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Bürgerenergie Berlin gegen Vattenfall: Gegen den Strom

Jung und rebellisch – Luise Neumann-Cosel vor dem Vattenfall Heizkraftwerk in Berlin-Mitte.

Jung und rebellisch – Luise Neumann-Cosel vor dem Vattenfall Heizkraftwerk in Berlin-Mitte.

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BLZ/Markus Wächter

Berlin -

Die Rebellin zieht den Handschuh aus, bevor sie grüßt. Sie entschuldigt sich höflich, bevor sie unterbricht. Und jetzt kocht sie dem Besucher erst einmal einen Tee.

Luise Neumann-Cosel stellt die Tassen auf den Tisch, setzt sich und sagt: „Der Plan ist so verrückt, dass er klappen könnte.“ Verrückt. Ja, so könnte man das nennen, wenn ein Häuflein Rebellen gegen einen Energiegiganten antritt. 50 Freiwillige gegen 30.000 Beschäftigte. Acht Millionen Euro zusammengesammelter Genossenschaftsgelder gegen 20 Milliarden Euro Jahresumsatz. Eine Berliner Bürgerinitiative gegen den Stromkonzern Vattenfall. Geht der verrückte Plan auf, gehört den Rebellen das Stromnetz Berlins.

Hat die Rebellion eine Chance?

Sie hat eine 27-jährige Anführerin. Luise Neumann-Cosel.

„Das Verrückte macht ja den Charme aus. Auch für die Öffentlichkeit: Junge Frau gegen großen Energiekonzern.“ Die Geoökologin Luise Neumann-Cosel ist Vorstand und Mitbegründerin der „Bürgerenergie Berlin“. Vor allem aber ist sie deren Gesicht. Ein Gesicht mit Nasenpiercing, das viel lächelt und jung ist und offen. Ein Gesicht, das sich im Fernsehstudio ebenso gut macht wie auf der Bühne einer Anti-Atom-Demo.

Vattenfall hat kein Gesicht. Nur ein schlechtes Image. Bisher scheint das den Konzern nicht zu kümmern. Schließlich geht es nicht um Sympathie, sondern darum, wem der Senat zutraut, das Netz künftig zu betreiben. Ende 2014 läuft der derzeit gültige Vertrag aus. Partner der Stadt war in den vergangenen zehn Jahren Vattenfall. Erfahrung und Geld. Was soll da schiefgehen?

Im Hauptquartier

„Wenn sie merken, dass wir gefährlich werden, fahren sie andere Geschütze auf“, sagt Luise Neumann-Cosel. An der Wand hinter ihr hängen Lagepläne. Darin Stecknadeln, darunter Beschreibungen wie „110-kV-Verteilungsnetz Berlin“. Daneben das Organigramm der Bürgerenergie: Aufsichtsrat, Generalversammlung, AG Büro, AG Campaigner, AG Produktion ...

Geschütze, Lagepläne, Organigramme. Als wäre man im Hauptquartier einer Armee.

Im Hinterhof eines alten Fabrikgebäudes im Wedding liegt das Hauptquartier der Bürgerenergie. Die Räume gehören der Firma eines Unterstützers. Zwei Computer auf Schreibtischen, ein Konferenztisch, der von Regalen voller Prospekte umstellt ist. An einem der vielen nasskalten Berliner Herbstabende sitzen ein paar der Aktivisten dort vor Laptops, Kuchen und Biotee. Angela, die beruflich Veranstaltungen organisiert. Christoph, der eine Kneipe betreibt. Ein Student der Ingenieurswissenschaften im Kapuzenpulli. Ein anderer, der Bart trägt und etwas mit Energie studiert. Dazwischen Luise Neumann-Cosel im senfgelben Pulli. Am Wochenende soll ein Diskussionstag zum Stromnetz stattfinden. Luise Neumann-Cosel sagt: „Die Uni will jetzt doch Geld für die Räume. Aber ich könnte billig Hocker von meinem Chor ausleihen.“ Christoph fragt: „Wer wäre hier, wenn die am Freitagmorgen geliefert würden?“ Luise Neumann-Cosel kaut auf einem Stift. „Im Zweifel ich. Ich schlaf hier.“ Sie grinst. Als nächstes geht es um Brezeln und Beamer. Darum, wer die Garderobe macht und wer den Soundcheck. „Gehen geht alles“, sagt Christoph. „Gehen geht alles“, äfft Luise Neumann-Cosel nach. Nächster Punkt.

Eine Rebellion per Liste? Punkt um Punkt um Punkt? Keine Gewehrläufe, Prügeleien, Sitzblockaden? Früher hatte Protest immer mit Gewalt zu tun. Weil es um Macht ging und gegen die Mächtigen. Bei der Bürgerenergie ist Peter Altmaier Genosse. Den CDU-Umweltminister kennt Neumann-Cosel von einem TV-Auftritt, bei dem sie um Mitglieder warb, um so das Geld für das Stromnetz aufzutreiben. Altmaier trat begeistert bei, vor den Kameras. Wenn die Mächtigen den Protest umarmen, ist er dann nicht tot?

Ist sie zu nett?

„Natürlich wollen uns Politiker vereinnahmen.“ Luise Neumann-Cosel lächelt. Ist sie zu nett? „Es geht nicht um Krawall oder Höflichkeit. Sondern um den angemessenen Weg.“ Die 68er würden sagen, dass Veränderung nur mit Krawall kommt. „Unsere Eltern wollten das System aushebeln. Ich habe lieber ein konkretes Ziel. Es geht darum, wo wir als Bürgergesellschaft etwas verändern können.“

Angemessen handeln, konkrete Ziele setzen, Beruf und Engagement vereinen. Klingt wie ein Karriere-Ratgeber. Wie junge Menschen heute eben klingen. Die Geschichte von Luise Cosel-Neumann und ihrem Engagement ist auch die Geschichte einer Generation. Von Kindern, die pragmatischer sind als die Eltern. Die nur mit Worten erzogen wurden und deshalb glauben, dass eine Liste ein System verändern kann. Und schockiert sind, wenn dieses System nackte, brutale Macht benutzt.

Luise Neumann-Cosel hat das erlebt. „Ich wollte nur auf diese eine Demo nach Gorleben. Und was dann kam, hat mich umgehauen.“ Vor etwa zehn Jahren war das, gerade 17 war sie da. Geboren im bürgerlichen Charlottenburg, aufgewachsen im bürgerlichen Zehlendorf. Eine Freundin hatte gefragt, ob sie mit wolle zur Demonstration gegen den Castor. Ihr Vater war kurz zuvor verstorben. Gorleben, Atomkraft, Politik – sie hatten keine Zeit mehr, darüber zu reden. Die Mutter fand die Fahrt ins Wendland zu gefährlich. Zwar waren beide Eltern gewerkschaftlich engagiert, aber Gorleben, das ist etwas anderes, sagte die Mutter. Und behielt recht.

Kilometerlange Schlangen gepanzerter Polizisten, Hubschrauber. „Eine Demonstration von Polizeistaatsmacht, eine düstere Stimmung und ein krasser Kontrast zu der Freundlichkeit der Bevölkerung.“ Luise Neumann-Cosel wurde Teil der Anti-AKW-Bewegung, arbeitete für „Ausgestrahlt“ und als Sprecherin eines Anti-Castor-Netzwerks. „Ohne Lobbymacht etwas bewegen können. Das ist mein Weg. Der schützt mich vor Verzweiflung.“

Marzipan und Strompreise

Ein paar Tage nach der Bürgerenergie-Sitzung steht sie in einem Kinosaal am Hackeschen Markt vor der Leinwand und hält einen Holzrahmen, an dem kleine blaue, grüne, rote Ritter-Sport-Schokoladentafeln hängen. Ein Schoko-Rechenschieber. Selbst gebastelt, gemeinsam mit jener Frau, die jetzt hier per Schieber die Strompreise erklärt. „Die Stadt zahlt 150.000 Euro an den Energieversorger.“ Marzipan wandert von links nach rechts. „Dafür verdient die Stadt im ersten Jahr 20 000 Euro.“ Nougat rutscht von rechts nach links. Marzipan und Strompreise. Die Zuschauer versinken in den Sesseln.

Die blonde Frau am Rechenschieber heißt Eva Stegen und ist seit den Achtzigerjahren in der Anti-AKW-Bewegung aktiv. „Tschernobyl war mein Hallo-Wach-Moment.“ Jetzt arbeitet Stegen für die EWS, die Elektrizitätswerke in Schönau. Das Schwarzwalddorf machte Schlagzeilen, weil es sein Stromnetz kaufte. Es gibt einen Film darüber, den sie gerade zur Einstimmung gezeigt haben. Darin kämpfen Menschen mit Rauschebärten und schwerem Akzent gegen CDU und Stromkonzerne. Erst gibt es einen Tschernobyl-Infostand auf dem Marktplatz, dann eine Kampagne für die Übernahme des Netzes. Am Ende sitzen die Rauschebärte in Büros und verkaufen selbstproduzierten Ökostrom in die ganze Republik. Aus Kämpfern gegen die Atomkraft werden Strom-Unternehmer, Manager der Energiewende.

Seit sie die Idee hatte, tauscht Luise Neumann-Cosel sich mit den Schönauern aus, einer von ihnen sitzt im Aufsichtsrat der im Dezember 2011 gegründeten Bürgerenergie. Schließlich sind die Ziele die gleichen. Mit einem Unterschied: Schönau hat weniger Einwohner als ein mittlerer Berliner Straßenzug.

Realistisch eine halbe Milliarde

Im Kino meldet sich eine Frau: Wie viel das Netz koste? „Zwei Milliarden“, sagt Luise Neumann-Cosel. „Behauptet Vattenfall.“ Realistisch sei eine halbe Milliarde. „Und wenn wir mit Berlin kooperieren würden, müssten wir nur 49 Prozent des Netzes übernehmen. Davon 60 Prozent Eigenkapital, etwa 150 Millionen Euro, der Rest Kredite.“ Kooperieren sie mit einer Bank, fragt eine weißhaarige Dame. Mit einer nachhaltigen Genossenschaftsbank, sagt Luise Neumann-Cosel. „Ab 500 Euro können sie Genossin werden – mit voraussichtlich drei Prozent Rendite.“

Wie lange läuft so ein Stromvertrag, will ein Mann wissen. „20 Jahre, deshalb müssen wir das Netz jetzt unter demokratische Kontrolle bringen. Energie ist Daseinsvorsorge.“ Außerdem könne man so weg von Kohle und Gas. Nächste Frage: Wie viele Mitbewerber? Antwort: Fünf, auch aus Holland. „Aber bei der Vergabe spielen politische Aspekte eine Rolle. An einem holländischen Konzern kommt der Senat vorbei. An uns nicht.“ Dann redet Luise Neumann-Cosel noch über das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das sie nur EEG nennt, und über Blockheizkraftwerke, die sie nur BHKW nennt, und mit jedem Wort scheint es weniger verrückt, dass eine junge Frau mit Schoko-Rechenschieber das Stromnetz übernehmen könnte.

Ein Dutzend neuer Unterstützer gewinnt sie an diesem Abend. Später erzählt Eva Stegen, dass Luise Neumann-Cosel nicht nur ein Riesenwissen habe. „Ihr größter Vorteil ist, dass sie trotz alldem unterschätzt wird. Weil sie eine junge Frau ist.“

Im Hauptquartier ein paar Tage später sagt Luise Neumann-Cosel, sie hasse es, oft erst mit Fachbegriffen um sich werfen zu müssen, um ernst genommen zu werden. „Das wäre mit Anzug und Wohlstandsbauch anders.“ Dafür lieben die Medien ihr Gesicht. „Nur steht in jedem Artikel, dass ich ein Nasenpiercing habe. Ich war schon auf Kongressen als eine Art buntes Abendprogramm vorgesehen.“ Aber sie war auch zwei Mal bei Maybrit Illner. Ein Mal als Aktivistin im Kapuzenpulli, einmal für die Bürgerenergie im Sakko und geschminkt. „Man kriegt eine Rolle zugewiesen. Und ich bin nicht gut genug, um da auszubrechen.“

Vielleicht unterschätzt man Luise Neumann-Cosel nicht nur, weil sie eine junge Frau ist. Sondern auch, weil sie sich so benimmt. Nachdenklich statt breitbeinig. Es ist ein Samstagmorgen, Neumann-Cosel steht in Mütze, Handschuhen und mit einem Zettelstapel vor einem grünen Stand der Bürgerenergie. Daneben bietet eine Behindertenwerkstätte Bio-Gemüse an. Schräg gegenüber gibt es Waffeln aus Bio-Dinkel und fairen afrikanischen Espresso. Dazu gesellen sich die Gärtnerei Apfeltraum und ein Junge mit Gitarre und Mutmachliedern. Der Biomarkt auf dem Chamissoplatz. Ein Stück Kreuzberg, wo rot-schwarze Anarchoflaggen aus sanierten Altbauten hängen.

Mühen der Ebene

„Wollen Sie ein Stück Stromnetz kaufen?“ Luise Neumann-Cosel tänzelt auf eine Frau mit rot gefärbten Haaren zu, lächelt, streckt ihr einen Zettel entgegen. Die Frau hebt die Hände, läuft etwas schneller und ruft: „Ich will nirgendwo Mitglied werden!“ Luise Neumann-Cosel zuckt mit den Schultern. Eine andere Frau läuft vorbei, auf ihrer Jacke ein Button: I love the Arctic – Greenpeace.

„Wollen Sie ein Stück Stromnetz kaufen?“

„Ich habe schon Ökostrom“, sagt die Frau und geht weiter.

Luise Cosel-Neumann lässt die Zettel sinken. Ätzend sei das, den Leuten etwas anzudrehen. „Superätzend. Zwei Stunden und ich habe die Schnauze voll.“ Auch eine Rebellion kennt die Mühen der Ebene.

Ein Mann baut sich vor ihr auf. „Davon wird mein Strom auch nicht billiger!“

„Das haben wir auch nie behauptet.“ Luise Neumann-Cosel versucht ein Lächeln. Ein Herr mit weißem Schnauzer stößt dazu, fragt: „Guten Tag, wollen Sie für den Erhalt des Tempelhofer Feldes unterschreiben?“ Er hält ihr eine Liste unter die Nase. Luise Neumann-Cosel seufzt, unterschreibt und wendet sich wieder dem anderen Mann zu. Der schimpft gerade über Windräder und Wärmedämmung. Sie sagt: „Ich wollte Sie eben nicht abwürgen. Entschuldigen Sie bitte.“ Der Mann starrt sie an. „Äh, nein, in Ordnung, schön mit Ihnen zu reden.“

Ringe unter den Augen

„Wollen Sie ein Stück Stromnetz?“ Sie lächelt.

Als Luise Neumann-Cosel das letzte Mal in Gorleben war, da unterhielt sie sich zuvor mit ihrer Mutter darüber, warum die Proteste so wichtig sind. Nach dem Gespräch fuhr die Mutter mit. In einem Bus mit Tante und Onkel. Mittlerweile sind Mutter und Schwester auch Bürgerenergie-Genossinnen.

„Ich habe übrigens doch mal mit meinem Vater über Politik geredet. Acht Jahre war ich und hatte aufgeschnappt, dass das Öl bald alle ist. Ich fragte: Was machen wir dann? Da leben wir eh nicht mehr, war seine Antwort. Und da begriff ich, dass die keine Lösung haben.“

Luise Neumann-Cosel schaut aus dem Fenster ihres Hauptquartiers in fahles Herbstlicht. Man kann Ringe unter ihren Augen sehen. „Müssen eben wir ran“, sagt sie.


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