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Berliner Firma Auticon: Autisten sind Spezialisten

Die auticon GmbH in Berlin beschäftigt Menschen mit Asberger Syndrom.

Die auticon GmbH in Berlin beschäftigt Menschen mit Asberger Syndrom.

Foto:

AKUD/Lars Reimann

Berlin -

Marko Riegel sitzt an seinem Schreibtisch bei der Berliner Firma Auticon. Er trägt, Jeans, T-Shirt, kurze Haare und um den Hals ein Hundehalsband. Vor ihm liegt aufgeschlagen ein Buch. Das Buch handelt von einer Mutter, die ihre übergewichtige Tochter zum Abnehmen bringen will. Marko Riegel überprüft es auf Fehler. Eigentlich ist es zu spät zum Korrekturlesen, das Buch ist schon erschienen. Es ist ein Test. Der Verlag hat behauptet, das Buch sei fehlerfrei. Aber allein auf den aufgeschlagenen Seiten hat Marko Riegel fünf Stellen mit Bleistift markiert. „Fehler“, sagt Marko Riegel. „Mir springen Fehler meistens ins Auge.“ Es klingt, als sei er stolz darauf. „Ich kann keinen Fehler ignorieren. Es liegt mir daran, diesen Fehler aus der Welt zu schaffen“, sagt er noch. Man ahnt, dass es auch eine Last sein kann, Fehler stets zu bemerken und sie nicht ertragen zu können.

Das in einem Altbau in der Hardenbergstraße ansässige Start-up-Unternehmen, für das Marko Riegel arbeitet, bietet Dienstleistungen im IT-Bereich an. Datenerfassung, Systemprüfungen, das Verfassen technischer Handbücher. Die sechzehn Consultants von Auticon sind Asperger-Autisten. Wie auch Marko Riegel. Er ist 36 Jahre alt und wirkt trotz seines jungenhaften Aussehens sehr ernsthaft, zurückhaltend. Die Diagnose seiner Krankheit, die als schwere Behinderung gilt, war bei ihm eine Einstellungsvoraussetzung. Bei Auticon gelten Asperger-Autisten als Spezialisten.

Ein irritierender Blick

„Wir arbeiten nicht karitativ“, sagt Dirk Müller-Remus, der Auticon Ende 2011 gegründet hat. „Viele finden es ganz toll, was wir machen, aber für unsere Kunden zählt, dass unsere Consultans die Arbeit erledigen.“ Auticon verlangt marktübliche Stundensätze, zahlt seinen Angestellten marktübliche Gehälter. Dirk Müller-Remus sagt, dass er mehr Arbeitsfelder erschließen will. Deshalb sucht Marko Riegel Fehler in einem bereits erschienenen Buch. Vielleicht wird Auticon Verlagen bald die Dienstleistung Korrekturlesen anbieten.

Aber derzeit geht es vor allem um Fehler in sogenannten Quellcodes von Computerprogrammen, diesen schier endlosen Kolonnen von Zahlen, Zeichen und Buchstaben. Das schien das Naheliegendste zu sein. Eine Grafik im Konferenzraum der Firma veranschaulicht die Idee hinter Auticon. Zu sehen sind ein blauer und ein roter Kreis. Der eine Kreis trägt den Titel „Anforderung an einen Software-Tester“, der andere ist mit „Stärken von Aspergern“ überschrieben. In den Kreisen stehen Begriffe wie Affinität zur Fehlersuche, hohe Konzentrationsfähigkeit, Präzision, Sorgfalt. Sie überlappen sich fast völlig. Asperger-Autisten und Software-Tester haben die größtmögliche Schnittmenge.

Wenn man sich mit Marko Riegel unterhält, blickt er an einem vorbei. Oder er schaut in das Buch, das vor ihm liegt. Das ist irritierend. Man überlegt, ob er überhaupt mit einem sprechen möchte. Oder vielleicht lieber weiter arbeiten würde. Asperger-Autisten vermeiden Blickkontakt, erfahren wir später. Bei Auticon weiß man das, also stört es keinen. Im Grunde funktioniert so das ganze Unternehmen. Weil man die Besonderheiten von Asperger-Autisten kennt, sind sie kein großes Problem mehr. Man kann sich auf ihre Stärken konzentrieren.

Viele kennen Asperger-Autismus nur aus dem Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman. Der Rain Man kann sich sämtliche Nummern eines Telefonbuches in einer Nacht einprägen, er gewinnt immer beim Black Jack, weil er sich alle Karten merken kann. Hoffman spielt in dieser Geschichte einen sogenannten Savant. Das sind Asperger-Autisten mit sehr speziellen außergewöhnlichen Leistungen in einem kleinen Bereich, weltweit gibt es nur circa einhundert von ihnen. Asperger-Autisten sind normal intelligent, besitzen aber aufgrund ihrer Konzentration auf Spezialinteressen oft erstaunliche Fähigkeiten. Die Medizin beschreibt Asperger-Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung. Diese sei durch Schwächen bei der sozialen Interaktion gekennzeichnet und von eingeschränkten und stereotypen Aktivitäten bestimmt. Dirk Müller-Remus sagt: „Diese Leute haben eine eingebaute Qualitätssicherungsdisposition.“

Dann er erzählt die Geschichte von den Rucksäcken, die sie gleich am Anfang für ihre Mitarbeiter haben anfertigen lassen. Sie trugen die Aufschrift Auticon. Jeder der neuen Angestellten bekam einen als Geschenk. Und dann entdeckte der eine einen Webfehler, ein anderer stellte fest, dass der Reißverschluss nicht einwandfrei schloss. Statt sich erst einmal zu bedanken und dann vielleicht vorsichtig auf die Mängel hinzuweisen, hieß es sofort, die Rucksäcke seien Schrott.

Die Anekdote zeigt, dass Autisten die Gabe haben, Fehler zu finden, und wie diese Gabe zum Problem werden kann. „Es fehlt der soziale Touch“, sagt Dirk Müller-Remus. „Im normalen Berufsleben entstehen so viele Konflikte.“ Nur etwa jeder zwanzigste der rund 250 000 Asperger-Autisten in Deutschland hat einen regulären Arbeitsplatz. Ganz allmählich scheint sich das zu ändern. Das IT-Unternehmen SAP hat jetzt angekündigt, bis 2020 mindestens 650 Menschen mit Autismus zu Softwaretestern, Programmierern und Spezialisten für Datenqualitätssicherung auszubilden.

Rund 200 Bewerbungen waren bereits Ende 2011 auf eine entsprechende Ausschreibung bei Auticon eingegangen. Alle Bewerber waren arbeitslos, Hartz-IV-Empfänger. „Dabei hatten die meisten studiert“, sagt Dirk Müller-Remus. „Und ihre Stärken sind gewaltig.“ Sie haben jeden einzelnen eingeladen, auch wenn klar war, dass er wohl nicht zu ihnen passen würde. „Die haben alle einen langen Leidensweg hinter sich, und wir wollten nicht ein weiterer Baustein in dieser Depri-Kette sein“, sagt der Firmenchef.

Marko Riegel war Frührentner, als er sich bewarb. Ein Gutachter im Jobcenter Mitte hatte ihn im Jahr 2009 für arbeitsunfähig erklärt. Das war kurz nach seiner Autismus-Diagnose. Damals war er 33 Jahre alt und auf dem Arbeitsmarkt so gut wie chancenlos.

Zwei Jahre für ein Guten Morgen

Der Bewerbungsprozess bei Auticon lief dann anders als üblich. Man dürfe nicht erwarten, dass Autisten sich und ihre Fähigkeiten offensiv verkaufen, sagt Müller-Remus. Um zu erfahren, was jemand kann, müsse man zum Beispiel fragen, womit er sich beschäftige. „Ich lese“, habe einer der Bewerber auf diese Frage geantwortet. – „Was denn?“ – „Texte.“– „Was für Texte?“ – „Gebrauchsanweisungen.“ – „Was machen Sie mit denen?“ – „Übersetzen.“ Es stellte sich heraus, dass der Bewerber sieben Sprachen konnte. Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Norwegisch und Schwedisch. Alle hatte er sich selbst beigebracht.

Dirk Müller-Remus Augen blitzen, wenn er solche Geschichten erzählt. „Ich kann es manchmal nicht fassen, dass Menschen mit solchen Begabungen derart benachteiligt sind in unserer Welt“ , sagt er. Diese Fassungslosigkeit hat einen persönlichen Hintergrund. Sein eigener Sohn ist Autist. Er habe ein absolutes Gehör und ein phänomenales Rhythmusgefühl, sagt der Vater. Er tanze und spiele Schlagzeug. Außerdem wisse er alles über BMX-Räder. Gerade habe er seine Ausbildung als Assistent für Metallographie abgeschlossen. Nun hole er das Abitur nach. Später wolle er Musikwissenschaften studieren. „Aber es hat zwei Jahre gedauert“, sagt Müller-Remus, „bis ich ihm beibringen konnte, Guten Morgen zu sagen.“

Seit er den Gedanken gefasst hatte, Auticon zu gründen, befasste sich Dirk Müller-Remus noch intensiver mit dem Thema. Er besuchte Fachtagungen, hörte Vorträge, studierte die wissenschaftliche Literatur und nahm schließlich Kontakt mit dem Autismus-Verband auf.

Auf Marco Riegels Schreibtisch liegen drei Tierbilder aus Schokoladentafeln, sie sind akkurat aufgereiht. Er überlege noch, was mit ihnen passieren solle, sagt er. Hinter ihm hängt ein Zettel. „Autistic people need each other“, steht darauf. Autistische Menschen brauchen einander. Weil er bei Auticon sein Büro mit anderen Autisten teilt, geht nicht seine ganze Energie dabei drauf, mit Kollegen zurecht zu kommen – die Mechanismen abzuspulen, die es einem Autisten ermöglichen, in der Welt der Nicht-Autisten zu funktionieren. Nicht aufzufallen. „Früher, wenn ich gelaufen bin, haben mich alle ausgelacht“, sagt er. Dann hat er gelernt, so zu laufen, dass es nicht auffällt. Er hat auch gelernt zu lächeln, wenn ihn jemand begrüßt. Es ist ein künstliches Lächeln. Das merkt man später, wenn er richtig lächelt. Was er nie gelernt hat in der Grundschule in der mecklenburgischen Kleinstadt, aus der er stammt, ist es, sich zu verabreden. Er hörte seine Klassenkameraden immer von dem erzählen, was sie nachmittags nach der Schule erlebten. „Aber es war mir ein Rätsel, wie diese Treffen zustande gekommen sind.“, sagt er. Er habe die Codes nicht verstanden.

In der Pubertät wurde es schlimmer. Er wurde ausgegrenzt, gemobbt. „Und ich hab das mit Arroganz kompensiert“, sagt Marko Riegel. Er war ein Einser-Schüler. Besser wurde es dadurch nicht. „Der Schulhof war die Hölle.“ Die vielen Menschen, der Lärm, all die Eindrücke, denen er schutzlos ausgeliefert war. Filter, wie sie die meisten Menschen besitzen, fehlen Asperger-Autisten. Man kann sich vorstellen, welche Qual ein Großraumbüro für ihn bedeuten würde. Oder ein Betriebsausflug. Bei Auticon nehmen sie Rücksicht auf die Reizempfindlichkeit ihrer Kollegen. Die Wände sind weiß, es ist still. Es gibt einen Ruheraum mit einem weißen Sofa.

Einige der Spezialisten von Auticon arbeiten nicht in Berlin, sondern bei Kunden in Düsseldorf oder München, für Vodafone, für die bayerische Landesbank. Elke Seng von Auticon ist damals mitgefahren, als ihre Consultants dort anfingen. Sie arbeitet als Coach. „Kein Händeschütteln, kein Blickkontakt, kein Schulterklopfen“, sagte sie den Nicht-Autisten. „Kleine Büros, nicht zur Hauptstraße raus, kein Neonlicht.“ Den Autisten versuchte sie, die ungeschriebenen Regeln zu erklären, wie die Hierarchien sind, wer wen grüßt. Und dass man nicht mit bunten Shorts ins Büro kommt. Es funktioniert gut. Beschämend gut, wenn man bedenkt, dass der Arbeitsmarkt diese Menschen schon aufgegeben hatte.

Nach dem Abitur ging Marko Riegel zur Bundeswehr. Das bekam ihm gut. Er reparierte dort Funkgeräte. „Ich fand es entlastend, dass es klare Vorgaben gab“, sagt er. In medizinischen Lehrbüchern heißt es, dass Asperger-Autisten ein Verständnis für sprachliche Metaphern fehle, für Redewendungen. Dirk Müller-Remus sagt: „Autisten brauchen eine klare Kommunikation.“

Bei Auticon versuchen sie, Small-Talk oder Floskeln zu vermeiden. „Das ganze soziale Geplänkel eben“, sagt Müller-Remus. „Bitte sei doch so nett oder könntest du bei Gelegenheit.“ Arbeitsanweisungen klingen bei ihnen wie Befehle: „Teste dieses Programm bis 18 Uhr.“ Die Nicht-Autisten passen sich den Autisten an. Nicht umgekehrt.

Nach der Bundeswehr ging es für Marko Riegel bergab. Er zog nach Rostock, studierte Elektrotechnik, brach ab. Er zog nach Leipzig, studierte Soziologie, Kultur- und Medienwissenschaften. „Meine Überlegung war, dass ich so vielleicht etwas über die Motivation von Menschen erfahren kann, darüber, wie das Zusammenleben funktioniert.“

Die Bass-Therapie

Er wollte die Menschen verstehen lernen. Kein Wunder, dass er das Studium enttäuschend fand. Es endete in einem Debakel. Marko Riegel, der sich in der Schule nie hatte anstrengen müssen für seine guten Noten, fühlte sich überfordert von Klausuren und Hausarbeiten. Er begann an seiner Intelligenz zu zweifeln, lebte dann von Hartz IV. Er entdeckte die Techno-Musik. „Das Repetitive, der tiefe Bass, das war eine Therapie“, sagt er. Er trat als DJ auf. Aber die Menschenmassen auf den Partys waren unerträglich. Manchmal habe er sich vor eine Lautsprecherbox gestellt. „Dann war da nur noch die Musik.“ Aber das reichte nicht. Marko Riegel begann zu trinken. Schnell und viel. „Um die Reize zu dämpfen, die Filter hochzufahren“, sagt er.

Im Internet stieß er 2008 auf eine Definition von Asperger-Autismus. Er sei überrascht gewesen, wie sehr das auf ihn zutraf, sagt Marko Riegel. Er suchte eine Spezialistin in Berlin auf. Sie stellte die Diagnose. „Am 9. Februar 2009.“ Es ist der Tag, der sein Leben veränderte. „Die Diagnose war ein Schock“, sagt er. „Und sie war eine Erleichterung.“ Er habe sich gefragt, wie alles gekommen wäre, wenn er früher eine Erklärung dafür erhalten hätte, was ihn anders macht. Zwölf Tage später begann er eine Entziehungskur, 2010 zog er nach Berlin, 2011 kam Auticon. „Das war ein Segen“, sagt er. Die Arbeit dort sei für ihn optimal. „Computer beruhigen mich.“

Auf dem T-Shirt, das Marko Riegel an diesem Tag trägt, steht F 84.5. Es würde einem nicht auffallen. Marko Riegel weist selbst darauf hin. F 84.5 ist der medizinische Code für Asperger-Autismus. Er habe das Shirt selbst gemacht, sagt er. Warum? „Das weiß ich nicht so genau“, sagt er. Es klingt abwehrend. Später gibt er eine Antwort. Es sei ein Spiel mit dem Stigma, mit der unsichtbaren Behinderung. Empfindet er Autismus als Behinderung? „Es gibt kein neutrales Wort.“ Dann sagt er, dass er lieber von Besonderheit sprechen würde.

Es ist kurz nach fünf. Feierabend. Vor Marko Riegel liegt jetzt noch eine Hürde: die Heimfahrt nach Lichtenberg. Er wird Musik hören in der S-Bahn. Techno. Das Gewusel, die Geräusche seien wahnsinnig anstrengend für ihn. „Eine Tortur“, sagt er. Die Musik schützt ihn davor. Und die anderen sehen nur einen jungen Mann mit einem Kopfhörer.



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