30.09.2011

Kreuzberg: Neubeginn mit Ziegenkäse aus dem Spreewald

Von Karin Schmidl
Betreiber Bernd Maier, Florian Niedermeier und Nikolaus Driessen und die Händlerinnen Katharina Rottmann und Inge Wruck.
Betreiber Bernd Maier, Florian Niedermeier und Nikolaus Driessen und die Händlerinnen Katharina Rottmann und Inge Wruck.
Foto: Berliner Zeitung/ Gerd Engelsman
Berlin –  

In der Eisenbahn-Markthalle wird wieder gehandelt. Ab sofort bauen in der Markthalle Neun, wie sie jetzt heißt, Händler ihre Stände auf.

An diesem Sonnabend will Inge Wruck noch früher da sein als sonst. Kurz vor 6 Uhr wird sie die Kaffeemaschine einschalten, Rührei quirlen und Brötchen schmieren. Zur Feier des Tages sogar mit Räucherlachs, sagt sie. Wruck, die jeder rund um den Lausitzer Platz in Kreuzberg nur als Inge kennt, betreibt seit fast 25 Jahren einen Kaffeestand in der Markthalle an der Eisenbahnstraße. Dieser Sonnabend ist auch für sie etwas Besonderes: 120 Jahre nach ihrer Eröffnung wird die Halle wieder ihrem Namen gerecht: Ab sofort bauen in der Markthalle Neun, wie sie jetzt heißt, Händler ihre Stände auf. Obst und Gemüse aus Werder wird es geben, Büffelfleisch aus Werneuchen, Ziegenkäse aus dem Spreewald und Fisch aus Flüssen des Harzes.

30 Händler wollen kommen. Dass es sie in der Halle wieder gibt, ist den Anwohnern und drei jungen Berlinern zu verdanken. Denn ein Markt war das Gebäude schon lange nicht mehr, die letzten Händler zogen vor fünf Jahren aus. Seither gab es dort drei Discounter, einen Bäcker und einen Bierausschank - und Inges Kaffeestand. Im vorigen Jahr hatten die Anwohner den ersten Verkauf der Halle durch die Berliner Großmarkt GmbH (BGM) erfolgreich verhindert. Der Käufer wollte in dem Gebäudedenkmal einen Supermarkt installieren, die Anwohner aber einen Markt mit vielen Ständen. Also wurde neu ausgeschrieben und anders entschieden.

Neues Leben zieht ein

Jetzt soll neues Leben einziehen, sagt Nikolaus Driessen. Der 34-jährige Kreuzberger gehört zur Markthalle Neun GmbH. Driessen und seine beiden Freunde, die Gastronomen sind, haben Anwohner und BGM überzeugt. Für 1,1 Millionen Euro kauften sie das Gebäude, weitere gut zwei Millionen sollen investiert werden. Zunächst ist freitags 12-19 Uhr und sonnabends 9-16 Uhr Markt. Wenn die Discounter nach und nach ausziehen, wird erweitert. Die Halle soll Marktplatz, Veranstaltungsort und Treffpunkt für den Kiez werden.

Vor allem Regionales wird angeboten, von Erzeugern, die Lebensmittel als Kulturgut verstehen, so wie Katharina Rottmann. Die 48-Jährige leitet ein Back-Kollektiv in Neukölln, das Hotels, Cafés und Läden beliefert. "Ich bin gespannt, was hier am besten ankommt", sagt sie. Neugierig ist sie auch, ob ihre Preise akzeptiert werden: "Mein Brot kostet 3,40 Euro und ist damit rund 50 Cent teurer als das aus dem Supermarkt. Aber es bleibt fünf Tage frisch und ist daher werthaltiger."

Dass die Qualität von Lebensmitteln wichtig ist, man wissen sollte, wo und wie das eigene Essen produziert wird, ist das Hauptanliegen der Betreiber. Deshalb arbeiten sie auch mit Kitas und Jugendprojekten zusammen, die im Lichthof gärtnern und in der Hallenküche gemeinsam kochen sollen. Im Keller könnte es Probenräume für Bands geben, auch eine Pilzzucht ist möglich.

Außerhalb der Markttage soll es Flohmärkte oder Lesungen geben. Inge Wruck wird das Ganze von ihrem Kaffeestand aus beobachten. Sie ist etwas skeptisch, ob es wirklich "eine Halle für alle" wird, wie versprochen wird. Ein Mann an ihrem Stand sagt, was etliche denken: "Wir müssen aufpassen, dass nicht die Bionade-Bourgeosie mit Schickimicki die Oberhand gewinnt."

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