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KZ-Gedenkstätte: Leid und Lebensmut

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Ministerpräsident  Matthias Platzeck (SPD, l.) Annette Chalut (2. v. l.) in der Gedenkstätte Ravensbrück. Chalut ist eine Überlebende des Konzentrationslagers.
Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD, l.) Annette Chalut (2. v. l.) in der Gedenkstätte Ravensbrück. Chalut ist eine Überlebende des Konzentrationslagers.
Foto: dpa

Die neue Dauerausstellung im früheren Frauen-KZ Ravensbrück zeigt auch, wie Gefangene einander halfen und wie sich dieses KZ von anderen Konzentrationslagern unterschied.

Sie sah sie noch ein einziges Mal wieder, bevor die Mutter im Lager an Tuberkulose starb. „Dieses Bild hat sich mir fürs ganze Leben ins Herz geschnitten“, erinnerte sich Stella Kugelmann viele Jahre später.

In Ravensbrück sorgten Häftlingsfrauen aus mehreren Ländern für das kleine Mädchen, unter ihnen Antonina Nikoforowa, eine russische Ärztin.

Die Geschichte der „Lagermütter“, die unter Gefahr für das eigene Leben noch Schwächere beschützten, wird in der neuen Dauerausstellung in der Gedenkstätte Ravensbrück bei Fürstenberg (Oberhavel) dokumentiert. Es ist eine der anrührendsten Stationen auf dem Rundgang durch das Gebäude der früheren SS-Kommandantur.

Und eine der zentralen: Denn die Fürsorge unterschied das Frauenlager Ravensbrück von anderen Konzentrationslagern, wie die Gedenkstättenleiterin Insa Eschebach sagt: „Das ist uns aus Männerlagern nicht in dieser Form bekannt.“ Kinder wurden regelrecht adoptiert von Mithäftlingen, es bildeten sich sogenannte Lagerfamilien aus fünf bis zehn Frauen, die sich umeinander kümmerten.

Eschebach und Alyn Beßmann, die mit Unterstützung von rund 30 Wissenschaftlern die Ausstellung entwickelten, haben viel Neues zutage gefördert. Die verschiedenen Häftlingsgruppen werden gezeigt, ihr Alltag im Lager, ihre Ausbeutung bei der Zwangsarbeit für lokale Firmen, in KZ-Bordellen und in der Rüstungsproduktion. In einer eigens errichteten Zweigstelle von Siemens & Halske mussten die Frauen Armee-Telefone herstellen, eines ist in der Ausstellung zu sehen.

In manchen Vitrinen liegen Zeichen der Hoffnung und des Willens der Gefangenen, sich nicht der Gewalt und der Verrohung zu ergeben: Ein aus einem Kirschkern geschnitztes Körbchen als Geschenk oder eine feine Nagelschere. Die verwahrte die Luxemburgerin Yvonne Useldinger sicher, „damit keiner Selbstmord tun konnte“, wie sie berichtete. Useldinger, über 90 Jahre alt, stellte das Utensil für die Ausstellung zur Verfügung.

Fast jede vierte Insassin starb

Andere Räume zeigen das tägliche Grauen, die Willkür und das Sterben im Lager. Von den 132 000 Frauen und mindestens 900 Kindern aus ganz Europa, die die Nazis in Ravensbrück registrierten, kamen laut Eschebach bis zu 30 000 ums Leben. Auch im Männerlager mit 20 000 Insassen und im angrenzenden „Jugendschutzlager Uckermark“ mit 1 000 als „unerziehbar“ geltenden Mädchen gab es zahlreiche Tote durch Hunger, Krankheiten und Misshandlungen. Hinzu kamen medizinische Experimente an Gefangenen und eine provisorische Gaskammer, in der die SS noch kurz vor Kriegsende mehr als 5 000 Frauen ermordete.

Wie bieder mutet angesichts dieser Kontraste aus Lebensmut und Leiden das Büro des damaligen SS-Kommandanten an. Ein Bild zeugt von dieser Banalität des Bösen, wie es Hannah Arendt nannte: Der Herr über das Konzentrationslager hatte eine geschmiedete Lampe, Teppichboden und vom Schreibtisch aus einen schönen Blick auf den Schwedtsee und die Stadt Fürstenberg. Das Gebäude, das die Ausstellung beherbergt, wird so zu deren Teil: Hier saßen die Beamten, die das Schicksal der Häftlinge verwalteten.

Ravensbrück habe als letzte der großen KZ-Gedenkstätten in Deutschland eine wissenschaftlich aktuelle und formal moderne Ausstellung erhalten, so Eschebach. Die 2000 begonnene Neukonzeption ist damit vorerst abgeschlossen, rechtzeitig zum 68. Jahrestag der Befreiung am 30. April. Die Gedenkveranstaltung dazu wurde am Sonntag mit der Ausstellungseröffnung verbunden, an der 50 Überlebende sowie Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck teilnahmen. Die Dokumentation werde dazu beitragen, sagte er, „der fatalen Bequemlichkeit des Vergessens und Verdrängens zu widerstehen“. Eschebach hofft, dass die Zahl der Besucher von derzeit rund 100 000 im Jahr dank der neuen Ausstellung erheblich steigt.

Ravensbrück sei kein Vernichtungslager wie etwa Auschwitz gewesen, sagt sie. Doch habe sich der Charakter des KZ während seines Bestehens von 1939 bis 1945 stark verändert. Die Berichte von Überlebenden, ein wichtiger Teil der Ausstellung, unterscheiden sich auch deshalb sehr voneinander. Die Jüdin Rosi Forsberg, die Ende 1944 mit 16 Jahren nach Ravensbrück kam und hier zwangssterilisiert wurde, schrieb: „Ich habe keine Freundschaft oder Solidarität erlebt.“

Stella Kugelmann überlebte dank der Hilfe von Nina Nikoforowa, deren Adoptivsohn sie später heiratete. Sylvia von Otten hatte keine Chance. Sie kam in Ravensbrück zur Welt und lebte nur vier Wochen. Ihr Babyhemd, das die Mutter nach der Befreiung hütete, liegt nun in einer der Vitrinen.

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