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Bonn will als Standort der Vereinten Nationen neues Profil gewinnen. Die Wissenschaft könnte der Stadt dabei helfen: Fast so bedeutend wie New York und Rom

Bunte Flaggen im Wind, Absperrgitter in der ganzen Stadt, Vorfahrt der hohen Gäste in Nobelkarossen vor dem Bundestag, ja sogar ein falscher Bombenalarm: So mancher Bonner fühlte sich im Dezember an den Glanz früherer Hauptstadt-Zeiten erinnert. Die Aufregung galt freilich nicht einem Monarchen, der sich in die Bundesstadt verirrt hatte, sondern den mehr als zweitausend Teilnehmern der vierten Wüstenkonferenz der Vereinten Nationen. Zwei Wochen lang berieten Regierungsvertreter aus rund 160 Ländern im früheren Plenarsaal des Bundestages, wie der fortschreitenden Verödung weiter Erdteile Einhalt geboten werden kann.Mit der Wüstenkonferenz präsentierte Bonn ein weiteres seiner neuen Gesichter: Die abgewählte Kapitale ist nicht nur auf dem Weg zur Wissenschaftsstadt, sie will auch "UN-Stadt" werden. Dafür sollen weltumspannende Zusammenkünfte wie das Wüstentreffen sorgen, vor allem aber eine Reihe von UN-Einrichtungen, die in den letzten Jahren ihr Quartier am Rhein aufgeschlagen haben.Bonn zum Standort der Vereinten Nationen auszubauen und so in eine Reihe mit New York, Genf, Wien, Rom oder Nairobi zu stellen, war schon unmittelbar nach dem Umzugsbeschluss des Bundestages im Frühjahr 1991 eine Lieblingsidee der Stadtoberen. Im Frühjahr 1996 konnten sie ihren ersten Erfolg feiern: Pünktlich zum fünften Jahrestag des Umzugsbeschlusses verlegten die United Nations Volunteers (UNV), das Freiwilligencorps der Vereinten Nationen, ihren Sitz von Genf nach Bonn. "Die Bundesregierung und die Stadt haben uns den Umzug sehr schmackhaft gemacht", sagt UNV-Sprecherin Nanette Braun. Der Bund überließ den UN-Mitarbeitern das am Rhein gelegene Haus Carstanjen, eine der schönsten Villen weit und breit, mietfrei als Quartier; die Stadt half bei der Wohnungssuche für die Mitarbeiter. Dennoch verlief der Umzug nicht ohne Probleme. "Längst nicht alle Mitarbeiter wollten aus Genf weg", berichtet Nanette Braun, "wir mussten hier mit vielen neuen Kollegen anfangen, so dass es mindestens ein Jahr dauerte, bis wir wieder normal arbeiten konnten." Ähnliche Erfahrungen mussten auch die anderen UN-Einrichtungen machen, die an den Rhein kamen.Ebenfalls 1996 siedelte das Ständige Sekretariat der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) von Genf nach Bonn über. Ihm folgte Anfang 1999 das Sekretariat der Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD). Hinzu kommen zwei kleinere Organisationen: das UN-Informationszentrum für Deutschland (UNIC) und eine Einrichtung, die mitunter etwas belächelt wird, vielleicht jedoch die effektivste Arbeit von allen leistet: das schon Mitte der achtziger Jahre in Bonn gegründete Sekretariat der UN-Konvention zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (UNEP/CMS). Arnulf Müller-Helmbrecht, der deutsche Sekretariatsleiter, und seine zwölf Mitarbeiter sind für den weltweiten Schutz von Fledermäusen, Weißstorchen, Meeresschildkröten, Ottern, Antilopen und anderen Wandertierpopulationen zuständig. "Eine unserer zentralen Aufgaben ist es, die Wanderungen überhaupt erst einmal zu dokumentieren", so Müller-Helmbrecht. Zu diesem Zweck arbeitet das Bonner Sekretariat mit Forschungsinstituten und Beobachtungsstationen in aller Welt zusammen, hier zu Lande unter anderem mit der Forschungsstelle für Ornithologie der Max-Planck-Gesellschaft in Radolfzell. Gemeinsam mit israelischen Kollegen entwickelten die Radolfzeller Ornithologen etwa ein satellitengestütztes Programm, um den Zug der Weißstörche zu verfolgen. "Die so gewonnenen Daten stellen wir den Vertragsstaaten der Konvention für ihre Schutzmaßnahmen zur Verfügung", so Müller-Helmbrecht. Alles in allem arbeiten in den fünf Bonner Einrichtungen inzwischen mehr als dreihundert UN-Beschäftigte. "Damit ist hier durchaus eine kritische Masse erreicht", resümiert UNV-Sprecherin Nanette Braun - und gebraucht damit exakt jenen Begriff, den ansonsten eher die Macher der Bonner Wissenschaftsregion verwenden, um den aktuellen Stand ihres Projekts zu beschreiben.Wie diese Masse noch mehr Gewicht erhalten könnte, wird derzeit in Bonn eifrig diskutiert. Eine Möglichkeit wäre die Ansiedlung weiterer und größerer UN-Organisationen, die jedoch politisch wenig wahrscheinlich ist. Weniger spektakulär, aber umso nahe liegender erscheint manchen ein anderer Weg: eine stärkere Kooperation der UN-Einrichtungen mit den zahlreichen Forschungsinstituten und Hochschulen der Bonner Wissenschaftsregion. Eben dies hatte Mitte der neunziger Jahre auch schon der NRW-Wissenschaftsstaatssekretär Gerhard Konow, der geistige Vater des Projekts "Wissenschaftsregion", vorgeschlagen. Der versammelte wissenschaftliche Sachverstand solle der Arbeit der UN-Sekretariate mehr Geltung verschaffen, was letztlich auch auf den "UN-Standort Bonn" positiv abfärbe, so Konows damaliges Kalkül.Bislang ist die Zusammenarbeit zwischen den UN- und den Wissenschaftseinrichtungen jedoch noch sehr begrenzt. Zwar untersucht das Freiwilligencorps UNV demnächst mit dem Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Bonner Universität, wie hoch in Entwicklungs- und in Industrieländern die Bereitschaft zu Freiwilligeneinsätzen der Vereinten Nationen ist. Und auf Initiative des Sekretariats für die Erhaltung der wandernden wild lebenden Tierarten entsteht derzeit ebenfalls am ZEF eine Datenbank, "in der erstmals das gesamte Wissen über die Wandertierarten gesammelt wird", so Sekretariatsleiter Müller-Helmbrecht. Doch solche Projekte sind bislang die Ausnahme. Nicht nur Müller-Helmbrecht sieht für die Zukunft "große Entwicklungsmöglichkeiten"; auch in der Stadtspitze und an der Universität will man auf verstärkte Kooperationen drängen. Und bei der Bonner Wüstenkonferenz forderte kürzlich eine Reihe regierungsunabhängiger Organisationen, das wissenschaftliche Potenzial der Region stärker für den Kampf gegen die zunehmende Erosion der Erde zu nutzen.Solchen Kooperationen dürften sich die Bonner UN-Einrichtungen jedoch erst dann verstärkt zuwenden, wenn ein anderes, drängenderes Problem gelöst ist: die Quartierfrage. Alle fünf Organisationen sind derzeit in der malerischen Villa Castarnjen untergebracht, die damit jedoch "längst aus allen Nähten platzt", so UNV-Sprecherin Braun. Die Suche nach Alternativen scheiterte bislang daran, dass sowohl die Stadt als auch die UN alle Organisationen möglichst unter einem Dach haben wollen. Seit kurzem nun ist ein Standort im Gespräch, der das ermöglichen würde und auch noch Platz für Nachzügler böte: Von 2005 an könnten die UN-Einrichtungen in den "Langen Eugen", das frühere Abgeordnetenhochhaus, einziehen.Noch sind einige Fragen zu klären. So ist etwa noch offen, wer die Asbestsanierung des Langen Eugen bezahlt. Auch muss geklärt werden, wo die jetzt dort residierenden Einrichtungen - die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung, das aus Berlin nach Bonn verlegte Bundesinstitut für Berufliche Bildung und andere Wissenschaftsorganisationen - nach einem UN-Einzug untergebracht werden sollen. Doch Bund, Land und Stadt haben bereits ihre Zustimmung signalisiert, und auch bei den UN stößt das Projekt auf Gegenliebe. Sogar einen Namen gibt es schon: Der Lange Eugen und der ehemalige Plenarbereich des Bundestages sollen zusammen den "UN-Campus Bonn" bilden. Ein Name, der Hoffnungen weckt auf eine stärkere Kooperation zwischen den UN- und den Wissenschaftseinrichtungen der Bonner Region.Vereinte Nationen // Der vierte Teil unserer Serie zur Wissenschaftsregion Bonn stellt die Einrichtungen der Vereinten Nationen (UN) vor, die in den letzten Jahren an den Rhein gekommen sind.Welche Chancen hat Bonn als UN-Stadt? Und wie wollen die UN-Organisationen mit den Hochschulen und Forschungsinstituten der Bonner Wissenschaftsregion kooperieren?In der nächsten Folge geht es um wissenschaftliche Einrichtungen, die von Berlin nach Bonn verlegt wurden.UN-Organisationen am Rhein // Fünf Einrichtungen der Vereinten Nationen (UN) mit mehr als 300 Mitarbeitern sind in den letzten Jahren nach Bonn gezogen.Das Freiwilligencorps der UN, die United Nations Volunteers (UNV), mit 130 Mitarbeitern rekrutiert weltweit Fachkräfte für Entwicklungshilfeprojekte und für humanitäre Einsätze.Infos: www. unv. org Das Ständige Sekretariat der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) soll mit 130 Mitarbeitern für die Umsetzung des 1992 auf dem Umweltgipfel in Rio verabschiedeten Abkommens gegen die globale Erwärmung sorgen.Infos: www. unfccc. de Das Sekretariat der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) soll dem Abkommen gegen die Verödung der Erdoberfläche Geltung verschaffen. In Bonn arbeiten 40 UN-Beschäftigte.Infos: www. unccd. de Das Sekretariat der UN-Konvention zur Erhaltung der wandernden lebenden Tierarten (UNEP/CMS) mit 12 Mitarbeitern ist für den Schutz von Wandertierarten zuständig.Infos: www. unep-wcmc. org Das UN-Informationszentrum (UNIC) ist eines von weltweit siebzig Büros für Öffentlichkeitsarbeit der Vereinten Nationen.Infos: www. uno. de TRANSPARENT/BERND SCHULLER (2) Alle fünf in Bonn vertretenen UN-Organisationen sind in der "Villa Carstanjen" untergebracht. Weil es dort zu eng wird, sucht man nach einer neuen Bleibe."Große Entwicklungsmöglichkeiten" sieht Arnulf Müller-Helmbrecht, Leiter des UN-Sekretariats zur Erhaltung von Wandertierarten, wenn es um die Kooperation mit Bonner Wissenschaftlern geht.