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Zwangsheirat: Die Braut wartet schon

Herry H. soll abgeschoben werden. In Indonesien droht ihm Zwangsheirat.

Herry H. soll abgeschoben werden. In Indonesien droht ihm Zwangsheirat.

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Julia Haak

Berlin -

Herry H. hat seine Koffer nicht gepackt. Er will nicht verreisen, jedenfalls nicht nach Indonesien, in das Land, aus dem er stammt und das er vor 13 Jahren verlassen hat. Allerdings hat ihn die Ausländerbehörde dazu aufgefordert. Er soll sich mit seinem Gepäck am Donnerstag um 12.30 Uhr auf dem Polizeipräsidium am Tempelhofer Damm einfinden. Dann wird er abgeschoben. Für Herry, ein erwachsener Mann von 32 Jahren, ein Grund mit Selbstmord zu drohen. Er fürchtet nicht nur die unerwünschte Ausreise. Sein Vater hat ihm in Indonesien eine Braut beschafft. In seinem Heimatland soll er umgehend heiraten. Und zwar gegen seinen Willen. Herry H. ist schwul.

Er hat deswegen Zuflucht beim Berliner Lesben- und Schwulenverband (LSVD) gesucht. Etwa zehn von Zwangsheirat bedrohte junge Männer betreut der Verband jedes Jahr. Meist sind es arabisch- oder türkischstämmige Schwule, deren Familien die unerwünschte sexuelle Ausrichtung ihrer Söhne per Zwangsheirat zu unterbinden suchen. Der LSVD bringt sie dann in Notunterkünften unter.

Das wäre in Herrys Fall keine Lösung. Einige Tage vor dem entscheidenden Donnerstag sitzt der junge Mann mit den noch fast kindlich glatten Zügen beim Schwulenverband an der Schöneberger Kleiststraße auf einem Sofa und erzählt seine Geschichte. Immer wieder stockt er, ihm fehlen die Worte. Nicht weil er Probleme mit der Sprache hätte. Er spricht sehr gut Deutsch. Er kämpft mit den Tränen. „Ich will auf keinen Fall eine Frau heiraten“, sagt er fast flüsternd.

Prügel mit dem Kabel

Herry hat nicht viele gute Erinnerungen an seine Familie und seine Kindheit. In Indonesien lebte er mit Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten in einem großen Haus. Aber Herry erinnert sich nur an Gewalt. Prügel mit dem Elektrokabel, wenn er nicht den Erwartungen entsprach, wenn er lieber der Mutter in der Küche helfen wollte, als Motorrad zu fahren oder Fußball zu spielen, wie es sich für den Jungen in den Augen der Verwandten wohl gehört hätte. „Ich war anders als die anderen, und ich habe mich dafür gehasst. Deshalb wollte ich mich ändern“, sagt Herry.

Mit 16 Jahren fand er einen vorläufigen Ausweg. Er überredete seine Eltern zu einem Auslandsstudium, auch wenn er sich dabei ihren Wünschen beugen und eine vermeintlich jungengerechte Naturwissenschaft auswählen musste. Herry entschied sich für Elektrotechnik in Berlin. Das war 1998. Dafür erhielt er ein Visum.

Warnung vom Onkel

„Am Anfang erschien es mir ganz normal, schnell zu studieren, dann nach Indonesien zurückzukehren und eine Familie zu gründen“, erzählt Herry. Aber 2005 änderte sich alles. Herry versuchte zu akzeptieren, wie er war. Er bekannte sich, schwul zu sein. Seiner Familie sagte er aber lieber nichts. Er hatte die warnenden Worte seines Onkels noch im Ohr: „Schwule wollen wir nicht, das gibt es bei uns nicht.“ Das war eine klare Ansage. Herry ist danach nicht mehr zu Hause zu Besuch gewesen.

Er bekam psychische Probleme. Schließlich konnte er sein Studium nicht mehr fortsetzen. „Mein Körper hat auf all das Aufgezwungene reagiert. Ich konnte keine Dioden mehr sehen, ich wollte nichts mehr mit Strom zu tun haben“. Aber die Aufenthaltsgenehmigung war an das Studium gekoppelt. Herry konnte keinen Abschluss vorweisen und wurde schließlich zur Ausreise aufgefordert. Seine Mutter teilte ihm die Familienpläne am Telefon mit. Die Tochter einer befreundeten Familie war für ihn als Ehegattin und Mutter seiner zukünftigen Kinder bereits ausgesucht. „Ein gutes Mädchen aus einer guten Familie“, sagte seine Mutter.

„Es ist ein Horror“, sagt Herry. Er glaubt, die Familie werde ihn sofort verstoßen, sollte er sich verweigern. Keine Kontakte, kein Geld, kein soziales Netz. In Indonesien würde Herry ins Bodenlose fallen. Da will er sich lieber vorher etwas antun.

Herry hat sich an die Härtefallkommission des Abgeordnetenhauses gewendet. Zweimal hat diese sich bereits für ein Bleiberecht für Herry ausgesprochen. „Er sollte aus humanitären Gründen geduldet werden“, sagt Martina Mauer vom Flüchtlingsrat. Die Innenverwaltung entschied allerdings anders.

Am Montag hat der Flüchtlingsrat eine Petition beim Abgeordnetenhaus eingereicht. Martina Mauer geht davon aus, dass sich die Abschiebung zumindest solange verzögern wird, bis der Petitionsausschuss getagt hat. Herry hofft und träumt. Sollte er wider Erwarten dauerhaft bleiben dürfen, will er nun Koch werden. Einen Ausbildungsplatz hat er schon.