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Zu viele Casinos und Spielhallen in der Brunnenstraße: Warum ein Wettbüro Anwohner in Wedding wütend macht

Spaß ohne Ende – das ist nur die eine Seite. Auf der anderen Seite des Pavillons, der ein Casino beherbergt, ist eine Beratungsstelle für Spielsüchtige eingezogen.

Spaß ohne Ende – das ist nur die eine Seite. Auf der anderen Seite des Pavillons, der ein Casino beherbergt, ist eine Beratungsstelle für Spielsüchtige eingezogen.

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Paulus Ponizak

Ein Fußball klebt an der knallroten Fensterfront der Brunnenstraße 70/71. Der Ball wird von Flammen eingerahmt und ist groß wie ein Traktorreifen. Neben dem Aufkleber steht in Großbuchstaben: Change your life. Ändere dein Leben. In den zweistöckigen Anbau vor dem Wohnblock direkt am U-Bahnhof Voltastraße ist ein Sportwettbüro gezogen. Die Werbebotschaft richtet sich an die Bewohner eines Viertels mit vielen Arbeitslosen und einem, verglichen mit anderen Gegenden Berlins, überdurchschnittlichen Anteil an Zuwanderern. Das Brunnenviertel an der nördlichen Brunnenstraße liegt im Wedding und gilt als Problemgebiet. Ihr Leben ändern würden hier vermutlich viele gern.

Ilknur Wilke geht jeden Tag an dem Wettbüro vorbei, fährt dann mit dem Fahrstuhl in die 1. Etage und schließt die bunt bemalte Tür zur Kita Zwergenschule auf. Die junge Frau mit den schwarzen, hochgesteckten Haaren und der schwarz umrandeten Brille leitet den Kindergarten seit sieben Jahren. 43 Kinder ab einem Alter von sechs Monaten werden hier betreut.

Doch keine Pizzeria

Ilknur Wilke ist wie viele im Viertel von der Neueröffnung überrascht worden. Bis vor knapp zwei Jahren war in dem Anbau der Frühstücksraum eines Hostels untergebracht. Durch die Fenster konnte die Kindergartenleiterin die Touristen sehen. Sie lasen Zeitung und tranken Kaffee, bevor sie zu ihren Berlin-Erkundungen aufbrachen. Nachdem das Hostel ausgezogen war, standen die Räume eine Weile leer. „Wir dachten, es würde eine Pizzeria einziehen, weil im Hof immer Lieferwagen eines Pizzadienstes standen. Wir waren schockiert, als dann plötzlich die Fenster beklebt wurden und klar wurde, dass ein Wettbüro eröffnen würde.“

Wilke findet, dass ein Wettbüro nicht das richtige Umfeld für Kinder ist: „Wenn wir mit den Kindern rausgehen, springt uns die Fassade geradezu an. Besonders die Jungs sind verrückt nach Fußball. Es ist so einladend. Dabei fördert es die Spielsucht. Viele Familien gehen dadurch kaputt. Wie kann so etwas nur direkt unter einer Kita eröffnen?“ Sie arbeitet ebenfalls daran, das Leben ihrer Schützlinge zu verändern. Jedoch nicht mit dem Versprechen auf das schnelle Geld, sondern mit Bildung.

Gerade ist Sommerschließzeit in der Zwergenschule. Für Ilknur Wilke bedeutet das: Zeit zum Nachdenken. Wenn die Kinder bald wieder jeden Tag am Wettbüro vorbei gehen, will sie Antworten auf Kinderfragen haben. „Wir müssen den Kindern erklären, welche Probleme ein Wettbüro mit sich bringt. Im Moment bin ich damit überfordert“, sagt sie. Es fallen ihr keine Antworten ein, nur Fragen: Wer genehmigt ein Wettbüro unter einem Kindergarten? Wieso hilft das Berliner Spielhallengesetz gegen Casinos, aber nicht gegen Wettbüros? Ist ein Wettbüro besser als ein Casino? Ob es nützt, Unterschriften gegen den neuen Nachbarn zu sammeln?

Empörung im Brunnenviertel groß

Die zierliche Frau kennt die Geschichte der Straße und weiß auch von früheren Versuchen, etwas gegen die ungeliebten Nachbarn zu tun. Denn die neue Sportsbar ist nicht die einzige Spielstätte in der Brunnenstraße. Rund um den U-Bahnhof Voltastraße haben in den letzten Jahren insgesamt sieben Spielcasinos und Wettbüros eröffnet, dazu eine Reihe kleiner Café-Casinos in den Seitenstraßen. Die Straße veränderte sich immer mehr, aber die Bewohner des Viertels nahmen das bisher hin, schließlich sieht es anderswo im Wedding genauso aus. Doch bei dieser Neueröffnung ist die Empörung im Brunnenviertel groß. Die Bewohner reden darüber, auf der Straße, beim Einkaufen. Das neue Wettbüro ist vielleicht genau eine Spielstätte zu viel für die Straße, die in ihrem nördlichen Teil seit vielen Jahren Probleme hat.

Das Leben auf der Brunnenstraße hat sich schon oft geändert. So war die 2,3 Kilometer lange Straße einst eine lebendige Einkaufs- und Vergnügungsmeile. Der Teil auf heutigem Weddinger Gebiet hatte seine Blüte vor über hundert Jahren, als eine Heilquelle und ein Kurbetrieb nahe der Badstraße die ganze Gegend belebten. Die Heilquelle versiegte und mit ihr verschwanden Kinos, Geschäfte und Lokale. Nach dem Mauerbau veränderte sich die Straße unwiederbringlich. An der Bernauer Straße wurde sie in zwei Teile zerschnitten, in den Sechzigerjahren kamen im nördlichen Teil die Abrissbagger. Fast alle Altbauten des Viertels wurden im Rahmen der Stadterneuerung abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Auch die Bewohnerschaft wechselte fast komplett.

Heute ist der ehemalige Ost-Berliner Teil der Straße vom Rosenthaler Platz bis zur Bernauer Straße mit Geschäften, Cafés und Galerien belebt und von bessergestellten Bewohnern geprägt. Ganz anderes ist es um das Lebensgefühl zwischen U-Bahnhof Bernauer Straße und Bahnhof Gesundbrunnen bestellt. In dem Gebiet leben vorwiegend einkommensschwache Menschen, viele Geschäfte stehen leer. Die Liste der Rückschläge in den letzten Monaten ist lang: Die Postfiliale wurde geschlossen, der Schreibwarenladen ist ins nahe Gesundbrunnencenter ausgewichen, die Videothek ist weg, sogar ein Lebensmitteldiscounter hat kürzlich aufgegeben. Gerade hat der Hoffnungsträger namens Supermarkt, ein Kreativcenter für digitale und andere Projekte, der Brunnenstraße den Rücken gekehrt. Auch die dazugehörigen Coworking-Studios sind nun Geschichte. Und wer zieht in die leer werdenden Gewerberäume? Spielhallen und Wettbüros.

Weil die nördliche Brunnenstraße und das Gebiet drum herum ein schwieriges Pflaster sind, wurden schon vor zehn Jahren zwei Quartiersmanagements eingerichtet, die das Viertel mit Fördermitteln auffangen sollen. Auch das landeseigene Wohnungsunternehmen Degewo bemüht sich mit einem eigenen Konzept um das Brunnenviertel, in dem sie einen großen Teil der Wohnungen besitzt. Aber überall dort, wo die Degewo nicht Eigentümer ist, ziehen Spielstätten ein.

Als eine Spielhalle in einen der Pavillons auf dem 20 Meter breiten Gehweg am U-Bahnhof Voltastraße einzog, hielt die Degewo dagegen. „Auf einem Grundstück, das uns nicht gehört, hatte sich das Spielcasino etabliert. So etwas können wir hier nicht gebrauchen. Wir wollen uns deutlich dagegen positionieren“, erklärte Frank Bielka bei der Eröffnung vor zwei Jahren. Bielka war damals Vorstandsvorsitzender der Degewo. „Als offensives Zeichen gegen das Casino haben wir direkt daneben eine Spielsuchtberatungsstelle eingerichtet“. Der Beratungspavillon liegt Tür an Tür mit dem Casino und sieht aus wie ein kleines hellblaues Anhängsel des großen dunkelblauen Casinos. „Beratung – Rat – Hilfe“ steht auf der einen Seite des Pavillons. „Der Spaß hört nie auf!“ steht auf der anderen. Der Beratungspavillon ist ein Zeichen, er konnte die Entwicklung aber nicht aufhalten.

Einmal in der Woche bietet der Verein Aufbruch Neukölln, Kooperationspartner der Degewo, die Spielsuchtberatung vor Ort an. Es ist aber mehr ein Symbol. Deutlich mehr Menschen melden sich bei der anonymen Telefonberatung und der Onlineberatung, die es seit Anfang des Jahres gibt. Kazim Erdogan vom Aufbruch Neukölln sagt, nur ein Prozent der Spielsüchtigen würden sich zu erkennen geben. Mit anonymen Angeboten könne man diese Zahl deutlich steigern.

Erdogan wundert sich nicht, dass gerade in der Brunnenstraße immer mehr Spielstätten eröffnen. „Wo Armut ist, da ist mehr Sucht. Wo Sucht ist, sind mehr Casinos“, sagt er. „Mehr Spielstätten bedeuten gleichzeitig mehr Süchtige.“ Dass nun ein Wettbüro unter einem Kindergarten eröffnet hat, macht Kazim Erdogan wütend: „Die Kinder wachsen damit auf, sie sind neugierig und lassen sich anstecken. Sie kennen die Gefahren nicht, so wie viele Erwachsene auch nicht“. Ändere dein Leben? Für Kazim Erdogan kann nur der deutliche Ausbau der Präventionsarbeit für Spielsüchtige Veränderungen in die richtige Richtung bringen.

Auf einige Fragen der Kindergarten-Leiterin aus der Brunnenstraße hat der Vereinsgründer aus Neukölln Antworten. „Spielhalle, Café-Casino oder Wettbüro – da sollte man keinen Unterschied machen. Alle sind gleich gefährlich“, sagt er.

Deshalb hält er auch nicht viel vom Berliner Spielhallengesetz, das es seit dem Jahr 2011 gibt. Mitte Juni 2016 endet die fünfjährige Übergangsfrist. Dann verlieren die bestehenden Casinos ihre Lizenz, die nur unter strengen Auflagen neu genehmigt wird. Unter anderem wird dann die Anzahl der Spielautomaten auf acht begrenzt, auffällige Reklame untersagt und ein Abstand von 500 Metern zu Kindereinrichtungen vorgeschrieben.

Wie Pilze aus dem Boden

Die durch die Politik angeschobenen Veränderungen sind für Kazim Erdogan jedoch kein Grund zum Jubeln. „Das Spielhallengesetz ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Es macht nicht viel aus, ob in einem Casino acht statt bisher zwölf Spielgeräte erlaubt sind. Die Branche findet ihre Wege, und die Umsätze steigen weiter“, sagt er.

Einer, der etwas geändert hat, ist der Politiker Klaus Lederer. „Das Gesetz wirkt, allerdings nur bei Spielhallen“, sagt Lederer von der Partei Die Linke, die das Berliner Spielhallengesetz zusammen mit der SPD auf den Weg gebracht hat. Allerdings kennt auch er die Probleme: „Sogenannte Café-Casinos schießen wie Pilze aus dem Boden“. Café-Casinos dürfen drei Spielautomaten aufstellen, sie unterliegen nicht dem Spielhallengesetz. So wie Wettbüros. Für Wettbüros wie das unter dem Kindergarten in der Brunnenstraße gilt der Glücksspielstaatsvertrag, zuständig für die Konzessionen ist der Bund, nicht das Land. Aus diesem Grund mahnt Kazim Erdogan auch zur Zusammenarbeit: „Wenn Bund und Land nicht auf dem selben Seil tanzen können, dann werden wir keine Fortschritte erzielen.“

Dass das Problem mit Verboten gelöst werden kann, glaubt Erdogan nicht. „In der Türkei sind Casinos verboten. Deshalb wird illegal gespielt“, sagt er und erklärt sein eigenes, für viele vielleicht überraschendes Konzept: „Es sollte in allen Bezirken staatliche Spielbanken geben, mit offiziellen Arbeitsplätzen und fairer Bezahlung. Die Gewinne sollten in die Prävention fließen.“

Spielhallengesetz, Glücksspielstaatsvertrag, Übergangsfrist, Zuständigkeiten. Für den Kindergarten in der Brunnenstraße sind das Schlagworte, die im Alltag mit den Kindern nicht weiterhelfen. An dem Bild mit dem Fußball auf knallrotem Grund werden sie weiter jeden Tag vorbeigehen.