blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Zwischen Schillingbrücke und Michaelibrücke: Ein weiteres Stück Mauer ist gefährdet
04. August 2014
http://www.berliner-zeitung.de/3092740
©

Zwischen Schillingbrücke und Michaelibrücke: Ein weiteres Stück Mauer ist gefährdet

An dieser Stelle ist der Weg am Paula-Thiede-Ufer nahe der Schillingbrücke in Mitte schon fertig. Derzeit wird eine Verlängerung geplant.

An dieser Stelle ist der Weg am Paula-Thiede-Ufer nahe der Schillingbrücke in Mitte schon fertig. Derzeit wird eine Verlängerung geplant.

Foto:

Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

In wenigen Tagen wird wie jedes Jahr des Mauerbaus am 13. August 1961 gedacht. Das ist meist ein Anlass, auf die große Bedeutung der wenigen noch vorhandenen Mauerreste als unverzichtbare bauliche Zeugnisse für die Teilung Berlins hinzuweisen. Im Alltag hingegen störten die Betonsegmente und Drahtzäune der früheren DDR-Grenze meist, etwa an der East Side Gallery.

Im Bezirk Mitte sind nun weitere Teile der früheren DDR-Grenzsicherungsanlagen am Spreeufer bedroht, weil im Areal zwischen Schillingbrücke und Michaelibrücke ein breiter öffentlicher Uferstreifen gebaut werden soll. Auf dessen Trasse sind heute noch mehrere Betonelemente der Hinterlandmauer, Grenzzäune samt Leuchten sowie direkt an der Wasserlinie ein Bunker erhalten, in dem die DDR-Grenztruppen ihre Patrouillenboote untergebracht hatte, die im Soldatenjargon „Enten“ genannt wurden.

Seltenes Bauzeugnis

All dies macht auf den ersten Blick keinen spektakulären Eindruck. Vor allem der Boots-Bunker ist aber für die Erläuterung der Mauergeschichte ein außergewöhnliches und seltenes Zeugnis, weil es die DDR-Grenzsicherung auf dem Wasser anschaulich macht. „Es gibt für diesen Aspekt nur noch ganz wenige bauliche Belege, einer davon ist der Grenzsteg im Osthafen, der andere ein ehemaliger Anleger der Grenztruppen in Potsdam“, sagt der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier.

Auf die historische Hinterlassenschaft machten der Kunsthistoriker und Blogger Eberhard Elfert sowie das Wohn- und Kunstprojekt „Teepeeland“ aufmerksam, das sich auf dem Uferstreifen nahe der ehemaligen Eisfabrik angesiedelt hat, Hütten aus Recyclingmaterial errichtet hat und eine kleine Bühne betreibt. Auch das Projekt, das der Bezirk Mitte auf seinem Grundstück bisher duldet, stünde einem Uferweg im Wege.

Das Bebauungsplanverfahren für das Uferareal ist im Gange. Laut Stadtrat Carsten Spallek soll ein zehn bis 20 Meter breiter Uferstreifen hergestellt werden, der rechtlich als „Verkehrsfläche besonderer Zweckbestimmung“ firmiert, aber durchaus auch Bäume, Bänke und andere Grün-Gestaltungen beinhaltet. Auf jeden Fall soll es einen Rad- und Fußweg geben, in einem Teilbereich jedoch auch eine Autostraße. Soweit noch nicht geschehen, sollen die benötigten Grundstücke in öffentlichen Besitz übergehen.

Wie das Uferareal gestaltet werden soll, ist nach Spalleks Worten noch offen. Zwingend sei, dass der Weg öffentlich und barrierefrei zugänglich sein müsse, alle weiteren Gestaltungsideen wolle man ausgiebig mit den Bürgern diskutieren und deren Vorschläge aufgreifen. Eine erste öffentliche Informationsveranstaltung habe es im Juli schon gegeben, auf einer neuen Webseite wolle der Bezirk Ideen und Anregungen von Bürgern dazu sammeln und in die Planung einbeziehen.

Teilweise unter Denkmalschutz

Die Mauerreste stehen teilweise unter Denkmalschutz, was nicht immer eine Garantie für den Erhalt ist. Axel Klausmeier, der im Senatsauftrag mit dem Cottbuser Denkmalschützer Leo Schmidt vor gut zehn Jahren die damals noch vorhandenen Reste der Mauer kartiert hatte, weist darauf hin, dass viele der dokumentierten Baulichkeiten – von intakten Mauerteilen bis zum unscheinbaren Schaltkasten des Signalzauns – heute nicht mehr existieren.

„Berlin sollte deshalb sehr sorgsam mit den noch verbliebenen baulichen Zeugnissen der Mauer umgehen und auf jeden Fall den Anleger für die Patrouillenboote erhalten.“ Bei speziellen Schiffstouren zur Mauergeschichte, die die Stiftung Berliner Mauer anbietet, sei der Boots-Anleger nahe der Schillingbrücke ein wichtiger Bezugspunkt, um das DDR-Grenzregime zu erklären.

Eberhard Elfert sagt, in einem Jahr, in dem mit großem Aufwand der 25. Jahrestag der Mauereröffnung begangen wird, seien Mauer-Abrisspläne „überhaupt nicht nachvollziehbar“. Im Grunde stößt er bei Stadtrat Spallek auf offene Ohren: „Wir sollten das, was von der Mauer noch da ist, möglichst erhalten“, sagt der Politiker. „Wir haben nur noch wenige authentische Mauer-Orte in Berlin –was die uns über die Brutalität der DDR-Grenze vermitteln, kann man nicht aus Büchern lernen.“

Den Bebauungsplan mit den konkreten Plänen finden Sie hier.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?