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Zugtickets im Reisebüro: Mit der Bahn von Berlin nach Hongkong

Nach Russland? Für Martin Kopetschke (links) und Peter Koller kein Problem.

Nach Russland? Für Martin Kopetschke (links) und Peter Koller kein Problem.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Mit dem Schlafwagen nach Pjöngjang in Nordkorea? Nach Vietnam? Mit dem TGV nach Aix-en-Provence? Oder doch lieber nach Schottland, mit einem Nachtzug, in dessen Loungewagen 14 Sorten Whisky ausgeschenkt werden? „Kein Problem“, sagt Peter Koller und zieht die Tastatur seines Computers zu sich heran. „Haben wir im Angebot“, bestätigt Martin Kopetschke und schlägt schon mal sein internationales Kursbuch auf. Extravagante Reisewünsche, die den meisten anderen Fahrkartenverkäufern den Schweiß auf die Stirn treiben würden, stacheln das Duo erst richtig an. Ihre Bahnagentur Schöneberg ist eines der ungewöhnlichsten Reisebüros im Land.

Ein etwas wackeliger Tisch mit Computern, eine Sitzecke, einfache Holzregale voll mit Fahrplänen und Karten: Einen Innenarchitekturpreis würde der Laden in der Crellestraße 7 nie bekommen. Dafür gibt es Dekorationsstücke, die zeigen, dass Peter Koller und Martin Kopetschke die merkwürdigsten Reisepläne ernst nehmen – sofern sie mit der Bahn verwirklicht werden sollen. An der Wand hängt ein Abfahrtsplan aus dem Bahnhof Sarajevo, aus einem Bücherstapel ragt ein russischer Streckenatlas heraus.

Ganz klar: Hier arbeiten Menschen, die vom Bahnvirus infiziert sind. Und das schon seit langem: „Wir wohnten in der Nähe des Bahnhofs Lichtenberg. Das war der Hauptbahnhof der DDR, da brodelte das Leben“, sagt Kopetschke, der heute 36 Jahre alt ist. Seine Oma wohnte in Altenburg: „Dorthin reisten wir mit dem ,Karlex’, der nach Karlsbad fuhr.“ Eine Tante lebte bei Ostrava: „Hinter ihrem Obstgarten führte eine Bahnstrecke entlang, da sah ich viele ,Brotbüchsen’“ – so nennen Fans die kastenförmigen Regionaltriebwagen in Tschechien.

Glücklich in der Ukraine

Peter Koller ist in der Bundesrepublik aufgewachsen. Aber auch er verreiste als Kind oft mit dem Zug, was in Westdeutschland ungewöhnlich war. „Zum Beispiel zur Oma nach Koblenz, in Abteilen, die ich als sehr plüschig in Erinnerung habe“, sagt der 44-Jährige. Seine Eltern, der Umweltbewegung zugeneigt, schafften früh ihr Auto ab.

Nach dem Zivildienst zog es Koller in die Ferne. Erste Erlebnisse waren ermutigend. „1992 wollte ich per Zug in die Ukraine. Beim Umsteigen lernte ich Ukrainer kennen, die mich einluden, in ein völlig heruntergekommenes Studentenwohnheim. Sie nahmen mich sogar zu einer Hochzeitsfeier mit. Zu einigen habe ich heute noch Kontakt.“

Koller wurde zunächst Sozialpädagoge, arbeitete mit Russlanddeutschen. Dann absolvierte er das Master-Studium Tourismusplanung und -management an der Freien Universität. „Ich wollte mich selbstständig machen“ – die Idee, eine Bahnagentur zu gründen, war geboren. 2007 war die Eröffnung. Kopetschke, der Politik und Geschichte mit Schwerpunkt Osteuropa studiert hatte, stieß 2008 dazu.

Selbst aus Australien treffen unter www.bahnagentur-schoeneberg.de Bestellungen ein. Längst hat sich herumgesprochen, dass es dort nicht nur Tickets für die DB, die französische, italienische oder die österreichische Bahn gibt. „Für viele Länder können wir Fahrkarten besorgen, etwa für Großbritannien, Spanien, Norwegen, Schweden, China oder Vietnam“, sagt Kopetschke. Bei einem Partner-Büro in Moskau ordern die Schöneberger Tickets für den Fernen Osten, auch für Nordkorea. Früher nahmen russische Zugbegleiter die Tickets nach Berlin mit, jetzt reisen sie per Post.

„Dann fliegen Sie doch“

Koller und Kopetschke wissen, dass vielen Menschen nichts anderes mehr einfällt, als per Flugzeug oder Auto zu verreisen. Sie kennen Fragen wie: Dauert es mit der Bahn nicht viel zu lange? Ist das nicht viel zu teuer? Kommen zu viele solcher Fragen, antwortet Kopetschke schon mal: „Dann fliegen Sie doch!“

Mag sein, dass die Bahn langsamer ist. „Aber dafür bekommt man dort ein Gefühl für Zeit und Raum und lernt schöne Landschaften kennen“ – in den Alpen zum Beispiel oder zwischen Belgrad und Bar. Kopetschke findet es merkwürdig, dass viele Menschen nichts dagegen haben, sechs Stunden auf der Autobahn zuzubringen, sechs Stunden im Zug aber schrecklich fänden.

Wer gern auf Flughäfen Schlange steht, soll das tun. „In einer Stunde überallhin – mit dem Zug geht das nicht.“ Doch Kopetschke schwärmt von den neuen luxuriösen Schlafwagen in Schweden oder vom Angebot in manchen osteuropäischen Speisewagen. So teuer sei das Bahnfahren auch nicht. Für 39 Euro komme man ins Ausland (viele Tickets gibt es aber nicht im Internet).

Sicher, viele Zugverbindungen wurden gestrichen. „Europa wächst zusammen, aber es gibt immer wenige Nachtzüge“, sagt Kopetschke. Doch viele Reisen seien weiterhin möglich. „Sogar von Berlin nach Hongkong.“ Er hat es ausprobiert.