16.02.2012

Panorama: Stolz und schwul

Von Elmar Kraushaar
 Vito Russo (hier mit Bette Middler) starb noch während seines Kampfes.
Vito Russo (hier mit Bette Middler) starb noch während seines Kampfes.
Foto: Berlinale
Berlin –  

Zwei Dokus über Szenegrößen, die im Mainstream ankamen: „Vito“ und „König des Comics“

Kein Superlativ scheint zu hoch gegriffen für ihn: Gay hero, First Gay Celebrity, Elder Statesman. Vito Russo war ein schwuler Held, wie es hierzulande keinen einzigen gibt und nur wenige in den USA. Der 1946 in New York geborene Schwulenaktivist vereinigte wie kaum ein zweiter die gesamte neuere amerikanische Schwulengeschichte in seinem eigenen Leben.

Sein Coming Out hatte er zu Zeiten, als noch das Doppelleben angeraten war und Psychologen vor homosexueller Perversion warnten. Als sich 1969 Transen und Schwule erstmals in der Christopher Street gegen die Polizei wehrten, beobachtete Russo das Geschehen noch von der anderen Straßenseite. Aber er wollte kein Zaungast mehr sein und griff ein. Er war dabei, als die „Gay Activists Alliance“ gegründet wurde, ging 1973 aufs Standesamt, um sich mit einem Freund trauen zu lassen, gründete das allererste schwule Filmfestival und brachte auf einer alten Feuerwache den Schwulen bei, alte Filme neu zu sehen.

Ralf König erreicht (nicht nur) mit seinen Comics Millionen.
Ralf König erreicht (nicht nur) mit seinen Comics Millionen.
Foto: Berlinale

Von der Sub- zur Hochkultur

Russos Leidenschaft war von klein auf das Kino, er wurde Filmhistoriker und sammelte mühsam die „homosexuellen“ Stellen in den allerersten Filmen bis in seine Zeit: „In der 100-jährigen Filmgeschichte kam Homosexualität nur selten auf die Leinwand. Und wenn, dann als etwas Lächerliches oder Bedauernswertes oder gar etwas zum Fürchten.“ Mit der Aufklärung darüber wollte er die Macht der Bilder brechen. Er zog durchs ganze Land mit seinem Vortragsprogramm „The Celluloid Closet“, das Buch gleichen Titels wurde ein Bestseller.

Dabei vergaß Russo nie sein Engagement. Er organisierte CSD-Paraden und mitbegründete die GLAAD, eine Organisation, die darüber wacht, wie Lesben und Schwule in den Medien dargestellt werden. Bis auch ihn Aids erreichte. Seine große Liebe, sein Partner Jeffrey Sevcik, starb 1986, Russo folgte ihm am 7. November 1990. Auch wenn ihm die Krankheit mehr und mehr Kraft raubte – Russo engagierte sich bis zuletzt bei „Act Up“ und forderte vom Staat Unterstützung im Kampf gegen AIDS. „Wenn ich an etwas sterbe“, sagte er 1988 in einer legendären Rede bei einer Act-Up-Demo in Washington, „dann an Homophobie und Rassismus, an Gleichgültigkeit und Bürokratie.“

Die Geschichte von einem, der es geschafft hat, erzählt dagegen „König des Comics“: Ralf König gelang der Sprung von der Sub- zur Hochkultur, von kleinen Schwulenblättern in die große FAZ, von Kritik an der Blödheit der Homos zum beißenden Spott über die Religion. König wurde in 15 Sprachen übersetzt, die Liste seiner Auszeichnungen ist fast so lang wie die seiner Bücher. Millionen sahen seine Geschichten im Kino. Und auf die Frage, ob man von den Comics schwul werden könne, antwortet in Rosa von Praunheims König-Porträt einer seiner Hetero-Fans arglos mit Ja.

Ein stolzer, schwuler Mann

All das hat Ralf König erreicht mit kleinen Männchen mit großen Nasen, mit zickigen Tunten und fistenden Kerlen – und ohne falsche Scham. Wie ist das möglich in diesem Land? Das ist nicht die Frage, die Praunheim interessiert. Er lässt den Zeichner erzählen, seine Geschichte vom Jungen aus Westfalens Provinz, der von der Schreinerbank an die Kunstakademie flieht. Der schwul wird dabei und alles ausprobiert, was so ein neues Leben zu seiner Zeit bereithält. Der schließlich zum Idol wird unter seinesgleichen, vielen von ihnen zu einem besseren Coming-Out verhilft und ihnen beibringt, wie heilsam es ist, selbst am lautesten über sich zu lachen.

König ist – das zeigt der Film – auf dem Teppich geblieben, ein angenehmer Zeitgenosse; klug, ohne zu bevormunden; einer, der kokett sein kann und geil, ehrlich und cool, und sich doch immer wieder in seine Melancholie rettet.

Es war Zeit, ihm ein Porträt zu widmen, und es fügt sich nur konsequent, dass diesen Film mit Praunheim einer machte, dessen erstes Buch dem jungen Ralf König den Weg wies hat in sein neues Leben. So könnte man vom Ziehvater sprechen, der seinem Ziehsohn jetzt die große Leinwand bietet, damit der zeigen kann, dass aus ihm was geworden ist: ein stolzer, schwuler Mann ganz im emanzipatorischen Sinne seines alten Herrn.

Vito

16. 2.: 20 Uhr, CineStar 7;

17. 2.: 14.30 Uhr, CineStar 7;

18. 2.: 17 Uhr, CineStar 7.

König des Comics

16. 2.: 22.30 Uhr, CineStar 7; 18. 2.: 15.30 Uhr, Colosseum 1.

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