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Zum Abschied von Klaus Wowereit: Und das war auch gut so!

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) küsst seinen Lebensgefährten Jörn Kubicki (l), während sie am 10.12.2014 im Roten Rathaus in Berlin vom Lesben- und Schwulenverband verabschiedet werden.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) küsst seinen Lebensgefährten Jörn Kubicki (l), während sie am 10.12.2014 im Roten Rathaus in Berlin vom Lesben- und Schwulenverband verabschiedet werden.

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dpa

Samstag, 16. Juni 2001, Tausende drängen sich durch Schönebergs Motzstraße, es ist wieder einmal lesbisch-schwules Stadtfest. Und alle haben an diesem Tag nur ein Thema: Klaus Wowereit. Es ist gerade mal fünf Tage her, dass der SPD-Politiker auf einem Landesparteitag verkündete: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen.“

Und es sind gerade mal ein paar Stunden vergangen an diesem Samstag, dass Klaus Wowereit zum neuen Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt wurde. Ein Schwuler wird neuer Regierungschef! Einer von uns, quasi! Die Stadtfestbesucher können es immer noch nicht ganz glauben.

Niemand hatte sie darauf vorbereitet. Denn wer ist Klaus Wowereit? Schwulenpolitisch hatte man noch nie von ihm gehört. Und ob er sich in der Szene bewegte? Nichts genaues weiß man nicht. Aber eines wünschen sich jetzt alle: Unser neuer Bürgermeister muss sich am Samstag drauf auf unserer Parade zeigen, dem CSD.

Erstmals wehte dann über dem Roten Rathaus die Regenbogenflagge. Und zum zum Abschluss des Umzugs darf Wowereit der jubelnden Menge zurufen: „Berlin ist kein Ort der Intoleranz“. Später wird er – noch ganz ungelenk in der neuen Rolle – abgelichtet mit Fräulein Kaiserin, der Miss CSD 2001.

Der Durchbruch ist geschafft, schnell und mit medialer Begleitmusik, die lesbisch-schwule Gemeinde hat einen neuen Helden, ein Vorbild, ein role model. Und diesmal ein seriöser Politiker, und kein Fernsehkoch, Comedian oder Schlagersänger. Der erste, der selbstbewusst in die Kameras schaute bei seinem Coming-Out, der was riskierte dabei, der einem üblen Outing zuvorkam, der sich mutig zeigte wie vor ihm kein zweiter prominenter Schwuler in diesem Land.

Wowereits „Und das ist auch gut so“ macht schnell die Runde, landesweit, ja weltweit, und markiert eine Zeitenwende, in vielerlei Hinsicht. Homosexuelle Politiker können sich seitdem auf sein Beispiel beziehen und müssen sich nicht mehr verstecken mit Verweis auf ihre Karriere. Öffentlichkeit und Medien dürfen ihre Schwulenklischees neu sortieren und eine Variante hinzufügen. Die Einwohner Berlins stehen zu ihrer viel gepriesenen Toleranz, „Wowi“ wird über Jahre hinaus ihr Lieblingspolitiker.

Und die Lesben und Schwulen haben einen neuen guten Geist, der sie begleitet beim nächsten historischen Ereignis in diesem Jahr 2001, dem 1. August. An diesem Tag wird das eingeführt, was sich so sperrig „eingetragene Lebenspartnerschaft“ nennt.

All jene lesbischen Frauen und schwulen Männer, die sich endlich auf legalem Weg vom Rande der Gesellschaft wegbewegen wollen hin zur Mitte, haben jetzt eine Identifikationsfigur an ihrer Seite, die zu der neuen Umgebung passt. Homosexuelle müssen fortan nicht mehr schrill sein, nein, sie können auch ihren gesellschaftlich anerkannten Platz finden ohne ihre gänzlich unspektakuläre Homosexualität zu verstecken.

Unlängst auf einer Geburtstagsparty, ein Berliner Kulturmanager wird 50. Mit dabei die schwule Hauptstadt-Society. Kultur trifft hier auf Politik, im ganz privaten Rahmen. Wowereit ist hier nur Klaus, und die Gespräche changieren zwischen Tratsch und Debatte, zwischen Small Talk und alten Erinnerungen.

Wieder einmal die berüchtigte Homo-Lobby unter sich, mögen die Homohasser argwöhnen, und noch einmal all jene auf den Plan rufen, die dem schwulen Bürgermeister bereits von Beginn an einseitige Klientelpolitik vorgeworfen haben. Wowereit hat sich nie weggeduckt, nie verlauten lassen, er werde keine „Schwulenpolitik“ machen.

Nein, er war immer dabei, wenn es auch um die Belange von homosexuellen Frauen und Männern ging, und hat seine besondere Kenntnis eingebracht, wo und wann es notwendig war. In der AIDS-Politik, bei Projekten der lesbisch-schwulen Gemeinde, bei Fällen von Diskriminierung und Homophobie, bei Gleichstellungsinitiativen im Bundesrat. Er hat das äußerst vielfältige homosexuelle Leben der Hauptstadt aus der Subkultur heraus ins Licht gerückt und als ernstzunehmenden Faktor etabliert, nicht nur für den Tourismus. Das sind Erfolge, die ihm niemand nehmen kann.

Und doch fällt Wowereits schwule Bilanz dann eher nüchtern aus: „Wir sind nicht so tolerant, wie wir immer alle bekunden“, sagt er im Gespräch mit dem Schwulenmagazin „Männer“: „Es gibt Diskriminierung in Berlin und anderswo. Dagegen müssen wir immer noch ankämpfen.“

Der Dank der lesbisch-schwulen Gemeinde ist ihm gewiss, die „Männer“-Leser wählten Wowereit gerade zum „Mann des Jahres 2014“. Und das Schwule Museum bescheinigt ihm bereits jetzt die museale Reife und zeigt zu seinen Ehren die Ausstellung „Und das war auch gut so – 13 Jahre Klaus Wowereit.“