13.12.2011

Gegen Ärztekorruption: Der Unbestechliche

Von Jens Blankennagel
        

Das werbefreie Arztzimmer: Bei Thomas Lindner sind keine Firmenlogos auf den Kugelschreibern, auch nicht auf  Kalendern, Notizblöcken, Terminzetteln.
Das werbefreie Arztzimmer: Bei Thomas Lindner sind keine Firmenlogos auf den Kugelschreibern, auch nicht auf Kalendern, Notizblöcken, Terminzetteln.
Foto: Jens Blankennagel
HENNIGSDORF –  

Thomas Lindner ist einer von landesweit drei Ärzten, die keine Pharmavertreter mehr empfangen. Die Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte nennt sich "Mezis", was für „Mein Essen zahle ich selbst“ steht.

Im Wartezimmer steht ein prächtig geschmückter Weihnachtsbaum – also alles ganz normal in der Praxis des Dialysearztes Thomas Lindner in Hennigsdorf (Oberhavel). Doch auf den zweiten Blick fallen ein paar Unterschiede auf: Es fehlen die üblichen Aufsteller mit aufgedruckten Namen von Pharmafirmen, es fehlen die vielen Flyer, mit denen die Hersteller die Vorzüge ihrer neuesten Medikamente anpreisen – hier fehlt die Werbung.

Nur der Tannenbaum wirbt für Weihnachten und auf einem Tischchen liegen Visitenkarten einer örtlichen Firma, die Patienten zu Arztpraxen fährt. Das weitgehend werbefreie Wartezimmer ist Absicht. Reklame für Medikamente ist in der Praxis tabu, denn Thomas Linder ist ein Überzeugungstäter – ein Mezis.

Durchlaufstation im positiven Sinne

Die Abkürzung steht für „Mein Essen zahle ich selbst“. So nennt sich eine „Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte“. Bundesweit sind 280 Mediziner dabei, in Brandenburg sind es drei. „Um die Relation klar zu machen“, sagt Lindner, „bundesweit gibt es 140.000 niedergelassene Ärzte.“ Und viele hätten nichts dagegen, wenn sie von der Pharmaindustrie in schöne Hotels zu Ärztestammtischen eingeladen werden. Dort werde ihnen nicht nur von den Wunderkräften der neuesten Arzneimittel vorgeschwärmt. „Natürlich gibt es auch gutes Essen – auf Kosten der Pharmafirmen“, sagt der 62-Jährige. „Bei diesen Fachvorträgen, die von Werbung nicht zu unterscheiden sind, essen wir nichts oder zahlen selbst.“ So entstand auch der Name der Initiative. Er gehe vor allem zu den Treffen, um bei den Vorträgen kritisch nachzuhaken, um „zu stänkern“ – und so vielleicht ein paar Kollegen zum Nachdenken zu bringen.

Wolfgang Wodarg vom Vorstand der Anti-Korruptionsvereinigung Transparancy International lobt die Mezis-Ärzte als Vorbilder, weil sie nicht den Verlockungen des Geldes erliegen. „Deshalb arbeiten wir mit ihren zusammen.“

Lindners Praxis ist eine Durchlaufstation im positiven Sinne. Hier werden täglich Leben gerettet: Jeder seiner 50 nierenkranken Dauerpatienten kommt alle drei Tage vorbei, legt sich für vier Stunden auf eine Liege neben ein Dialysegerät und lässt sich das Blut reinigen, weil die defekten Nieren dies nicht mehr selbst erledigen können. 17 Patienten können pro Schicht auf den zwei Etagen behandelt werden. In der Praxis arbeiten drei Ärzte, zehn Schwestern und zwei Sprechstundenhilfen in vier Schichten.

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