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Berlins Straßenbäume sind krank - jetzt droht ein Kahlschlag: Ein Pilz lässt Platanen brechen

Berlins Straßenbäumen geht es schlecht. Versiegelter Boden, Autoabgase, Leitungen in der Erde und der Klimawandel mit immer mehr Schädlingen, die es früher nicht gab, machen sie krank. Wie viele der rund 425 000 Straßenbäume geschädigt sind, wird statistisch nicht erfasst. Aber, so der Leiter des Berliner Pflanzenschutzamtes Holger Schmidt: "Krankheiten nehmen zu, weil durch die Umwelt gestresste Bäume schlicht anfälliger sind für immer mehr Schädlinge."Nahezu alle weißblühenden Kastanien der Stadt leiden unter der Miniermotte. Laut Schmidt verzeichnete man in diesem Jahr den schlimmsten Befall seit 2003, als mit der Beobachtung des Schädlings begonnen wurde. 80 Prozent der Ulmen sind von einem Pilz oder dem Ulmensplintkäfer befallen. Immer mehr Linden werden von Spinnmilben heimgesucht, was wie bei der Miniermotte zu vorzeitigem Blattabwurf führt. Und diverse Blattlaus-Arten sind längst nicht mehr nur ein ästhetisches Problem. "Vor allem stark befallene Jungbäume können dadurch im Wachstum gehindert werden, sie vergreisen und sterben ab", sagt Schmidt.Jetzt sind auch die Platanen betroffen. Viele der rund 25 000 Bäume sind von einem Pilz mit dem sperrigen Namen Splanchnonema platani befallen, der die Äste innerhalb weniger Wochen abbrechen lässt. Die Folge nennt sich Massaria-Krankheit. Beobachtet wird das Phänomen, das ursprünglich nur in Südeuropa bekannt war, in Berlin seit 2006. In Neukölln und Reinickendorf gibt es erkrankte Bäume, während die entlang der Heerstraße in Charlottenburg nicht befallen sind. Wieso, weiß bislang niemand. Holger Schmidt: "Wir wissen nicht, wie sich der Pilz verbreitet."Die meisten kranken Platanen in Berlin stehen am Treptower Park. Knapp 700 von ihnen säumen dort seit 130 Jahren die Straßen, gemeinsam mit dem Park bilden sie das wohl schönste Gartendenkmal Berlins. In Treptow-Köpenick sucht man derzeit nach Lösungen für das Problem. Unstrittig ist, dass die Bäume, die dort teilweise sogar in Doppelreihen stehen, erhalten werden sollen. Was allerdings schwere Eingriffe nötig macht. Denn gegen den Pilz, der tückischerweise zuerst die Ast-Oberseiten befällt und der daher erst sehr spät zu erkennen ist, helfen bislang nur Säge und Axt.Diese Erfahrung hat man zumindest in Mannheim gemacht. Dort wurde im trockenen, heißen Sommer des Jahres 2003 die Massaria-Krankheit erstmals in Deutschland entdeckt. Etwa 8 000 Platanen wachsen in der zweitgrößten Stadt Baden-Württembergs, vor allem die älteren sind betroffen."Wir kontrollieren seither alle Bäume drei- bis fünfmal im Jahr statt wie vorher nur einmal", sagt Markus Roeingh. Er ist in in Mannheim für Grünflächen verantwortlich. Die Platanen werden stark zurückgeschnitten - auch aus Sorge, dass morsche herabfallende Äste Menschen verletzen könnten. In einer Allee habe man den Extremschnitt gewagt und nur Stämme und Haupt-Äste stehen gelassen. Roeingh: "Das sieht zwar nicht schön aus, aber Experten haben es uns empfohlen." Der Einsatz gegen die Massaria-Krankheit hat die Stadt Mannheim bislang jährlich 200 000 Euro gekostet.Häufige Kontrollen und Rückschnitte bis zu 40 Prozent sind auch in Treptow geplant. Das in Berlin einzigartige, schützende Laubdach über der Puschkinallee wäre damit verschwunden. "Wir wollen Anwohner und Naturschutzverbände rechtzeitig mit einbeziehen, jeder soll wissen, was notwendig ist", sagt die Leiterin des Natur- und Umweltamtes Ingrid Lehmann. Debattiert wird auch, ob die Platanen-Doppelreihen zu halten sind. Sogar das Fällen prächtiger Eichen, die die Platanen bedrängen und damit weiter schwächen, ist kein Tabu.Im Sommer 2009 soll das Platanen-Rettungskonzept vorliegen. Holger Schmidt vom Pflanzenschutzamt empfiehlt eine alte Regel seiner Zunft: "Ein guter Gärtner braucht ein hartes Herz und eine scharfe Axt."------------------------------SchädlingeRund 425 000 Straßenbäume gibt es in Berlin. Hauptsächlich sind dies Linden (153 000), Ahornbäume (82 000), Eichen (36 000), Platanen (25 000) und Kastanien (21 000).Die Larve der Miniermotte zerfrisst die Blätter der Kastanie und lässt sie vorzeitig abfallen.Der Borkenkäfer legt Eier unter die Rinde von Eichen und schädigt das Wachstumsgewebe. Ähnliche Folgen verursacht der Birnbaumprachtkäfer an Weiß- und Rotdornbäumen.Spinnmilben lassen vor allem Lindenblätter welken und abfallen. Blatt- und Napfschildläuse schädigen alle Baumarten.------------------------------Foto: Das Laubdach der Platanen über der Puschkinallee. Die Bäume sind krank und müssen beschnitten werden.