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Zum Tod von David Bowie: Als Bowie auf dem Kopf einer Spinne vor dem Reichstag sang

Unzählige Fans versammeln sich zu einem Konzert des britischen Rockmusikers David Bowie am 6. Juni 1987 vor dem Reichstagsgebäude in West-Berlin.

Unzählige Fans versammeln sich zu einem Konzert des britischen Rockmusikers David Bowie am 6. Juni 1987 vor dem Reichstagsgebäude in West-Berlin.

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dpa

Major Tom in Endlosschleife

Als David Bowie 1969 „Space Oddity“ herausbrachte, war ich acht Jahre alt und wusste nichts von der Existenz dieses Pop-Superstars der kommenden Dekaden. Ab fünfzehn hörte ich Bowies Über-Song über die Jahre in der Endlosschleife: Der einsam im All schwebende Major Tom – das war die Dramatik und Poesie eines Aufbruchs ohne Rückkehr, wie ich ihn für mich selbst wollte.

David Bowie hat mich mein ganzes Leben hindurch begleitet. Niemand zelebrierte die eigene Person stilvoller. Alles an ihm war besonders: die verschiedenfarbigen Augen, die unterschiedlich großen Pupillen, die noble Würde, die von seinen exzentrischen Inszenierungen nur noch gesteigert wurde. „Space Oddity“ treibt mir heute noch Tränen in die Augen: „And the stars look very different today.“ Anke Westphal

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Schlimm, diese Drogen!

Das hatten sich unsere Lehrer anders vorgestellt. Um uns als sächsische Zehntklässler kurz nach der Wende auf die Schattenseiten des neuen Systems vorzubereiten, zeigten sie uns die Filmfassung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Schlimm, diese Drogen! Das hatten wir nur schon vor 1989 zu hören bekommen.

Der Soundtrack unter den Ausbruchsversuchen der West-Jugend der frühen 80er wirkte aber alles andere als abschreckend. „We could be heroes, just for one day“, schepperte es zu Bildern einer Gang, die zwischen tristen Plattenbauten Unsinn anstellte. Dass der Song uns Jahre zu spät erreichte, ahnten wir nicht. Wir spürten seine Energie – und steckten uns mit der Unvernunft an, unsere eigenen Helden sein zu wollen. Endlich. Steven Geyer

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Seelenverwandtschaft mit Kurt Cobain

Aufmerksam wurde ich so richtig erst auf David Bowies „The Man Who Sold the World“ von seinem gleichnamigen Album aus den frühen 70ern-Jahren durch einen Auftritt der Band Nirvana. Die Grunge-Rocker gaben auf dem Höhepunkt ihres Schaffens ein Unplugged-Konzert für den Musiksender MTV.

Kurt Cobains gebrochen-melancholische Attitüde, sein rauer Gesang und Bowies wunderbarer Song, der ein Gefühl tiefer Verlorenheit und Einsamkeit transportiert, das vielleicht nur während der Adoleszenz so empfunden werden kann, sind eine düster-funkelnde Mischung. Der selbstmörderische Glamour, der Cobain allzeit umgab, ergänzt sich mit Bowies Kunst in perfekter Weise – eine Seelenverwandtschaft. Marcus Weingärtner

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Live auf der gläsernen Spinne

Ich hatte die Szene all die Jahre komplett vergessen. Doch in der Ausstellung „David Bowie in Berlin“ vor anderthalb Jahren kam die Erinnerung schlagartig zurück. Pfingsten 1987, vor dem Reichstag spielten an drei Tagen hintereinander Genesis, die Eurythmics und David Bowie. Ich glaube, Bowie war zuerst an der Reihe. Es war ein Konzert im Rahmen seiner Glass Spider Tour.

Die Bühnenkulisse war einer riesigen -  logo -  gläsernen Spinne nachempfunden. Mein Freund und ich waren schon früh gekommen, weil ich unbedingt möglichst weit vorne stehen wollte. Er fand das übertrieben, aber ich ließ nicht mit mir handeln.  Hören konnte ich Bowie schließlich jeden Tag, aber sehen? Live? Und David Bowie hat mich nicht enttäuscht.

Das erste Lied sang er sitzend auf einer Art gläsernen Thron, der vom Kopf der Spinne abgeseilt wurde. Er hatte ein Telefon in der Hand – „Can you hear me?“ Ich war hin und weg. Bis mir mein Freund, der hinter mir stand, ins Ohr raunte: „Aha, der alte Mann kann nicht mehr tanzen“. Mit der Arroganz der 20-Jährigen lachten wir über diese Anmerkung.

1987 war ein ziemlich ereignisreiches Jahr, erst vier Wochen vor dem Konzert war in Kreuzberg am 1. Mai der Bolle-Supermarkt abgefackelt worden. Wir demonstrierten gegen den Berliner Filz und schmuggelten uns auf die zahlreichen Partys, die es in West-Berlin zur 750-Jahr-Feier der Stadt gab. Die Zugabe sang Bowie auf dem Kopf der Spinne stehend, hoch über dem Reichstag. Neben uns sagte ein Fan ehrfurchtsvoll: „Cool. Einfach cool.“ Mein Freund sagte nichts. Christine Dankbar

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Eine Ode an das Verblassen

Fast genau vor drei Jahren, am 8. Januar 2013 – an seinem 66. Geburtstag – erschien nach zehn Jahren Sendepause und ohne jede Ankündigung, heimlich sozusagen, Bowies Comeback-Song „Where Are We now?“ Ein paar Stunden später stand er in acht Ländern auf Platz eins. „Where are we now?“ ist eines der schönsten Lieder über die Erinnerung, die es gibt.

Über das Altern, das Vorübergehen historischer Momente (der Club Dschungel, der Mauerfall), über die Lust, noch ein wenig da zu bleiben, mit dir, mit euch, mit den Regentropfen. Eine Ode an das Verblassen. Ein bisschen Feuer ist ja noch im Ofen. Das dazugehörige Video ist eines der besten der Popgeschichte. Mit etwas Mut zur Hässlichkeit – auch das ist das Schöne. Harald Jähner

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Die größten Hits von Bowie gibt es zum Nachhören in unserer Spotify-Playlist:


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