08.02.2012

Interview zum Berlinale-Eröffnungsfilm: Französische Revolution im Zeitraffer

Sie spielt die Marie Antoinette in Leb wohl, meine Königin!: Diane Kruger auf dem roten Teppich am Potsdamer Platz.
Sie spielt die Marie Antoinette in "Leb wohl, meine Königin!": Diane Kruger auf dem roten Teppich am Potsdamer Platz.
Foto: dapd

Benoît Jacquots neuester Film „Les adieux à la Reine!“ mit Diane Kruger als Marie Antoinette eröffnet die 62. Berlinale. Jacquot ist einer der vielseitigsten und eigenwilligsten Regisseure des französischen Films. Mit uns sprach er über historische Authentizität und den Reiz von Versailles.

Monsieur Jacquot, Ihr Film gehört einem Genre an, das es in Frankreich kaum noch gibt: dem Kostümfilm. Warum wagen sich heute so wenig Regisseure daran?

Es liegt nicht an den Regisseuren. Die Produzenten sind ungeheuer misstrauisch, weil Historienfilme teuer sind und angeblich kaum Zuschauer in die Kinos locken. Tatsächlich ist das Genre zu einer Domäne des Fernsehens geworden. Ein realistisch denkender Regisseur tut also schlecht daran, sich für einen historischen Stoff zu interessieren. Bei Kinoproduzenten stößt man sofort auf eine reflexhafte Ablehnung. Aber das Sparen ist schließlich deren Metier.

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Allerdings haben Sie in den letzten zwei Jahrzehnten auffallend viele Kostümfilme gedreht: Seit „Sade“ ist das eine Konstante in Ihrem Werk.

Schon als junger Cinéphiler bin ich mit Vorliebe in historische Filme gegangen. Einige, wie Fritz Langs „Das Schloss im Schatten“ mit Stewart Granger, bedeuten mir noch heute eminent viel. Als ich selbst Regisseur wurde, hatte ich selbstverständlich den brennenden Wunsch, mich in dieser Disziplin zu versuchen. Die meisten Kostümfilme habe ich jedoch fürs Fernsehen gedreht. Mittlerweile scheint sich das Blatt zu wenden. Seit ein, zwei Jahren wenden sich die französischen Sender wieder verstärkt Gegenwartsstoffen zu. Vielleicht führt das ja zu einer Renaissance im Kino.

Sie spielt die Marie Antoinette in Leb wohl, meine Königin!: Diane Kruger auf dem roten Teppich am Potsdamer Platz.
Sie spielt die Marie Antoinette in "Leb wohl, meine Königin!": Diane Kruger auf dem roten Teppich am Potsdamer Platz.
Foto: dapd

War „Leb wohl, meine Königin!“ ein langgehegtes Projekt? Die Romanvorlage von Chantal Thomas ist mehr als ein Jahrzehnt alt.

Ich bekam das Buch durch Zufall in die Hände und spürte sofort, dass das ein idealer Stoff für mich ist. Für einige Zeit habe ich das Projekt ernsthaft verfolgt. Aber mir war klar, dass es sehr kompliziert werden würde; aus den Gründen, die ich Ihnen schilderte. Dass der Roman einen bedeutenden Literaturpreis, den „Prix Femina“, gewonnen hat, war kein überzeugendes Argument. Jahre später bekam ich dann einen Anruf von einem mir unbekannten Produzenten, Jean-Pierre Guérin, der die Rechte erworben und sofort an mich gedacht hatte. Bezeichnenderweise hatte er bislang nur fürs Fernsehen gearbeitet.

Was genau hat Sie an dem Roman gereizt?

Die Eleganz, mit der Chantal Thomas ihre Perspektive einhält. Die Handlung ist auf einen Ort – Versailles – und einen kurzen Zeitraum – die Tage vom 14. bis zum 16. Juli 1789 – konzentriert. Diese drei Tage, in denen in Frankreich alles umstürzt und eine Gesellschaft untergeht wie ein leckgeschlagener Ozeandampfer, werden aus der Sicht einer Vorleserin von Marie Antoinette geschildert. Der Film zeigt nur den Ausschnitt der Revolution, den sie unmittelbar miterlebt. Ihre Hoffnungen, Träume und Ängste sind das Brennglas, unter dem wir alles betrachten.

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Warum schildern Sie – wie bereits in „Sade“ – die Große Revolution wiederum aus der Sicht der Aristokratie?

„Sade“ ist fünf Jahre später angesiedelt, in einer Welt, die sich bereits total verändert hat. Der neue Film spielt zu einem Zeitpunkt, an dem mich die ungeheure Beschleunigung der gesellschaftlichen Umbrüche fasziniert. In Versailles geschieht alles wie im Zeitraffer. Es ist ein in sich geschlossener Ort extremer Widersprüche. Es herrschen Ungewissheit und Panik. Zugleich wandelt sich Marie Antoinette von einer extrem frivolen Figur zu einer die eine große Würde gewinnt: Sie wird zu der Königin, die sie nie war.

Im Roman ist die Vorleserin älter. Suchten Sie eine „unschuldigere“ Perspektive?

Ja, so wirkt ihre Arglosigkeit filmisch glaubwürdiger. Das war die erste Entscheidung beim Drehbuchschreiben.

Wie wichtig ist Ihnen historische Authentizität?

Eigentlich ist das für mich keine vorrangige Sorge. Natürlich möchte ich peinliche Anachronismen vermeiden. Aber ich will keine Distanz schaffen zu der Epoche: Die Ereignisse sollen sich mit der gleichen Dringlichkeit abspielen wie in einem Gegenwartsfilm. Allerdings glaube ich, dass unsere Marie Antoinette der historischen sehr nahe kommt. Das hat auch damit zu tun, dass wir wirklich in Versailles drehen durften.

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Erstaunlich, bisher mussten andere Schlösser oder die Banque de France immer als Double herhalten!

Doch, fast der komplette Film ist dort entstanden. Wir haben nachts und montags gedreht, sobald die Räume für Touristen geschlossen waren. Glauben Sie mir: Kein Filmstar der Welt ist so teuer wie eine Drehgenehmigung in Versailles!

Hatten Sie bei dem Film nur die historische Marie Antoinette im Hinterkopf oder auch ihre Inkarnationen im Kino? Es gibt eine von MGM, eine von Sacha Guitry, von Sofia Coppola etc.

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Solche Vorbehalte vergisst man, sobald man sich für eine Darstellerin entschieden hat. Diane Kruger unterscheidet sich radikal von Norma Shearer, Michèle Morgan und Kirsten Dunst. Ihre Figur macht eine abrupte Wandlung durch. Das ist ein sehr schwieriges Register für eine Darstellerin und versetzt sie in einen Zustand großer Verletzbarkeit. Ihre Marie Antoinette wirkt anfangs kopflos, aber bald nähert sich ihr Zustand dem Wahn. Wenn Marie Antoinette eine Bürgerliche gewesen wäre, hätte man sie für verrückt erklärt. Das traute sich bei der Königin natürlich niemand.

Das Gespräch führte Gerhard Midding.

Sehen Sie einen Ausschnitt aus „Leb wohl, meine Königin!“ (franz.):

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