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Berlinale: Der Filmversteher

Darren Aronofsky wird Vorsitzender der Berlinale-Jury.

Darren Aronofsky wird Vorsitzender der Berlinale-Jury.

Wenn das Verständnis für ein breites Spektrum filmischer Ausdrucksweisen die Voraussetzung für einen guten Jury-Präsidenten bei der Berlinale ist, dann hat Festivaldirektor Dieter Kosslick für das Jahr 2015 den besten Mann gefunden: Darren Aronofsky. Die sechs Filme, die der 45-jährige New Yorker bis jetzt als Regisseur gedreht hat, sind schwer auf einen Begriff zu bringen. Sie handeln zwar alle von Besessenen, von einem Mathematiker auf der Suche nach der Weltformel („Pi“), von Drogenabhängigen („Requiem for a Dream“), von einem abgehalfterten Showkämpfer auf der Suche nach einem Neuanfang („The Wrestler“) oder von einer krankhaft ehrgeizigen Ballett-Tänzerin („Black Swan“).

Aber die Art und Weise, wie Aronofsky diese Stoffe filmisch behandelt, sind enorm unterschiedlich, und das, obwohl Aronofsky wie viele Autorenfilmer meist mit derselben Mannschaft zusammenarbeitet, dem Kameramann Matthew Libatique oder dem Komponisten Clint Mansell. „Pi“, Aronofskys erster Film, den er mit der Ausgabe von Anteilsscheinen finanziert hatte, ist in rauem Schwarz-Weiß gedreht; die Drogenräusche und Entzugsqualen von „Requiem for a Dream“ dagegen in grellen Farben und extrem verzerrten Einstellungen. In dem drei Zeiten miteinander verwebenden „The Fountain“ driftet Aronofsky in hemmungslosen, glatten Esoterik-Kitsch ab, um in „The Wrestler“ einem krass verwitterten Mickey Rourke eine fast schon dokumentarisch verrottete White-Trash-Bühne zu bereiten. Und nach dem Horrorfilm „Black Swan“, der ihm seine erste Oscar-Nominierung einbrachte, ist Aronofsky mit seinem jüngsten Film „Noah“ nach Ansicht mancher Kritiker endgültig den Verlockungen des bilderbesoffenen, dröhnenden und inhaltlich fragwürdigen Hollywood-Spektakels erlegen.

Dabei ist Aronofsky, ungewöhnlich für seine Anfänge im Independent-Bereich, immer ein bildbesoffener Regisseur gewesen, den weniger die Geschichte seiner besessenen Figuren interessiert als die ausdrucksvolle Visualisierung ihrer Besessenheit – hier entwickelt er seine größte Kreativität. Vermutlich, weil er weiß, worum es geht, denn er ist selbst ein besessener Regisseur, der etwa mehrere Jahre für die Verwirklichung seines „Fountain“-Projekts gekämpft hat: Als der ursprünglich für die Hauptrolle vorgesehene Brad Pitt absprang, verloren die Produzenten schlagartig das Interesse an dem wirren Buch. Aronofsky drehte mit dem halben Budget einen inhaltlich zwar furchtbaren, aber visuell berauschenden Film. Die weibliche Hauptrolle spielte übrigens seine damalige Frau Rachel Weisz, aus einer jüdischen Familie stammend wie er; zusammen hat das Paar einen Sohn.

Immer wieder andere Bilder für dasselbe Thema – das spiegelt sich auch in Aronofskys Auftreten: mit Vollbart, Schnurrbart, ohne Bart, mit langen Haaren, adrett frisiert oder rasiert, mit Brille oder ohne. Aronofsky ist unberechenbar und kaum zu fassen, und dennoch ein Künstler von ungewöhnlich starker Eigenart.

Man kann sich bei der Berlinale auf irrlichternde Bewertungen gefasst machen.