06.02.2012

Regisseur Mike Leigh: Der Charakterzeichner

Von Daniel Kothenschulte
        

Hunger nach Kinobildern: Der Regisseur Mike Leigh ist einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Britischen Kinos.
Hunger nach Kinobildern: Der Regisseur Mike Leigh ist einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Britischen Kinos.
Foto: Getty Images
Berlin –  

Mike Leighs Filme erzählen vom Alltag einfacher Leute, die sich wehren gegen soziale Ausgrenzung und kulturelle Tabus. Der englische Regisseur ist in diesem Jahr Präsident der Berlinale-Jury. Ein Porträt.

Filmerfolge lassen sich selbst für gestandene Branchenprofis nur schwer vorhersagen. Doch als sich im Berlinale-Wettbewerb 2008 der Vorhang schloss nach Mike Leighs Comedy-Drama „Happy Go Lucky“, zweifelte wohl niemand daran: Hier war ein Film, wie ihn sich Kino-Betreiber gerade im gehobenen „Art House“-Sektor wünschen – eine intelligente Komödie im Herzen der Realität, die Problemen im mitmenschlichen Umgang auf den Zahn fühlt, ohne diesen dann gleich auch schmerzvoll ziehen zu wollen. Am Ende hatte man einen klugen Film gesehen, und sich doch gleichzeitig köstlich amüsiert. In seinen frischen Farben wirkte der Film ausgesprochen jugendlich – und war doch das Werk eines Veteranen des sozialrealistischen Kinos.

„Life is Sweet“ heißt ein anderer von Mike Leighs bekanntesten Filmen, doch der britische Regisseur, der die diesjährige Berlinale-Jury leitet, ist nicht gerade dafür bekannt, das Leben zum Zuckerschlecken zu verklären. Leigh, aufgewachsen als Sohn eines Arztes und einer Krankenschwester in einem Arbeiterviertel nahe Manchester, war ein Zeitgenosse des politischen und künstlerischen Aufbruchs der späten Sechziger Jahre. Seinen ersten Kinofilm drehte er bereits 1971, da war er 28 Jahre alt. „Freudlose Augenblicke“ zeichnete das verstörende Porträt einer jungen Londonerin, die versucht, ihre sozialen Kontakte mit der Fürsorge für ihre geistig behinderte Schwester unter einen Hut zu bringen.

Der Realismus als Markenzeichen

Aus dem Stand gewann Leigh dafür einen Goldenen Leoparden beim Filmfestival Locarno. Dann musste er achtzehn Jahre auf seinen zweiten Kinofilm warten. In der Zwischenzeit machte er sich einen Namen mit innovativen Theater- und Fernsehinszenierungen. Schon mit siebzehn hatte er ein Stipendium an Londons berühmter Royal Academy of Dramatic Arts erhalten, davon profitierte er jetzt. Insgesamt schrieb und inszenierte Leigh 22 Bühnenstücke. Der Hunger nach Kinobildern aber blieb bestehen.

„High Hopes“, „Hohe Erwartungen“, stellte dann die Situation eines jungen Unterschichtpaares in den Mittelpunkt. Sie möchte ein Baby, er zu allererst die Lehren von Karl Marx verwirklicht sehen. Im restaurativen politischen Umfeld der Thatcher-Regierung erlebte das britische Kino eine wahre Blüte und Leigh, dessen Arbeit für eine linke Gegenöffentlichkeit stand, eroberte sich mit seinem späten Zweitling darin einen zentralen Platz. Seine Komödie, die wie die meisten seiner späteren Filme mehrere Generationen zugleich im Blick hatte, schien wie ein Ausschnitt aus dem wahren Leben. Aber keiner, auf den man noch reichlich Zucker gestreut hatte, um ihn leichter verdaulich zu machen.

Leighs auf genaue Beobachtung beruhender Realismus wurde bald zu seinem Markenzeichen. All seinen Filmen ist eines gemeinsam: Eine Lebendigkeit im Darstellerspiel, das nichts mit Starkult, aber sehr viel mit Menschenkenntnis zu tun hat.

Der Mist muss weg!

Die Methode dahinter, die Leigh in seiner Theaterarbeit entwickelt hatte, wirkte auf Filmproduzenten zunächst ausgesprochen abschreckend. Denn Leigh vertraute auf Improvisation. Für Geldgeber ist das eine höchst unsichere Größe, die lange Proben verlangt, aber kein vorhersehbares Ergebnis garantiert.

„Was wir filmen“, erklärte Leigh im Gespräch einmal, „ist sehr genau vorbereitet und geschrieben, aber entwickelt wird es aus Improvisationen mit den Schauspielern. Ich konstruiere meine Drehbücher bei den Proben, aber dann ist das Schreiben sehr wichtig. Was man in der Präzision des Augenblicks finden sollte, muss vollkommen organisch sein und in einer absoluten Wahrheit und Glaubwürdigkeit gründen. Deshalb ist die monatelange Vorbereitung so wichtig.“

Heute verfolgen viele realistische Filmemacher diese Arbeitsweise – Andreas Dresen, ein bekennender Leigh-Fan, ist das beste Beispiel, zuletzt mit seinem Film „Halt auf freier Strecke“.

Eine Begegnung mit Mike Leigh offenbart auch im Alltagsleben den Perfektionisten. Noch ehe er sich auf ein Interview einlässt, räumt er die Kulisse auf. „Beseitigen wir doch erst einmal diesen Mist!“, ruft er und stellt eine voluminöse Keramikplastik beiseite, die auf dem Tisch eines orientalisch eingerichteten Berliner Hotel-Salons steht.

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