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Bürgerkrieg in Syrien: Dschihadisten mit Milan-Raketen

Der Linken-Abgeordnete Jan van Aken begutachtet eine deutsche Milan-Waffe im von Kurden kontrollierten Norden Syriens.

Der Linken-Abgeordnete Jan van Aken begutachtet eine deutsche Milan-Waffe im von Kurden kontrollierten Norden Syriens.

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Berliner Zeitung/Frank Nordhausen

KAMISCHLI -

„Sie bringen uns den Tod mit deutschen Waffen.“ Jan van Aken zuckt zusammen, als er den Satz des kurdischen Kommandanten hört. Es ist ein Januartag, der Linken-Bundestagsabgeordnete besichtigt ein Ausbildungslager kurdischer Milizen in Nordsyrien. Der 51-Jährige ist nach Syrien gefahren, um sich ein eigenes Bild zu machen. Am Rand der Großstadt Kamischli sind 200 Freiwillige angetreten. Mit Kämpfern wie diesen ist es den Kurden gelungen, das Assad-Regime weitgehend aus den von ihnen bewohnten Gebieten an der Grenze zur Türkei zu vertreiben.

„Rojava“ nennen die 2,5 Millionen Kurden ihr Siedlungsgebiet in Syrien, in dem seit zwei Jahren die sozialistische Demokratische Unionspartei, ein PKK-Ableger, das Sagen hat. Seither kämpfen die 45.000 Soldaten der kurdischen Selbstverteidigungskräfte (YPG) auch gegen arabische Rebellengruppen, die ihre Region an verschiedenen Fronten attackieren. Die Angreifer sind vor allem Dschihadisten der al-Kaida-nahen Al-Nusra-Front, die in den eher säkularen Kurden verdammenswerte Ungläubige sehen. 400 Gefallene hätten die syrischen Kurden bisher zu beklagen, erklärt der YPG-Sprecher Redur Xelil.

Dann sagt er jenen Satz, der die deutschen Gäste aufhorchen lässt: „In einem Gefecht an der irakischen Grenze hat uns Al-Nusra mit deutschen Panzerabwehrraketen beschossen.“ Als van Aken nach Beweisen fragt, lässt der Kommandant diese heranschaffen: die Hülle einer abgefeuerten Milan-Rakete aus deutsch-französischer Produktion mit einer Kennnummer, die auf das Produktionsjahr 1976/77 verweist. „Wir haben noch weitere erbeutet“, sagt Xelil. Das Abschussrohr sei den Kurden beim Rückzug Al-Nusras in die Hände gefallen. Andere YPG-Kommandeure haben der Berliner Zeitung den Beschuss durch Milan-Raketen bestätigt.

Die Waffe von Kamischli stammt vermutlich aus einer Lieferung von 4400 Milan-Raketen, die das Assad-Regime 1978 von Frankreich erwarb. Ihre Ausfuhr hatte damals eine Kontroverse im Bundestag und Proteste Israels hervorgerufen. Jetzt ist diese Milan-Rakete der erste handfeste Beweis für den Einsatz deutscher Kriegswaffen in Syrien. Zwar waren die Waffen in Internetvideos zu sehen, bei Kampfeinsätzen konnten sie bisher aber nicht nachgewiesen werden. Die Milan ist eine Panzerabwehrrakete, die aufgrund ihrer Durchschlagskraft auch im Häuserkampf eingesetzt wird.

Die Waffe wird seit 1973 von einem deutsch-französischen Konsortium hergestellt und wurde in mehr als 40 Länder exportiert. Auch die Bundeswehr nutzt die Waffe, die drei Kilometer weit fliegt. Hersteller heute ist das europäische Unternehmen MBDA, an dem unter anderem EADS-Airbus beteiligt ist. Wesentliche Milan-Teile werden in Deutschland gefertigt, die Endmontage erfolgt in Frankreich, das zumeist als Exporteur des Gemeinschaftsproduktes auftritt. Doch kann Deutschland jeden Verkauf durch ein Veto verhindern, das es sich 1972 für gemeinschaftlich entwickelte Waffen einräumen ließ und in zwei Fällen wahrnahm.

Wieso geschah das nicht im Falle Syriens? „Entweder aus geschäftlichen Gründen oder weil der Bundesregierung unter Helmut Schmidt die deutsch-französischen Beziehungen wichtiger waren als die deutsch-israelischen“, vermutet van Aken. In fast jedem Bürgerkrieg, den er untersucht habe, sei er auf deutsche Waffen gestoßen. „Dass jetzt aber Al-Kaida-Terroristen damit kämpfen, ist eine neue Qualität.“

Am 15. März 2013 eroberte Al-Nusra und zwei weitere islamistische Brigaden ein Depot der syrischen Armee westlich von Aleppo. Die Rebellen erbeuteten unter anderem Dutzende Munitionskisten. Videos davon stellten sie ins Internet. Ihnen fielen auch 22 Kisten mit je vier Milan-Raketen in die Hände, mit denen sie zunächst offenbar nichts anfangen konnten, weil ihnen die Abschusseinrichtungen fehlten, von denen die Franzosen 200 Stück nach Syrien geliefert hatten.

Raketen mit deutscher Aufschrift „Bodenziel“

Drei Monate später präsentierten die Dschihadisten plötzlich Videos vom Abschuss ihrer Beutewaffen – sie hatten sich die passenden Rohre besorgt. Aber wie kamen sie daran? Nach Ansicht des Waffenexperten Otfried Nassauer gibt es verschiedene Möglichkeiten: „Entweder sie haben sie bei Kämpfen mit syrischen Einheiten erbeutet, von ihrem Verbündeten Katar geliefert bekommen oder aus dem Irak erhalten.“ Iraks Diktator Saddam Hussein hatte in den 70er-Jahren ebenfalls Tausende Milan-Raketen von Frankreich bekommen, dazu 114 Abschussvorrichtungen. Al-Nusra steht beiderseits der syrisch-irakischen Grenze und hat Milan-Raketen schon im Irak eingesetzt.

Auf den Internetfilmen sind auch Raketen neueren Baujahrs zu erkennen, wie Registrierungsnummern belegen, die der Berliner Zeitung und dem NDR vorliegen. Zusätzliche Fotos dokumentieren eine Schiffsladung, die aus Libyen stammte, für die syrischen Rebellen bestimmt war und im April 2012 vom Libanon beschlagnahmt wurde. Einige Container enthielten Milan-Raketen mit der deutschen Aufschrift „Bodenziel“. Das belegen Fotos, die libanesische Netzaktivisten veröffentlichten.

Für Redur Xelil ist es schwer zu verstehen, warum die syrischen Kurden von häufig ausländischen Dschihadisten mit westlichen Waffen attackiert werden: „Die Freie Syrische Armee gibt es praktisch nicht mehr, es gibt nur noch mehr oder weniger radikale Islamisten – und sie arbeiten dem Regime in die Hände.“ In punkto Bewaffnung seien die Dschihadisten den Kurden weit überlegen. „Wir haben nichts, was wir der Milan entgegensetzen können.“

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