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Zwangsverheiratung: „Problemgebiete sind Neukölln, Wedding und Spandau“

Das Schaufenster eines türkischen Brautmodenladens in Neukölln.

Das Schaufenster eines türkischen Brautmodenladens in Neukölln.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Frau T., wir dürfen weder Ihren Namen in der Zeitung nennen noch ein Foto von Ihnen zeigen. Warum wollen Sie das nicht?

Weil wir Mitarbeiterinnen von Papatya in unserer geheimen Schutzwohnung Mädchen aufnehmen, deren Familien manchmal jedes Mittel recht ist, an sie heranzukommen. Das gefährdet auch uns.

Papatya ist in Berlin die einzige Hilfe-Einrichtung für Mädchen, denen eine Zwangsverheiratung droht. Lange Zeit war es die einzige Einrichtung dieser Art in Deutschland. Wer wendet sich an Sie?

An uns wenden sich überwiegend muslimische Mädchen, aber auch Mädchen mit jezidischem Hintergrund. Jeziden sind eine kurdische, verfolgte Minderheit, weshalb sie schon seit Jahrzehnten in großen Gruppen nach Deutschland kommen. Sie werden in ihren Herkunftsländern vor allem von Muslimen verfolgt. Es ist eine Geheimreligion, die mündlich weitergegeben wird, in die man hineingeboren wird und die man nicht verlassen kann. Deshalb haben die auch immer nur innerhalb ihrer eigenen Gruppe geheiratet. Da gab es auch ein paar Ehrenmorde in den vergangenen Jahren. In Konflikten mit den Eltern geht es aber nicht um Religion, sondern um die Familienehre.

Und kann ein Ehrenmord eine Folge sein, wenn ein Mädchen nicht in eine Ehe einwilligt?

Ja. Die Eskalation kann aus zwei Richtungen kommen. Einerseits können die Eltern das Gefühl haben, die Tochter entgleist, die hat womöglich einen Freund. Da erscheint es ihnen dann angebracht zu überlegen, wen das Mädchen heiraten könnte, um den drohenden Ehrverlust abzuwenden. Auf der anderen Seite ist das für die Mädchen der Schlusspunkt, wenn es heißt, wir fahren in die Türkei, nach Syrien, in den Libanon, da wartet dein Cousin auf dich. Sie haben sich bis dahin eingeredet, irgendwann habe ich mein eigenes Leben, dann wird alles schön, aber in dem Moment sehen sie, dass sie nicht mehr bleiben können, sondern handeln müssen. Die Ankündigung einer Zwangsverheiratung ist oft der Hintergrund, wenn Mädchen flüchten.

Wie viele Mädchen kommen im Jahr zu Ihnen?

Ungefähr sechzig nehmen wir in unsere Krisenwohnung auf. Dreißig bis fünfzig Prozent davon sind von einer Zwangsverheiratung betroffen. Außerdem haben wir eine Online-Beratung, an die sich 150 bis 200 Frauen im Jahr wenden und wo ebenfalls dreißig bis fünfzig Prozent von Zwangsverheiratung betroffen sind. Wobei die häufig nicht vollendet, sondern angedroht ist. Wenn das am Horizont auftaucht, entscheiden sich die Mädchen oft, etwas dagegen zu tun.

Sind das Mädchen aus Berlin?

In der Regel sind es Mädchen, die hier groß geworden sind. Junge Frauen, die hergebracht wurden, kommen selten. Arabischstämmige Mädchen aus den hier ansässigen Großfamilien kommen so gut wie nie. Die erreichen wir nicht. Die vermuten zu Recht, dass sie in Berlin kaum zu schützen sind.

Wie hoch ist die Zahl der Zwangsverheiratungen in Berlin?

Das wissen wir nicht. Wir sind zwar froh, dass es jetzt diese Studie des Familienministeriums zu Zwangsverheiratungen gibt, aber darin wurden nur wie üblich Schulen und Beratungsstellen abgefragt und die Fälle gezählt. Wir vermuten, dass es eine große Dunkelziffer gibt. Denn wir hören häufig von den Mädchen, dass auch ihre Cousine, ihre Schwester oder ihr Bruder zwangsverheiratet wurden. Das hat etwas mit der Kultur der Ehre zu tun.

Kommen die Mädchen eher aus traditionellen Familien?

Ganz unterschiedlich. Es gibt oft Familien, wo ganz viel im Argen ist. Kranke Mütter, die schon von ihren Vätern geprügelt wurden, kriminelle Brüder, Drogenprobleme, Spielsucht bei den Vätern – also Zustände, die nicht dem Klischee einer ehrenhaften Familie entsprechen. Um so mehr soll das Ansehen dadurch kompensiert werden, dass die Mädchen funktionieren. Um so mehr wird darum gekämpft, dass alles intakt wirkt, weil die Tochter nie alleine auf der Straße zu sehen ist. Wenn ich Fortbildungen gebe, erkläre ich das immer so: Der Ehrbegriff schmiedet die Familien zusammen: Was eine tut oder lässt, fällt auf alle zurück. Das ist ein bisschen so, als würde die Abiturnote meines Bruders bestimmen, ob ich studieren darf.

Was muss passieren, damit ein Mädchen zu Ihnen kommt? Das ist ja ein sehr großer Schritt.

Der Freund wurde entdeckt oder das Ticket ins Heimatland wurde gebucht und sie hat Angst, dass sie da nicht mehr rauskommt. Der Entschluss ist spontan, hat aber immer eine lange Vorgeschichte. Sanktioniert zu werden, geprügelt zu werden, das halten viele recht lange aus. Aber die Worte sind so verletzend. Dieses angeguckt werden als Schlampe, als Dreck, als jemand, der nur Probleme bereitet.

Sind das die Worte, die Eltern für ihre Töchter benutzen?

Durchaus. Zum Teil möchte ich gar nicht wiederholen, was die sich anhören müssen, auch an sexuell gefärbten Beschimpfungen. Das ist ziemlich drastisch.

Und was passiert, wenn ein Mädchen bei Ihnen eintrifft?

Wir haben schon am Telefon ein Vorgespräch mit ihr geführt, weil wir wollen, dass sie akzeptiert, welche Regeln wir haben und das als Schutz begreift: Sie darf nur begrenzt raus, sie muss ihr Handy abgeben, sie kann nicht angerufen werden, wir reglementieren, wen sie anruft. Das akzeptiert man nur, wenn man selbst findet, dass das Sinn macht. Dann gucken wir, ob sie nur schlafen, essen, trinken muss oder schon Gespräche mit dem Jugendnotdienst oder sonst wem hatte und für heute bedient ist vom Ausgefragtwerden. Es hängt auch davon ab, welche Vorinformationen wir haben, wie der Handlungsbedarf ist, wie gefährdet das Mädchen ist. Und wir versuchen den Hintergrund zu begreifen, die Migrationsgeschichte, wie lange es das Problem schon gibt und was das Mädchen möchte.

Wie alt sind die Mädchen?

Zwischen 13 und 21.

Können die Mädchen weiter zur Schule gehen?

Oft erstmal nicht.

Können sie überhaupt ausgehen?

Wenn sie aus Berlin kommen und hochgefährdet sind, werden sie die ersten Tage sicher nicht raus können. Wir müssen erst abklären, wie der Bewegungsraum der Familie ist. Wer wird auf sie angesetzt, wie treten die Eltern beim Jugendamt und in der Schule auf, ist der Vater Taxifahrer oder sitzt er zu Hause, hat der große Bruder eine große Clique, gibt es überhaupt einen großen Bruder? Gibt es in der Familie Männer, die zum Ausrasten neigen? Es ist nämlich manchmal so, dass die Brüder unter den Berliner Intensivtätern zu finden sind. Und wir müssen gucken, wie zuverlässig das Mädchen selbst ist. Hält sie sich an unsere Vorgaben, ist sie in der Lage, sich zu orientieren, kann sie alleine U-Bahn fahren? Gerade wenn die aus anderen Bundesländern kommen, ist das oft nicht so.

Kommen die aus anderen Bundesländern, weil es dort keine Hilfe gibt?

Entweder das, oder weil sie an ihrem Wohnort nicht sicher sind. Eine Jezidin aus Celle, wo 30 000 Jeziden leben, kann dort nicht in einer Jugendschutzeinrichtung untergebracht werden. Womöglich in ganz Niedersachsen nicht.

Nun sind die Mädchen eine Weile bei Ihnen, was passiert danach?

Ungefähr ein Drittel der Mädchen geht zurück. Dann muss man zusammen mit dem Jugendamt gucken, wie man ein Sicherheitssystem stricken kann. Gerade in Fällen, wo die Verschleppung ins Ausland droht. Dann ist guter Rat nämlich wirklich teuer. Für die anderen Mädchen sollte nach sechs bis acht Wochen eine Dauerunterbringung gefunden sein.

Warum entscheiden sich Mädchen dafür, zu den Familien zurückzukehren?

Weil die vollkommene Abnabelung ein riesengroßer Schritt ist. Am Anfang möchte jedes Mädchen nur raus und die Familie nie wieder sehen. Das relativiert sich aber mit der Zeit. Sie fangen an, die Mutter zu vermissen, die kleinen Geschwister oder sie wollen wissen, ob sie eine Lücke hinterlassen haben. Ob die Eltern Schuldgefühle haben. Oder sie befürchten, dass in einer neuen Wohnung Nachbarn mit konservativen Vorstellungen wohnen. Wo Jungs vor dem Haus stehen und lauern, weil sie denken, da wohnt eine Schlampe, auf die kein Vater/Bruder/Onkel aufpasst. Oder sie kommt in eine neue Klasse, wo Konsens ist, dass ein Mädchen, das alleine wohnt, eine Hure ist. Das sind harte Brocken. Manchmal versprechen die Eltern den Mädchen auch bloß das Blaue vom Himmel.

Konzentriert sich das auf bestimmte Bezirke in der Stadt?

Problembezirke sind sicherlich Neukölln, Wedding, bestimmte Gebiete von Spandau, wo in manchen Straßenzügen sehr viele Kurdischstämmige wohnen.

Papatya gibt es seit 1986. Hat sich seither an diesen Schemata irgend etwas grundlegend verändert?

In dem Ausschnitt, den wir sehen, hat sich nicht viel verändert. Meine subjektive Wahrnehmung ist, dass die Mädchen es früher leichter mit Gleichaltrigen hatten, weil das Umfeld eher deutsch geprägt war. Jetzt haben wir Klassen mit 80, 90 Prozent Migrationshintergrund türkisch/arabisch. Da ist es deutlich schwerer auszubrechen. Neulich hat ein Lehrer einer meiner Kolleginnen bei einer Fortbildung erzählt, dass in seiner Schule das Thema Zwangsverheiratung gar nicht mehr angesprochen wird, weil die Mädchen dann reihenweise in Tränen ausbrechen.

Und deshalb wird das Thema gar nicht mehr angesprochen?

Naja, weil die nicht wissen, wie sie das auffangen sollen.

Für wen machen Sie Fortbildungen?

Für Lehrerinnen und Schulsozialarbeiterinnen. Für die Polizei und für Frauen- und Opferberatungsstellen im ganzen Bundesgebiet, manchmal auf für Jugendämter oder Gleichstellungsbeauftragte. Wir gehen aber nicht an Schulen. Da sehen wir uns zu gefährdet durch andere Schüler.

Wird Ihnen oft von Familienangehörigen aufgelauert?

Zum Glück nicht so häufig. Wir sind deshalb aber einmal umgezogen. Ein heikler Punkt sind die Gespräche im Jugendamt. Da muss man gut überlegen: Wie kommt man rein und raus, ohne dass wir von der Familie verfolgt werden. Denn die kommt ja auch zu dem Gespräch.

Was sagen die Eltern denn zum Vorwurf der Zwangsverheiratung? Geben sie das zu?

Meist reden die von einem Missverständnis. Sie hätten gar nicht gewusst, dass das Mädchen nicht will.

Wenn das Mädchen 13, 14 ist?

Nein, da haben die dazu gelernt. Das sei natürlich verboten. Da wird dann erstmal religiös geheiratet. Nicht umsonst findet die Hochzeit im Herkunftsland statt. Genauso, wenn sie geschlagen wurde. Die blauen Flecke, die seien eine Ausnahme. Auch gibt es ganz große Versprechungen: Jetzt haben wir es verstanden, wenn das dein Freund sein soll, stell’ ihn uns doch mal vor. Dazu gibt es eine breite Palette der Appelle an die Schuldgefühle: Mutter isst nicht mehr, seit du weg bist, der kleine Bruder wurde vom Auto angefahren, die Oma stirbt und der Vater hat gestern Krebs bekommen. Alles deinetwegen.

Aber solches Verhalten ist doch durchsichtig.

Natürlich. Aber der entscheidende Punkt ist, wie das Mädchen das aufnimmt. Vielleicht hat sie so verzweifelt darauf gewartet, von der Familie mal etwas Positives zu hören, dass sie unbedingt austesten muss, ob das trägt. Denn eigentlich möchten die wie in allen Familienkonflikten hören: tut uns leid, wir lieben dich doch.

Seit 2011 ist Zwangsverheiratung in Deutschland strafbar. Hat das etwas bewirkt?

Es ist nun eine Alarmsirene für die Behörden. Aber in vielen Fällen ist es ja noch nicht dazu gekommen, sondern die Zwangsheirat ist angedroht. Solche Fälle kommen ja gar nicht vors Gericht. Es ist richtig, dass das unter Strafe steht, aber dass es etwas ändert, damit haben wir gar nicht gerechnet.

Das Gespräch führte Annett Heide


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