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DDR Verkehr Jubiläum: 30 Jahre Transitautobahn nach West-Berlin

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Dieter Dahse vor seinem Gasthaus in Glövzin an der B5, das er zusammen mit seinem Bruder führt.
Dieter Dahse vor seinem Gasthaus in Glövzin an der B5, das er zusammen mit seinem Bruder führt.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann
Glövzin –  

Schokolade werfende Fernfahrer, Nobelkarossen und einmal Luxusgüter für das ganze Dorf – Dietmar Dahse erinnert sich gern an seine Kindheit an der Transitstraße von Hamburg nach West-Berlin vor der eigenen Haustür. Als am 20. November 1982 die Transitautobahn eingeweiht wurde, war damit Schluss.

In weißer Küchenschürze sitzt Dietmar Dahse in seinem Gasthaus in der Ortschaft Glövzin, zwischen Perleberg und Karstädt in der Prignitz. Nur wenige Meter trennen ihn von der Bundesstraße 5, die früher Fernverkehrsstraße 5 hieß und direkt am Gasthaus vorbeiführte. Wer in den 60er- und 70er-Jahren von Norddeutschland nach West-Berlin wollte oder von West-Berlin nach Hamburg, der kam zwangsläufig auf der Transitstrecke auch durch Glövzin. Der 53-jährige Dahse kann sich gut an diese Zeit erinnern.

„Wir haben die Farben der Westautos geliebt und die bunte Reklame auf den Lkw“, erinnert er sich. „Auch vom Schulhof konnten wir die Straße sehen, und in der Pause haben wir uns jeder eine Westautomarke ausgesucht und derjenige, der am meisten Autos von seiner Marke zählen konnte, hatte gewonnen.“

Fernfahrer werfen Weihnachtsmänner aus dem Fenster

Nicht nur der Personentransitverkehr rollte über die Fernstraße, sondern auch riesige Mengen an Versorgungsgütern für West-Berlin, Tag und Nacht. Nachts ab drei Uhr wurde es richtig laut, wenn die ersten Lkw durch das Dorf rumpelten, um morgens in West-Berlin anzuliefern. Besonders dicht war der Verkehr rund um die Feiertage – sehr zur Freude von Dietmar Dahse, seinen Geschwistern und den anderen Kindern im Dorf, die längst an den Lärmpegel gewöhnt waren und ein einträgliches Hobby erfunden hatten: Westlerwinken. Sie zogen ihre ältesten Klamotten an, stellten sich an die Straße und winkten den Fahrern in den Westautos zu. Viele reichten oder warfen Osterhasen und Weihnachtsmänner aus dem Wagen.

Anhalten nur in Quitzow erlaubt

Anhalten, sich die Dörfer anschauen oder gar mit DDR-Bürgern ins Gespräch kommen durften die Transitfahrer auf der Strecke nicht. Die einzige zum Anhalten offiziell vorgesehene und eingerichtete Stelle war die Raststätte Quitzow, mit eigenem Intershop, fünf Kilometer östlich von Glövzin.

Es war ein aufregender Ort für Dietmar Dahse und seine Freunde. „Alles, aber auch alles aus dem Westen war spannend für uns“, erinnert sich der Gastwirt. Vor der Raststätte inspizierten die Jugendlichen den Westmüll in den Abfalleimern, holten die leeren Zigarettenschachteln und Bierdosen heraus. „Die haben wir ganz sorgfältig geglättet, gesammelt und untereinander getauscht.“

In der Raststätte saßen nicht nur Reisende, sondern auch Mitarbeiter der Staatssicherheit, die überwachen sollten, dass sich keine Kontakte zwischen Ost und West anbahnen. Alle indirekten Kontakte konnten sie nicht verhindern. „Wenn die Lkw-Fahrer aus dem Westen ihre Zeitung ausgelesen hatten, dann legten sie die oft dezent auf einem Stuhl ab und schoben den nah an den Tisch heran, damit sie nicht gleich zu sehen war und jemand sich die mitnehmen konnte.“

Überversorgung mit West-Kaffee

Eine Nacht ist Dietmar Dahse besonders in Erinnerung geblieben. Ein lauter Knall weckte ihn gegen drei Uhr auf. Er rannte hinaus. Blechdosen mit Kaffee rollten über die Straße bis vor seine Haustür. Ein Lkw aus Hamburg war von der Fahrbahn abgekommen, die Plane der Ladefläche aufgerissen. „Meins ist es ja auch nicht“, sagte der Fahrer und riss auch noch den letzten Fetzen Plane, der die restlichen Dosen im Lkw-Inneren hielt, herunter. Monatelang war Glövzin überdurchschnittlich gut mit dem teuren Genussmittel versorgt.

Mit sechzehn begann Dietmar Dahse eine Bäckerlehre bei seinem Onkel in Karstädt, gleich neben dem bei den Transitfahrern wohl am meisten gefürchteten und gehassten Nadelöhr: dem Bahnübergang. „Das war wirklich grausam“, sagt Dietmar Dahse, „zwölf Stunden des Tages waren die Schranken wohl zu, und manchmal stauten sich die Autos kilometerweit auf bis nach Perleberg.“ So mürbe und hungrig machte das den einen oder anderen Reisenden, dass er oder sie auf die Vorschriften pfiff, in die Bäckerei rannte, ein paar Westmünzen auf die Theke knallte und sich schnell wieder mit einem Stückchen Kuchen ins Auto verzog. Von Hamburg nach West-Berlin mussten die Transitfahrer mit fünf bis sechs Stunden Reisezeit rechnen. Ein Zustand, der nach Abhilfe verlangte: einer deutsch-deutschen Autobahn.

Mercedes oder Ratte auf der Schulter

Am 20. November 1982 gaben Bundesverkehrsminister Werner Dollinger und DDR-Verkehrsminister Otto Arndt gemeinsam die Autobahn frei. Die Transitfahrer atmeten auf. Die Fernverkehrsstraße 5 wurde nun für den Transitverkehr gesperrt, die bunten Reklamen verschwanden.

Um weiterhin einen Hauch westliches Flair zu erleben, fuhren Dietmar Dahse und seine Freunde zur neuen Autobahn, zur Raststätte Stolpe. DDR-Bürger zahlten dort mit Ost-Mark, die Transitfahrer mit West. „Für uns war das ganz großes Kino, wenn da Leute total schick oder wiederum total abgeranzt mit einer Ratte auf der Schulter reinkamen, oder wir lässig mit dem Trabbi beim Tanken in der Schlange zwischen einem Mercedes und einem BMW standen“, sagt Dietmar Dahse, „der Transitverkehr hat für uns einfach dazugehört und unser Leben bunter gemacht.“

Nach der Wende haben Dahse und sein Bruder den Familienhof umgebaut und das Dorfgasthaus dazu gekauft: Mit Grillhaus, Biergarten, Restaurant, Hotel und Kegelbahn betreiben sie heute geradezu Erlebnisgastronomie in der Prignitz. Die ehemalige Transitstrecke bringt ihnen Gäste aus der Umgebung, am Wochenende auch aus Norddeutschland und Berlin.

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