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Zwangsräumung: Ali Gülbols Kampf

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Ali und Necmiye Gülbol vor der versiegelten Wohnung, die bis vor drei Tagen die ihre war. Nun leben sie drei Stockwerke höher bei seinen Eltern.
Ali und Necmiye Gülbol vor der versiegelten Wohnung, die bis vor drei Tagen die ihre war. Nun leben sie drei Stockwerke höher bei seinen Eltern.
Foto: BLZ/Paulus Ponizak

Siebenhundert skandierende Demonstranten, Polizisten mit Pfefferspray, ein Hubschrauber über dem Haus: Nach der Zwangsräumung wohnt Malermeister Ali Gülbol weiter in der Lausitzer Straße – bei seinen Eltern.

Einen Tag nach der Zwangsräumung klingelt Ali Gülbols Telefon. Sabine ist dran, sie war seine Nachbarin im ersten Stock in der Lausitzer Straße 8. Von dort aus ruft sie auch gerade an und will wissen, wie es Gülbol geht. Gülbol sitzt am Wohnzimmertisch seiner Eltern drei Stockwerke höher und sagt: „Wie soll es uns gehen? Scheiße. Aber wir leben noch. Solange man noch atmen und gegen Ungerechtigkeit kämpfen kann, ist alles in Ordnung, aber ich gebe dir mal Necmiye.“

Nachspiel im Parlament

Die Zwangsräumung soll nach dem Willen der Linksfraktion in der Sitzung des Innenausschusses an diesem Montag und in der Plenarsitzung am Donnerstag thematisiert werden.

Die Linke hält den Polizeieinsatz am 14. Februar in der Lausitzer Straße für unnötig und unverhältnismäßig.

Die Abgeordneten Hakan Tas und Klaus Lederer haben eine parlamentarische Anfrage eingereicht. Sie wollen wissen, wie viele Polizeibeamte bei der Zwangsräumung im Einsatz waren.

Welche Kosten durch den Großeinsatz entstanden sind, bei dem auch ein Hubschrauber angefordert wurde, soll der Senat auch beantworten.

Auch die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg kritisierten den Einsatz der Polizei als stark überzogen und herausgeschmissenes Geld.

Gülbol reicht den Hörer seiner Frau, blickt entschlossen und lässt noch mal die Ereignisse vom Vortag Revue passieren. Die Räumung, siebenhundert skandierende Demonstranten, Polizisten mit Pfefferspray, ein Hubschrauber über dem Haus – „Ich bin doch kein Krimineller!“ Es klingt wie ein Schlachtruf.

Ali Gülbol, 41, ein Malermeister aus Kreuzberg, verheiratet, drei Kinder, hat es sich nicht ausgesucht, so in der Öffentlichkeit zu stehen. Der Weg dorthin begann 2006, als der Berliner Unternehmer André Franell das Haus in einer Zwangsversteigerung erwarb. Dort wohnte Gülbol seit seinem sechsten Lebensjahr im vierten Stock mit seinen Eltern und drei Brüdern, seit 1999 mit seiner eigenen Familie in der ersten Etage. Die Wohnung sei eine Bruchbude gewesen, sagt Gülbol, 122 Quadratmeter, die Wände schimmelig, aber Gülbols fühlten sich wohl und steckten selbst Geld und Arbeit in die Wohnung. Sie rissen alte Öfen und Leitungen raus, verlegten tausend Meter neue Kabel, Ali Gülbol gab sich Mühe, er dachte, es sei für immer.

Allerdings verlangte André Franell knapp hundert Euro mehr Miete als der Vorbesitzer, 715 Euro kalt. Das fand Gülbol ungerecht, es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit durch alle Instanzen. Gülbol verlor. Dann versäumte er die Frist für die Nachzahlung und Franell warf ihn fristlos raus. Zwei Räumungsversuche scheiterten, vor drei Tagen nun gelang sie.

Gülbol sortiert die Akten auf dem Esstisch. Er versucht, wieder den Überblick zu gewinnen. „Gestern nach der Räumung habe ich ein Interview nach dem anderen gegeben“, sagt er stolz, „ich habe sogar die spontane Demo verpasst. Nicht mal Zeit zum Essen hatte ich. Erst abends hatte ich zwei Stullen.“ Gülbol ist jetzt nämlich selbst in einer Art Einsatz, er will „den Kampf gegen die Ungerechtigkeit gewinnen“, das habe er auch der Gerichtsvollzieherin gesagt, es sei eine Schweinerei, was sie da mache, sie lasse sich wie die Politik und die Polizei vom Vermieter missbrauchen. Wenn man Gülbol fragt, ob es nicht nachvollziehbar sei, dass Franell Geld für die Instandsetzung der Wohnung verlange, dass Modernisierung ja gar nicht vorliege und 715 Euro Kaltmiete deutlich unter dem Mietspiegel liegen, wird Gülbols Blick kalt. „Aber das ist viel Geld für uns. Erst hat man uns geholt, mein Vater hat jahrzehntelang für deutsche Firmen geschuftet, und wenn wir versuchen uns auch etwas aufzubauen, mit wenig Geld, dann ist plötzlich kein Platz mehr für uns.“

Gentrifzierung ist in vollem Gang

Unten im Vorderhaus befindet sich das Café „Cutie Pie“, das Brownies, Bagels und Bioprodukte anbietet. Die Lausitzer Straße hinunter bekommt man auch frische Austern oder eine „wärmende Jadevita-Massage“, in der Wiener Straße bietet der „Spätzle Express“ Maultaschen und Schupfnudeln und der Imbiss „Comida Mexicana“ Salsa aus selbst gezüchteten grünen Biotomaten. Die Gentrifzierung ist in vollem Gang in Gülbols Viertel, aber jetzt, wo er selbst betroffen ist, passt ihm das nicht.Er kann in dem Tempo nicht mithalten.

Gülbol hat Schulden für seinen Meister gemacht, er hat Wert auf die Ausbildung seiner Kinder gelegt, er hat sie zur Musikschule geschickt, zum Fußball, Schwimmen und Judo, seine Tochter verbringt nach dem Abitur ein soziales Jahr in Ghana, seine Söhne gehen noch zur Schule. Gülbols sind ein Musterbeispiel gelungener Integration, aber das zählt vor Gericht nicht.

Am Sonntagmittag sitzt Ali Gülbol am Kottbusser Tor und diskutiert mit Vertretern der Initiative „Kotti&Ko“ im deutsch-türkischen Sender Hayat TV über Mietprobleme in Deutschland und wie türkische Migranten davon betroffen sind. „Die sind viel stärker betroffen als Deutsche“, sagt der Moderator Yücel Özdemir. „Türken sind meist im Niedriglohnsektor beschäftigt und in Berlin besonders oft arbeitslos.“

Neben ihm steht die Witwe Fatma Erdem, sie zahlt für 22 Quadratmeter 250 Euro kalt, „aber ab dem 1. April wird es mehr“. Ihre Lippen sind rot geschminkt, ihr Mantel ist lang und eng. „Ich kämpfe bis zum Ende“, sagt sie. Ali Gülbol schiebt die Fäuste tiefer in die Taschen und nickt.

Interview mit Ali Gülbol
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