vier Spazierrouten daraus stellen wir Ihnen hier vor - einfach anschauen und loslaufen!

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Die "WildUrb"-Community setzt auf Entschleunigung durch Spaziergänge.

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WildUrb

1. Neuköllns grüne Seele

„Sozialer Brennpunkt“, "Kriminalität" und "Multi Kulti", diese Begriffe tauchen oft auf, wenn es um Neukölln geht. Knies schlägt einen Spaziergang vor, bei dem man Neuköllns ruhige und grüne Seite entdecken kann. Auch über den ein oder anderen Friedhof flaniert man dabei.

  • Verlauf: Hermannplatz, Hermannstraße, Körnerpark, Rixdorf, Karl-Marx-Straße
  • Points: (1) St. Jakobi Kirchhof, (2) Friedhöfe, (3) Kunstsalon Posin, (4) Antik- und Trödelmarkt
  • Art: Einfache Rundwanderung
  • Tracklänge: 6, 92 km
  • Start: Hermannplatz
  • Öffis: U7, U8, 171, 194, M29, M41 – Station Hermannplatz

Gestartet wird mittendrin – im Gewusel am Hermannplatz. Von hier aus geht es in die Hermannstraße. Knies empfiehlt einen Abstecher nach links, zum St. Jakobi Kirchhof. Er ist einer von rund acht Friedhöfen, die sich entlang der Hermannstraße erstrecken. Die Höfe entstanden in der Gründerzeit aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums und weil es in der damals engen Stadt keinen Platz für Grabstätten gab. In den Höfen kann man sich vom Straßenlärm erholen, bevor man links in die Schierker Straße abbiegt.

Hermannplatz

Am Hermannplatz kann durch den Markt geschlendert werden.

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imago/F. Berger

Nach dem Körnerpark, der sich etwas unauffällig links von der Schierker Straße befindet, wird die Karl-Marx-Straße überquert. Über die Kirchhofstraße gelangt man im Anschluss zum Richardplatz in Rixdorf. Manche Straßenschilder weisen heute noch darauf hin, dass Tschechisch dort lange die vorherrschende Sprache war. Danach geht es weiter nach links in die Richardstraße bis zur Karl-Marx-Straße. Auf dem Weg dorthin gibt es einen Dauer-Trödelmarkt auf der rechten Straßenseite. In der Karl-Marx-Straße führt der Spaziergang rechts entlang und immer gerade aus zurück zum Hermannplatz.

2. Stalins Badezimmer in Mitte

Den Namen dieser Route widmet die Autorin dem geistreichen Einfall eines unseres Autoren. Andreas Kopietz hatte sich im Februar 2009 darüber geärgert, dass Journalisten und Tourismusagenten glauben, zu wissen, wie der Volksmund redet und in einem Selbstversuch den Wikipedia-Artikel der Karl-Marx-Allee mit diesem Satz verfälscht: „Wegen der charakteristischen Keramikfliesen wurde die Straße zu DDR-Zeiten im Volksmund auch ,Stalins Badezimmer' genannt."

Wikipedianer hielten diesen Satz für glaubwürdig und er machte als Synonym für die Karl-Marx-Allee tatsächlich im Netz die Runde. Ein Portal nach dem anderen übernahm diese Bezeichnung, bis sich ein Leser via Leserbrief darüber wunderte, diesen Begriff als Berliner noch nie gehört zu haben. Kopietz hat sich inzwischen dafür entschuldigt.

  • Verlauf: Karl-Marx-Allee auf und ab
  • Points: (1) Kino International, (2) Brunnen von Fritz Kühn, (3) Ehemalige Arbeiterpaläste, (4) Ehemaliges Kino Kosmos
  • Art: Einfache Strecken-/Rundwanderung
  • Tracklänge: 2,6 Km bzw. 5, 28 km
  • Start: Karl-Marx-Allee 1
  • Öffis: S5, S7, S75, U2, U5, U8, M2, M4, M5, M6 – Station Alexanderplatz
Karl Marx Allee

An der Karl-Marx-Allee können zahlreiche Fassaden sowjetischer Monumentalarchitektur bestaunt werden.

Foto:

imago/Jürgen Ritter

„Stalins Badezimmer-Route“ ist um einiges einfacher, als die Geschichte ihrer Namensentstehung. Man läuft die Karl-Marx-Allee entlang bis zum Frankfurter Tor und die andere Straßenseite wieder zurück. Sowjetische Monumental-Bauten säumen die ehemalige „Stalin-Allee“ lassen sie gewaltig, glatt und kantig wirken. Nachts ist diese Straße ein besonderes Highlight, verspricht die „Berlin geht“-Autorin. Wenn der Verkehr nachlässt und einem diese unglaublich breite Straße fast alleine gehört.

Spazierrouten durch Marzahn und Kreuzberg

WildUrb_Marzahn_©WildUrb

Zwischen den Plattenbauten Marzahns finden sich überraschend schöne grüne Pätzchen.

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WildUrb

3. Grüne Platte Marzahn

Etwas anspruchsvoller für den Spaziergänger oder eher für Wanderer ist diese Route - aber genauso lohnenswert. Der Stadtteil überrascht mit ruhigen und grünen Plätzen zwischen schweren Plattenbauten – und mit interessanten Kunstinstallationen.

  • Points: (1) Ahrensfelder Berg, (2) Kunst am Dach, (3) Kienberg (Kippe), (4) Erholungspark Marzahn
  • Verlauf: Eichepark, Heuwiese, Fasanenpfuhl, Kienberg, Rinderweide
  • Art: Schwere Rundwanderung
  • Tracklänge: 8,74 Km
  • Start: Havemann-/Ecke Kemberger Straße
  • Öffis: 197 – Station Havemannstraße/Kemberger Straße

Der Spaziergang beginnt an der Havemannstraße Ecke Kemberger Straße und führt vorbei an der Kletterwand in den Eichepark und über die Heuwiesen. Diese werden nach rechts verlassen, bis man zur Wuhle kommt. Ab hier geht es aufwärts – auf den Ahrensfelder Berg. Hier wird der tapfere Spaziergänger für das Schnaufen mit einem schönen Ausblick belohnt.

Auf der anderen Seite des Berges geht es geradeaus wieder hinunter, wo man sich zunächst links hält und im Anschluss wieder geradeaus auf den Wuhlewanderweg gelangt. Auf der rechten Seite kommt nach einiger Zeit der Fasanenpfuhl zum Vorschein, wo sich etwas versteckt eine idyllische Parkbank befindet. Links fließt ein kleiner Bach, der mit einem Sprung oder über zwei Bretter überquert werden kann – sollten diese noch da sein.

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Zwischen den Plattenbauten in Marzahn findet sich so manches Kunstwerk.

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WildUrb

Danach wird die Landsberger Allee überquert. Wer seinen Blick hier nach links wendet, wird mit einer Kunstinstallation auf den Dächern von Plattenbauten überrascht. Wieder zurück im Grünen geht es geradeaus, links neben der Wuhle, zur Eisenacher Straße. Diese wird überquert und entlang der Fernwärmerohre gelangt man zu einer Brücke auf der rechten Seite. Über diese Brücke kommt man zum Kienberg, der „Marzahner Kippe“.

Ein Erklimmen lohnt sich. Der Blick von diesem Berg bietet ein Meer aus Plattenbauten. Eine seltsame Aussicht, wie Autorin Knies bemerkt. Nach rechts wird der Kienberg wieder verlassen und der Weg führt auf der anderen Seite der Wuhle zurück zum Ausgangspunkt. Er verläuft parallel zum Hinweg.

4. Kultiges Kreuzberg

In Kreuzberg tat sich die Autorin äußerst schwer, etwas Einzelnes herauszupicken - fast an  jeder Ecke laden Läden und spannende Hauseingänge zu Verweilen ein. Dennoch gibt es eine Route, die uns besonders gut gefällt:

  • Verlauf: Schlesisches Tor, Lohmühlenufer, Thielenbrücke, Wrangelstraße
  • Points: (1) Kinderbauernhof, (2) Wagendorf Lohmühle, (3) Wagenburg, (4) DDR Wachturm
  • Art: Einfache Rundwanderung
  • Tracklänge: 5,04 Km
  • Start: Schlesisches Tor
  • Öffis: U1, 165, 265 – Station Schlesisches Tor

Der Spaziergang beginnt, wie soll es auch anders sein, am wuseligen Schlesischen Tor. Entlang des U-Bahnhofgebäudes geht es in der Skalitzer Straße bis zur Wrangelstraße. Hier wird eingebogen, um sich dann gleich rechts in die Lübbener Straße zu wenden. Sie führt zum Görlitzer Park mit freigelegtem, teilweise abgerissenem Fußgängertunnel unter dem ehemaligen Görlitzer Bahnhof. Entlang der großen Mittelachse wird man mit großer Wahrscheinlichkeit Zeuge der florierenden Drogenkriminalität vor Ort und kommt am Ende des Parks zum Landwehrkanal.

Paul-Lincke-Ufer

Am Paul-Lincke-Ufer kann es im Sommer schon recht voll werden.

Foto:

imago/Jürgen Hanel

Am Landwehrkanal geht es über eine Brücke und links einen Weg hinab zur Uferpromenade. An der Wagenburg vorbei läuft man bis zum Lohmühlenplatz. Direkt am Wasser, am Maybachufer rechts entlang, wird über die Thielenbrücke auf die andere Seite des Flusses gewechselt. Erst über das Paul-Lincke-Ufer hoch und dann über die Uferpromenade wieder zurück kommt man zum Görlitzer Ufer. Hier geht es geradeaus und vorbei an der Abzweigung Görlitzer Straße, wo erneut der Landwehrkanal überquert wird.

Weiter geht es zur südlichen Lohmühleninsel, an Spielplätzen, Kletterwänden und Fitnessgeräten vorbei bis auf die Schlesische Straße. Hier empfiehlt sich eine Pause, um das zu entdecken, was sich auf der anderen Straßenseite befindet. Dazu gehören das Badeschiff, der Club der Visionäre und der Freischwimmer. Links die Schlesische Straße entlang wird in die Taborstraße eingebogen. Von hier aus kommt wieder auf die Wrangelstraße, in der man die Augen für eine mystische Kirche offen halten sollte. Am Ende landet man wieder beim Schlesischen Tor.

Alle Grafiken: WildUrb

"Berlin Geht" von Melanie Knies, 14,80 Euro, Rittberger+Knapp

  1. So schön kann ein Spaziergang durch die Hauptstadt sein
  2. Spazierrouten durch Marzahn und Kreuzberg
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